Deutsche Oper Berlin
Kosmischer Liebesdienst als Chef-Erklärung
Regisseurin Susanne Kennedy nähert sich dem Mythos Stockhausen und verschafft Aviel Cahn mit «Mittwoch aus Licht» einen fulminanten Einstand in Berlin
Roland H. Dippel • 22. September 2026
„Make Love...“ betitelte Aviel Cahn mit dem Wechsel vom Grand Théâtre de Genève seine erste Spielzeit an der Deutschen Oper Berlin – und präsentiert als Eröffnungspremiere das (Teil-)Stück eines früheren Enfant terrible der deutschen Nachkriegsavantgarde. Die zweite Vorstellung war gut gefüllt, aber nicht ausverkauft wie zum Beispiel die Uraufführungen von «Mittwoch aus Licht» und «Freitag aus Licht» an der Oper Leipzig in den 1990er Jahren, mit denen Udo Zimmermenn damals seine größten Verkaufserfolge einfuhr. Trotzdem: Das Publikum im Parkett war in diesen vier Stunden so bunt wie lange nicht. Neben Dauergästen und Szene-Hipstern fanden sich viele Getreue der seit dem Tod des Meisters etwas geschrumpften Stockhausen-Gemeinde ein. Diese gibt es also noch immer. Selbst wenn man befürchten musste, dass Stockhausens krude Religionserfindung der Figuren-Triade Eva, Michael und Luzifer mitsamt eines höheren Interesses für die sieben Stücke des «Licht»-Zyklus mit fast 30 Stunden Spieldauer etwas aus der Zeit gefallen seien.
Aber ganz im Gegenteil: Der interstellare Kongress mit der Präsidentschaftswahl eines Repräsentanten der ebenso interstellaren Liebe fand in der Deutschen Oper Berlin an die tausend offene Ohrenpaare eines vor Staunen fast reglosen und hynotisierten Publikums. Man war nie ganz sicher, ob die Anwesenden aus Ergriffenheit, Überwältigung oder Lähmung verstummten. Der kurze Applaus vor den beiden Pausen ließ auf emotionale und dekorative Überwältigung schließen. Maxime Pascal und das Ensemble Le Balcon sind durch aktive Erfahrung Experten für den siebenteiligen «Licht»-Zyklus. Pascal setzt auch mit Messiaens «Saint François d'Assise» bei den Salzburger Festpielen dieses Jahr eine Schwerpunkt auf esoterisches Musiktheater. Dabei beobachtet Pascal seit langem, was die Musik Stockhausens in und mit empfangsbereiten Menschen anrichtet. Die lockerer werdende Zeitverhaftung und Stockhausens Prägung durch die „Habt euch lieb“-Botschaft der Hippie-Bewegung sowie Visionen bzw. Eingebungen in Nähe zu frühen Science-fiction-Serien sind in nach wie vor Kreativkick und Anknüpfungspunkt. Trotzdem überwindet «Mittwoch aus Licht», das als letztes 2012 in Birmingham uraufgeführtes Teilstück, letztlich Vorbehalte und behält die Aufmerksamkeit des Publikums.
Das liegt sich auch an der Opern-unkundigen Performerin Susanne Kennedy und ihrer Methode: Sie nähert sich Stockhausens kompliziertem, dabei auf eine einzige kompositorische „Superformel“ und musikalischen Ureinfall bauenden Kosmos nicht durch ungläubige Kritik, sondern mit kreativer, intellektueller und affektiver Hingabefähigkeit. Ihr Partner Markus Selg schmiedete am Konzept und Video mit, bei dem ihm mit Warja Rybakova imponierende Sequenzen gelingen. Gar nicht so viele Menschen spielen Instrumente, interagieren auf der Bühne der DOB oder gestikulieren in sich versunken. In der ersten von vier Szenen mit einem Gruß und Abschied sind die Chormitglieder stark gefordert. Sie tragen Kopfstrümpfe mit freien Gesichtern. Alle Geschlechter schauen mit ihren weißen Habits und Glockenärmeln aus, als seien sie Mitspielende im „Report der Magd“. Nach der Pause folgt der große Coup, wenn die vier Spielenden einer Streichquartett-Besetzung in vier Helikopter Richtung blauen Himmel aufsteigen und mit Mikros einen von Stockhausens größten, deshalb in «Licht» eingesetzten Erfolgen spielen. Aufgezeichnet wurde dieser Videospaß und auch als separates „Konzertstück“ gern gegebene Stockhausen-Hit zwei Wochen vor der Premiere am Flughafen Schönhagen. Und die Stimme des Meisters erläutert in einer Aufnahme aus dem Jahr 1995 höchstselbst die technisch-ästhetische Konzeption.
