Keine Notlösung

Die Durchschlagung des Gordischen Knotens

Peter de Caluwe wird Intendant der Salzburger Festspiele. Ein Kommentar

Edwin Baumgartner • 17. September 2026

Ebenso wie sein einstiger Chef Gerard Mortier war auch Peter de Caluwe einst Intendant am Opernhaus La Monnaie / De Munt in Brüssel © Mireille Roobaert

Da hat das Salzburger Festspielkuratorium also doch noch in letzter Sekunde die Notbremse gezogen. Vielleicht waren es auch die Findungskommission und die viel gescholtene, doch recht intakte Salzburger Kulturpolitik, die gewieft die Medien samt dem ORF in die Irre laufen haben lassen: Neuer Intendant der Salzburger Festspiele wird Peter de Caluwe, 63-jähriger belgischer Dramatiker und vor allem, was den Ausschlag gegeben hat, erfolgreicher Intendant des Théâtre Royal de la Monnaie in Brüssel. Das von den Medien favorisierte und aus Gründen unklarer Aufgabenverteilung mit relativer Sicherheit zum Scheitern verurteilte Duo bestehend aus dem an tausend und einer Bühne inszenierenden Regisseur Barrie Kosky und der Amsterdamer Opernchefin Sophie de Lint ist aus dem Rennen. Als Freund der Salzburger Festspiele glaubt man, aufatmen zu dürfen.

Obwohl – da war doch was mit Salzburg und Belgien, dem Théâtre Royal de la Monnaie und einer Atmosphäre, die mehr einem Südsee-Taifun geglichen hat als dem Salzburger Schnürlregen. Und tatsächlich: Peter de Caluwe entstammt dem engsten Umfeld von Gérard Mortier. Der Literatur- und Theaterwissenschaftler war am Théâtre de la Monnaie Mortiers Dramaturg, nicht nur, aber speziell zuständig für Jugendprojekte und PR.

Also eine Mortier-Neuauflage? Eine Salzburger Verzweiflungslösung? Oder die Durchschlagung des Gordischen Knotens, der sich in einem salzburg-spezifischen Festspiel-Beziehungssystem der Seil- und Freundschaften ausgedrückt hat, als dessen letzter Höhepunkt Markus Hinterhäuser – freilich auf höchstem Niveau künstlerisch wie kommerziell erfolgreich – agierte?

Kommt darauf an, was man will. Und da dürften sich die Personen durchgesetzt haben, die einer Stabilisierung der Salzburger Festspiele mit einem verantwortlichen Generalintendanten den Vorzug vor einem immerwährenden Kompetenzengerangel einer instabilen Doppelspitze gegeben haben. Denn eines ist klar: de Caluwe ist keine Notlösung. Dass de Caluwe als Festspielchef in Einzelverantwortung nun sogar von Kulturjournalisten bejubelt wird, die eben noch einer unsinnigen kollektiven Führung das Wort geredet haben, sagt viel aus – sowohl über Caluwes Eignung wie über die Wendigkeit des Feuilletons. 

Die Bestellung de Caluwes ist dabei eine Lösung, die so auf der Hand liegt, dass man sich fragt: Wieso nicht gleich? Und das nicht trotz, sondern wegen des Mortier-Hintergrunds. Mortier war der geeignete Mann für die notwendige Entkarajanisierung. Nach Karajans Tod wären die Salzburger Festspiele ohne Mortier in eine jährliche Trauerkundgebung versunken, die Karajan-Nostalgie, so berechtigt sie vielleicht gewesen wäre, hätte kaum Platz für eine Weiterentwicklung gelassen. Mortier schaffte es, trotz personeller und künstlerischer Fehlentscheidungen, wie sie jedem Intendanten weltweit unterlaufen, die Tradition zu bewahren und ihr Neues hinzuzufügen. Seine unüberlegten und oft sinnlos provokanten Wortmeldungen können nicht darüber hinwegtäuschen, dass der von Hugo von Hofmannsthal und Richard Strauss inspirierte Festspielgedanke erfrischt am Leben geblieben ist.
 
Genau das ist auch jetzt wieder notwendig: Nach einer lediglich individuell unterschiedlich langen Zeit verbrauchen Intendanten ihre Ideen und kopieren sich selbst. Hinterhäusers kommerzieller Erfolg darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass seine Programme und seine Auswahl von Künstlerinnen und Künstlern zunehmend – auf hohem künstlerischen Niveau zweifellos – stagnierte und nur noch More-of-the-same für seine Seilschaften zur Verfügung stellte. 

Eine auffrischende Weiterentwicklung auf der Basis der Tradition wird nur jemand erreichen, der nicht ins Salzburger Beziehungsnetz eingebunden ist. Der Salzburg-Außenseiter de Caluwe kann also durchaus den Salzburger Festspiel-Gedanken ohne Salzburger Seilschaft-Denken beleben. Dass de Caluwe kein Berserker ist, der um der Zerstörung willen zerstört, beweist ein Blick in die jüngeren von ihm verantworteten de-la-Monnaie-Programme, die sich nahezu als Empfehlung für die Opernschiene der Salzburger Festspiele ausnehmen: Richard Wagners «Ring des Nibelungen», Georges Bizets «Carmen», ein Monteverdi-Pasticcio, Nikolai Rimski-Korsakows «Zar Saltan», Dmitri Schostakowitschs «Nase», Camille Saint-Saëns «Henry VIII», Tschaikowskis «Eugen Onegin», dazu eine Uraufführung wie Bernard Foccroulles wohlklingende «Cassandra» zeugen von Vernunft, kein Produktionsteam weist in die Richtung abschreckender Dekonstruktion. 

Sollte es jetzt noch gelingen, die Übergangs-Chefin Karin Bergmann als Leiterin der Schauspiel-Schiene zu gewinnen, wäre für die Salzburger Festspiele tatsächlich viel gewonnen – und die Kulturpolitik an der Salzach wäre zu loben, auch, wenn die Vertragsverlängerung von Präsidentin Kristina Hammer, die in der Hinterhäuser-Krise eine jämmerliche Figur abgegeben hat, diskutabel scheint. Man kann Hammer nur wünschen, dass die nicht auf ähnliche Weise Feuerwehr spielen muss, wie seinerzeit Helga Rabl-Stadler, die Geldgebern, dem Freunde-Verein und dem Publikum gegenüber Mortiers Brandworte löschen musste. Und wenn de Caluwe doch auch in diesem Punkt ein Mortier-Nachfolger werden sollte, dann wird sich zeigen, wie stark Kristine Hammer ist. Man kann ihr und den Salzburger Festspielen nur wünschen, dass es nicht notwendig wird.