Neue Oper Wien

Die Angst vor der Form

Im Vortragssaal des Museums für angewandte Kunst begeistert eine kurzweilige und akustisch beglückende Produktion von «Geschichte», einer „A-capella-Operette“ von Oscar Strasnoy

Stephan Burianek • 17. September 2026


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Der Familienrat macht Witold den Prozess © Armin Bardel

Bereits als Kind faszinierten ihn die barfüßigen Landarbeiter auf dem polnischen Landgut seiner Familie, und er verstand nicht, weshalb man ihm, dem Landadeligen, Schuhe aufzwängen wollte. Die Rede ist vom avantgardistischen Schriftsteller und Dramatiker Witold Gombrowicz (1904-1969), der in seinen Werken ganz im Sinne des absurden Theaters dem vermeintlich „Normalen“ nicht nur die Grenzen aufzeigte, sondern die Normalität vielmehr als künstliche, aufgezwungene Form entlarvte. Auf höchst persönliche Weise goss er sein schöpferisches Lebens- und wohl auch Leidensthema in das Theaterstück „Historia“, Geschichte, das zwar ein Fragment bleiben musste, dem Librettisten Galin Stoev und dem Komponisten Oscar Strasnoy aber ausreichend Stoff für eine gleichermaßen vergnügliche wie betrüblich stimmende „A-capella-Operette“ lieferte. 

Im holzgetäfelten Vortragssaal des Wiener Museums für angewandte Kunst (MAK) sitzt das Publikum um die Szene herum, die sich längsseitig über mehrere Stationen erstreckt: Schulbänke, ein Tennis-Schiedsrichterturm, eine Wohnzimmer-Anordnung und zwei schwere Schreibtische für eine Gerichtsszene. Die Möbel entstammen dem 19. Jahrhundert, die Handlung spielt etwa 1921, Witold ist 17 Jahre alt.

Schon in den ersten Takten dieser vor 23 Jahren in Stuttgart uraufgeführten „Operette“ wird die inhaltliche wie musikalische Stoßrichtung klar: „Witold!“, ruft seine Verwandtschaft in abwechselnder Tonfolge und Intensität, bei der ein ganzes Panoptikum an Emotionen zutage tritt: fragend, befehlend, genervt und anklagend klingen dabei Vater, Mutter, Bruder Jerzy, Bruder Janusz und Schwester Rena – mal solo, mal im Chor.

Strasnoys Partitur schreibt den insgesamt sechs Solisten einen Sprechgesang mit virtuosen Einsprengseln vor, die zwar lang genug sind, um die Früchte ihrer Gesangsausbildung aufblitzen zu lassen, allerdings – mit Ausnahme der Hauptfigur Witold – zu kurz, um ihre Stimmen zum Blühen zu bringen. Das mag man schade finden, zumal das Ensemble aus klangschönen Sängern wie Ekaterina Protsenko-Paulsson (Mutter, Zarin), Valentino Blasina (Jerzy, Fürst Eulenburg) und Felix Heuser (Janusz, Fürst Pless) besteht. Andererseits bezieht Strasnoys rhythmische Partitur ihre Kraft aus einem raffinierten Zusammenspiel der Stimmen. Sie verzichtet auf Musikinstrumente, dafür schreibt sie immer wieder kurze Sound-Inseln vor, die über Lautsprecher eingespielt werden: Hühnergegacker, das ins polnische Landgut versetzt, wird vom bedrohlichen Gedröhne von Flugzeugen unterbrochen. Später läutet ein trügerisch heiterer Walzer die Verwandlung in den russischen Zarenhof ein.

Ekaterina Protsenko-Paulsson als russische Zarin mit Handpuppen, dahinter erfährt Nikolaus II. von den Ereignissen in Sarajevo © Armin Bardel

Zunächst aber beschäftigt sich gleichsam eine Familienaufstellung mit einem Mitglied, das aus der Reihe fällt: Witold verweigert die Beschuhung, also wird der Familienrat einberufen. Höhnisch bescheinigt man ihm ein „Sehr gut“ auf eine „Unreifeprüfung“ und beschließt seine Einberufung in die Armee. Die krankhafte Besessenheit, mit der sämtliche Familienmitglieder notorisch auf Witold herumhacken, lässt die Vermutung aufkommen, dass Witold unter allen Akteuren der am wenigsten Verrückte ist. Die Wiener Produktion verstärkt diesen Eindruck durch einen Monolog, der als kurze Einführung dient. Witold erklärt darin: „Die Form deformiert uns. Wenn man zu lange in einer Form verharrt ist das gefährlich“, denn sie führe im schlimmsten Fall „zur Radikalisierung und Diktatur“. Es besteht kein Zweifel: Innerhalb seiner Familie hat Witold den schärfsten Verstand. 

Die Hauptpartie übernimmt Johannes Wieners, dem Countertenor gibt Strasnoy in einer Art Wahnsinnszene als einzigem die Möglichkeit, solistisch zu reüssieren – was Wieners mit seiner reinen, hier gehetzt zum Einsatz kommenden Falsett-Stimme eindrucksvoll nutzt. Erst durch die familiäre Verurteilung zur Sprachlosigkeit flüchtet sich seine Figur in einem etwa zehnminütigen Solo und mit der vermeintlichen Erkenntnis, „für die Welt verantwortlich“ zu sein, in einen Tunnel des Wahnsinns.