Seine Musik wirkt in ihrer elektronischen Artifizialität und dem seltenen, dafür desto ausladenderem Vorstoß ins Fortissimo noch immer nicht veraltet. Markus Selg setzte vor die Projektionswand, von der es pastoral bis psychedelisch leuchtet und utopisch-archaische Gebäude beim perspektivischen Gleitflug stürzen, eine kruzifixähnliche Skulptur mit kugelrundem Sichtloch für Projektionen. Ein großes Auge etwa. Das Grau und die unregelmäßige Oberfläche sowie die Unregelmäßigkeit dieser Skulptur gemahnen an Austattungen von Science-Fiction-Filmen aus der Mitte des 20. Jahrhunderts. Für die Kostüme dachte Andra Dumitrascu zurück in die Kultzeiten der Space Opera und modellierte Psychedelismus in farbintesive Postmoderne weiter. Das Set ist von einer klaren, intensiven Buntheit. Kennedy, Selg und Dumitrascu aktualisieren nur gemach. Dieses Opus ist ein schwieriges Unterfangen – weil nur schwer zu trennen von Stockhausens freizügigem Visionen, in denen Motive aus einem ihm fernstehenden Christentum und heimelige Begegnungen der dritten Art vom Planeten Sirius verschmelzen. Umfängliche Selbstlegitimationen und lapidare Kurzanweisungen sollen Verständnishürden ausräumen. Einen nicht zu unterschätzenden Anteil am Gesamtereignis hat die Klangregie von Florent Derex und des Computer Musik Designers Augustin Muller sowie die vielen kleinen Soli. Sie glänzen da, wo der rationale Publikumsverstand vor Stockhausens Gedankenkosmos kapituliert.
Die Episode mit dem Kamel, aus dessen Hinterteil verschiedenfarbene Kugeln als Symbole für Stockhausens Wochentage-Esoterik purzeln, gerät nicht zur Lachnummer. Schon das sollte eher Respekt vor dieser Produktionsleistung einflößen als süffisante Kommentare evozieren. Der archäologische Gesamteindruck entsteht, weil es offenbar noch immer keine Methoden-, Gedanken- und Spekulationsinstrumentente gibt, welche das aus der Nachkriegsavantgarde und allen anderen erfassbaren Musikströmungen herausragende Ouevre Stockhausens für die Lebenswirklichkeit des 21. Jahrhunderts kompatibel machen. Dabei ertragen Maxime Pascal und Le Balcon die konditionelle und spirituelle Herausforderung doch nur, weil Stockhausen eine lohnende Qualität und Substanz hat.
Jeremy Bines als Dirigent des Welt-Parlaments und der Chor der Deutschen Oper Berlin leisten Herausragendes. In das reguläre Repertoire schafft es Stockhausens Zyklus «Licht» klarerweise trotzdem noch schwerer als Zimmermanns «Die Soldaten». Dabei verfügt Stockhausen über die langfristige Befähigung zu irritieren – egal ob belustigend oder überwältigend. Das bedeutet viel in einer Welt, wo auf allen Kanälen fast alles erklärbar ist. Zum Vergleich: Nach 1900 und damit etwa 20 Jahre nach seinem Tod erreichte Richard Wagners Werk seine Spitzenwerte in Popularität, Präsenz und Verankerung in der europäischen Kulturmatrix. Von einer solchen Verbreitung ist der mehrfach als Gesamtkunstwerker mit Wagner verglichene Stockhausen fast 20 Jahre nach seinem Tod noch immer weit entfernt. Und es bleibt die Frage: Was will Aviel Cahn außer dem fulminanten Eröffnungskick mit diesem Intendanzstart sagen und mit was diesen noch übertreffen? Welche Botschaft steckt für die kommenden Programmakzente der Deutschen Oper Berlin dahinter? Das wird mindestens so bedenkenswert wie diese Produktion selbst.
«Mittwoch aus Licht» – Karlheinz Stockhausen
Deutsche Oper Berlin · Großes Haus
Kritik der Vorstellung am 20. September
Termine: 19./20./23./26./27. September