Musiktheater an der Wien
Verzauberungstheater mit Sternen und Satyrn
Mit tiefgründiger Poesie erzählen Stefan Herheim und sein Regieteam die Geschichte von der Verwandlung Calistos zum Sternbild des großen Bären; fabelhaft auch Christina Pluhars Instrumentalfassung der Cavalli-Oper
Edwin Baumgartner • 17. September 2026
Glühwürmchen tanzen, und Sterne, Calisto und Jupiter schweben im Liebesbett, die Satyrn rammeln – pardon, aber bei Halb-Ziegen ist das Wort „vögeln“ sozusagen naturgemäß falsch – alles, was egal wie viele Beine hat: Es geht um den Unterschied zwischen Sex und Liebe in dieser Oper, die ihr Komponist Francesco Cavalli neutral als „dramma per musica“ bezeichnet und die eine spermagesättigte, bisweilen eindunkelnde Komödie samt lesbischer Liebe ist. Schließlich muss sich Jupiter in Diana verwandeln, um mit Calisto schlafen zu können. Und dass die letzten Endes allen Widrigkeiten zum Trotz doch zustande gekommene Beziehung zwischen Endimion und Diana keusch bleibt, glaubt niemand – schon gar nicht der Regisseur, Theater-an-der-Wien-Hausherr Stefan Herheim, der ganz nahe am wirrungsreichen Text geblieben ist. Diese Produktion ist von einer vollendeten Schönheit, die man kaum für möglich hält.
Cavalli, Schüler Claudio Monteverdis, komponierte seine Opern am Beginn des Barocks mit der Renaissance-Idee des Gesangs als gesteigertes Sprechen im Kopf. Selbst in den virtuosesten Momenten bleiben die Ariosi und Arien rezitativisch, während die Rezitative immer wieder mit prägnanten melodischen Formulierungen die Gefühlslagen ausdrücken. Wie üblich, hat Cavalli weitestgehend nur Singstimme und Bass notiert und das restliche Gefüge den Improvisationskünsten der Musiker überlassen. Für den heutigen Gebrauch ist es notwendig, eine Aufführungsfassung der Musik zu erstellen.
Für die Produktion im Theater an der Wien hat das Christina Pluhar gemacht, und ihre Version ist fabelhaft: Der Orchesterklang ist farbintensiv, im Basso continuo das Cembalo nur ganz dezent, dafür Kammerorgel, Cello und Viola da gamba, Theorben und Harfen kommen darüber hinaus zu lautmalerischem Einsatz; dem Orchester verleihen Blockflöten, Zinken und Posaunen einen herbsüßen Nachrenaissance-Klang, und immer wieder unterstreicht das Schlagzeug die von Christina Pluhar und ihrem Ensemble L’Arpeggiata federnd realisierten Rhythmen. Dadurch weitet sich die stilistische Bandbreite von Sprechgesang und liedhaften Elementen über edelsüße Arien und Ensembles bis zu nahezu musicalhaften Nummern, etwa am Ende des Ersten Teils. Doch Christina Pluhar gelingt es, die Elemente naht- und bruchlos zu einem letzten Endes überwältigenden Ganzen zu formen.
Dazu kommt ein ideales Ensemble: Vera-Lotte Boeckers charismatische Calisto lässt Milan Siljanovs baritonal männlichen Jupiter als Diana sogar im Falsett verführerisch wirken, Giuseppina Bridelli ist eine furios eifersuchtsgebeutelte Juno, die in ihrer Klage einen der großen Momente dieses an großen Momenten überreichen Abends hat, Luciana Mancini und Arnaud Gluck sind als Diana und Endimion das makellose Paar, das langsam aufeinander zugeht. Und doch sind es die komischen Gestalten, die die Akzente setzen, vor allem Marcel Beekman als Linfea, doch ebenso Juan Sancho als altlüsterner Pan, Jake Arditti (Satirino) und João Fernandes (Silvano). Renato Dolcini ist als Mercurio zugleich das Schicksal und somit der Spielleiter, bald übertrieben, bald ölig, kettenrauchend, ein Strippenzieher, und von der Kostümbildnerin Yashi dementsprechend als einziger in modernes Gewand gekleidet, während sie sonst augenzwinkernd eine durch die Renaissance- und Barockbrille gesehene Antike stilisiert.
Überhaupt ist die Ausstattung ein wesentlicher Faktor für das Gelingen dieser Produktion: Bühnenbildnerin Silke Bauer zitiert die Kulissenbahnen des barocken Theaters, in deren Bildmagie sich Herheims verspielte und dabei tiefgründige Poesie dieser Inszenierung spiegelt. Die Geschichte von der Verwandlung Calistos zum Sternbild des großen Bären: In dieser wunderbaren und vom Publikum mit stehenden Ovationen gefeierten Produktion ein Verzauberungstheater, das zum schwelgenden Schauen einlädt und dennoch sehen lässt.
«La Calisto» – Francesco Cavalli
Musiktheater an der Wien ∙ Theater an der Wien
Kritik der Premiere am 16. September
Termine: 19./21./24./26./28. September