Am Ende glaubt Witold sogar, in Sarajevo den Erzherzog Ferdinand erschossen und somit den Weltkrieg ausgelöst zu haben – und wähnt sich anschließend als Gesandter zwischen dem deutschen Kaiser Wilhelm II. und dem russischen Zaren Nikolaus II. (die einander als Cousins dritten Grades freundschaftlich verbunden waren, wie vor Beginn der Vorstellung auf einer Leinwand aufgeklärt wird, die jedoch von ihren „Rollen und Bündnissen“ in den Krieg getrieben wurden). Diese Entwicklung ist freilich surreal, denn im Handlungsjahr 1921 war der Erste Weltkrieg längst vorbei. In seinem Wahn erkennt Witold in den historischen Figuren seine Verwandten.

Es braucht in diesem Werk keine Dirigentin, sehr wohl aber eine musikalische Einstudierung, für die Anna Sushon verantwortlich zeichnet. Die große Wortdeutlichkeit der Akteure macht die beiden Text-Bildschirme weitgehend überflüssig, der MAK-Vortragssaal bzw. die szenische Anordnung entpuppen sich zudem als akustischer Glücksfall.

Trotz diverser Sprechpassagen und einer gewissen Komik in der Musik und im Text erstaunt die Bezeichnung „Operette“, denn allzu tiefgründig erscheint «Geschichte». Ob sie auf die mit 75 Minuten recht kurze Aufführungsdauer bezogen ist? Die Dramaturgin Ksenija Zadravec erklärt in einem ihrer Beträge für das Programmheft: Die Operette sei „keine naive Flucht aus der Wirklichkeit, sondern eine raffinierte Technik ihrer Verwandlung. [...] Ihr Humor ist dabei keineswegs bloßer Schmuck, sondern entwaffnende Erkenntniskraft. [..] Indem sie ihre Figuren überzeichnet, ihre Konventionen ins Absurde steigert und ihre Rituale (liebevoll) karikiert, macht sie sichtbar, wie sehr das soziale Leben selbst auf Inszenierung beruht.“ Gombrowicz selbst schrieb mit seinem Theaterstück „Operetka“ (1966), in dem auf grotesk-humoristische Weise u.a. die Stellung der Aristokratie hinterfragt wird, zudem eine völlig überdrehte Parodie auf die Welt der Operette. Vor diesem Hintergrund macht die von Strasnoy und Stoev gewählte Gattenbezeichnung durchaus Sinn.

Witold (Johannes Wieners, ganz rechts) prophezeit der Welt eine Katastrophe © Armin Bardel

Der Regisseur Taro Morikawa ließ sich bei seiner flotten Personenführung (Choreografie: Eva Klug) vom ironischen Gehalt von «Geschichte» leiten und beschert dem Publikum einen kurzweiligen Abend. Amüsant ist, wenn Witolds Familie sich beim höhnischen Ablegen von Schuhen und Socken „Plastik-Barfuß-Schlapfen“ überzieht oder wenn die Lächerlichkeit des russischen Zarenhofs durch Handpuppen gesteigert wird. Auch die überlieferte körperliche Einschränkung Wilhelms II. fand in seiner Arbeit ihren Niederschlag: Morikawa lässt Harald Hieronymus Hein als Vater / Kaiser / Zar mit einem gelähmten linken Arm auftreten, was ihm in einer Rede Wilhelms II. immerhin eine Pointe einbringt („in meinen Händen – äh, meiner Hand – halte ich Krieg und Frieden“). Das Ergebnis ist eine stimmungsvolle, farbenfrohe und dennoch geistig anregende Produktion, die witziger und noch grotesker wirkt als beispielsweise die ebenfalls sehenswerte, auf Youtube archivierte Produktion aus dem Jahr 2011 durch die Neuen Vocalsolisten in Stuttgart (Regie: Titus Selge). Morikawas Arbeit macht Lust auf eine Beschäftigung mit Witold Gombrowicz‘ Arbeit, die das „Normale“ so lange übersteigert, verdreht und ins Groteske treibt, bis seine Künstlichkeit sichtbar wird.

Hier wird das Überlegenheitsgefühl einer stumpfsinnigen, sich in der Nötigung selbst gefallenden Gemeinschaft zur Triebfeder, die aus dem klar Denkenden einen Verrückten macht, der am Ende einem Hofnarren gleich immer noch Wahres spricht, wenn er der Welt eine Katastrophe prophezeit. Wem zwanghaft eine Form übergestülpt wird, der hört auf, er selbst zu sein. Im Gleichschritt schreitet er dann in sein Verderben, und alle anderen mit ihm.


«Geschichte» – Oscar Strasnoy
Neue Oper Wien ∙ Museum für angewandte Kunst (MAK) / Vortragssaal

Kritik der Premiere am 16. September
Termine: 19./20./22./23. September

 


Zum Thema

YOUTUBE / OSCAR STRASNOY
Video-Stream: «Geschichte» von Oscar Strasnoy (Komposition, Libretto) und Galin Stoev (Libretto)
, Neue Vocalsolisten (Regie: Titus Selge), Stuttgart, 2011.