Staatstheater Meiningen

Menschliche Erschütterung statt metaphysischem Schauder

Fulminanter Chor, starkes Ensemble: Die Zweitaufführung von Alfred Schnittkes «Historia von D. Johann Fausten»

Roland H. Dippel • 20. September 2026

Der Chor hat die Hauptpartie: Chor des Staatstheaters Meiningen
(Leitung: Roman David Rothenaicher) © Christina Iberl

Der Deutschrusse Alfred Schnittke war ein großer Bewunderer von Thomas Manns Roman „Doktor Faustus“. Doch bei allem Respekt vor einem kompositorischen Œuvre, das um 1990 zu den heißesten Aktien des zeitgenössischen Konzertbetriebs zählte: Schnittkes finale oratorische Weheklage reicht ästhetisch bei weitem nicht an jene nach innen schreienden Dissonanzen und jenes dunkel-hybride Melos aus Wagner und Schönberg heran, das Mann seinem syphilitisch infizierten Protagonisten Adrian Leverkühn als visionäres Vermächtnis in die Partitur dichtete.

Es ist symptomatisch, dass die dreiaktige Oper «Historia von D. Johann Fausten» nach ihrer Uraufführung an der Hamburger Staatsoper 1995 (unter dem Dirigat von Gerd Albrecht und in der Regie von John Dew) sage und schreibe 31 Jahre lang von deutschen Spielplänen verbannt blieb – eine Rezeptionslücke, die die vertragliche 24-Jahre-Frist des literarischen Höllenpakts von Faust ironisch überrundet. Die Zweitaufführung folgte jetzt im Faust-Land Thüringen – in 120 Kilometer Entfernung von Weimar, wo Goethe seine Adaption vollendete, und in etwas kürzerer Entfernung von Erfurt, wo der Höllenpaktler Faust einige seiner drastischen Streiche vollzogen haben soll.

Schnittkes Oper ist letztlich eine Collage und mehr noch ein musikalischer Fleckenteppich, auch weil der Komponist wegen schwerer gesundheitlicher Beeinträchtigungen die fertigen Teile nur mit mühevollen Anläufen für die Uraufführung einrichten konnte. Eigentlich blieb die Partitur also unfertig. Deshalb entstand für die Meininger Produktion eine stark veränderte, musikalisch und szenisch aber bestens legitimierte Einrichtung. Deren besondere Neuerungen betrafen Ergänzungen aus Schnittkes Konzert für Viola und Orchester, welche mit Bühnenauftritten der Bratschistin Anna Maria Wünsch für den Auftritt des Trugbilds Helena verwendet wurden. Diese kommt bereits im von Schnittke und seinem Textautor Jörg Morgener als Quelle genutzten Faust-Volksbuch vor – nicht erst im zweiten Teil von Goethes Tragödie. Diese Zutat erweitert Schnittkes Stilpluralismus noch um eine bezirzende Süße als Klangpunkte für jene Sehnsucht nach Liebeserfüllung, welche dem Forscher, Doktor und Abenteurer Johann Faust durch den Höllenpakt verboten ist.

Der Gottesfrevler sucht das Ideal: Mateusz Ługowski (Doktor Johann Faustus), Tobias Glagau (Erzähler), Anna Maria Wünsch (Viola / Helena) © Christina Iberl

Das Volksbuch entstand als abschreckendes und dabei sehr burleskes, grobianisches und makabres Beispiel für den Sturz eines Gottlosen, und es zielte gegen Ende des 16. Jahrhunderts natürlich auf die Anhänger der Reformation. Worauf es hingegen Schnittke in seiner «Historia von D. Johann Fausten» genau ankam, erschließt sich nicht. Der figürlich zweieinige Teufel macht Eindruck – in Meiningen durch die thrillerartig expressive Counterstimme von Meili Li als Mephostophiles und die mit satter Attraktivität die Teufelin Mephostophila zeichnende Mezzosopranistin Abongile Fumba. Sie darf Fausts Höllenfahrt dank Schnittke mit einer Fast-Hollywood-Apotheose finalisieren.

GMD Killian Farrell zeigte im ersten Teil Schnittkes Hinwendung zu den radikal strengen Chorsätzen von Heinrich Schütz. Er streute Schnittkes tastend experimentierende und heute fast nostalgisch wirkende Pop-Klänge sehr apart. Später zeigt er keine Scheu, die ausgekargten Sätze um Fausts Schlussgesang im Raum des Großen Hauses ungepolstert an- und verklingen zu lassen. Die Meininger Hofkapelle bewahrt auch bei den dunkelsten Vorgängen die für sie typisch helle Timbrierung. Schnittkes Partitur gibt zwar in den Schütz-nahen Passagen des langen ersten Teils schneidende Vorgaben, doch Gelegenheit für orchestrale Kürstücke mit Sportivität oder Brillanz bietet sie kaum.

Es ist Eva-Maria Höckmayr hoch anzurechnen, dass und wie sie das Handlungskolorit von einer armen, verfremdeten Renaissance über ein listig übertriebenes Barock zu einer in Kleidung der Gegenwart über Fausts Höllenfahrt zerknirschten Gruppe findet. Wie sie jede einzelne Chorfigur sich entfalten lässt, erhebt Schnittkes Oper zu einem im Musiktheater des 20. Jahrhunderts selten gewordenen Volksdrama. Roman David Rothenaicher gibt dem Kollektiv Fülle und Kraft. Die Chormenschen zeigen höhere Intensität als die Teufelsfiguren. Julia Rösler paraphrasiert die angerissenen Epochen mit ihren Kostümen, statt sie penibel zu imitieren. Faust flucht, giert, rast vor einem recht ärmlichen Ambiente. Die «Historia von D. Johann Fausten» wird zu einem Musterspiel, bei dem die menschliche Erschütterung wichtiger wird als der Pakt selbst. Zudem wirken die Teufelsfiguren eher stilisiert als echt bedrohlich; die Videos mit den aufgebahrten Figuren Helenas und Fausts von Krzysztof Honowski heben die metaphysische Dimension des Stoffes auf. Nüchtern wirkt auch das breite, an einen Schlachthof gemahnende Podest aus weißen Kacheln in der Dekoration von Michele Taborelli. Während die beiden Teufelsfiguren vor allem durch ihre stimmlichen Hochleistungen glänzen, bietet Höckmayr den beiden Männern im Zentrum vitale und der essenziellen Dimension des Stoffes angemessene Entfaltungsvorteile.

Faustus zwischen den Kräften der Hölle: Meili Li (Mephostophiles), Mateusz Ługowski (Doktor Johann Faustus), Abongile Fumba (Mephostophila) © Christina Iberl

Der Kraftbariton Mateusz Ługowski zeigt als Faust die Facetten eines wildernden Michael Kohlhaas und gleichzeitig die Pranke eines diesseitsfreudigen Renaissancetyrannen. Goetheferner kann ein Faust nicht sein. Ługowski stürzt sich in die Versuchungen, macht das Lamentieren auf den Liebesverzicht glaubhaft und läuft im Klagegesang zu einer sinnlichen Verdrängungsbreite auf, die erfreulicherweise Schnittkes immer spröder werdenden Musikfluss zum Besten der Aufführung sprengt. Tobias Glagau wird als Erzähler zu einem Anti-Evangelisten mit lyrischer Expansion und konzentrierter Kraft. Höckmayr lässt ihn immer wieder aus der objektivierenden Distanz hinausbrechen. Und immer wieder drückt sich der Chor ins Geschehen. Leicht gedimmter Applaus zur Pause, doch noch vor dem Blackout brandet die Begeisterung mit Ungeduld los – für alle Mitwirkenden. Doch es wird wohl auch nach dieser höchst engagierten Inszenierung einige Zeit bis zur nächsten Aufführung der «Historia von D. Johann Fausten» dauern. Denn bekanntermaßen hält das Musiktheater-Repertoire noch ganz andere Faust-Kaliber bereit – und das müssen nicht nur die Hits aus dem 19. Jahrhundert sein.

 

«Historia von D. Johann Fausten» – Alfred Schnittke
Staatstheater Meiningen · Großes Haus

Kritik der Premiere am 18. September 2026
Termine: 18./20. September; 9. Oktober; 15./29. November 2026; 20./27. März 2027