Theater Nordhausen
Düstere Briefe, frostige Ehezeit
Im Südharz spielt Massenets «Werther» im Jahr 1913, das wirft Fragen auf. Gesungen wird exzellent
Roland H. Dippel • 26. September 2026
Die Nordhäuser «Werther»-Produktion markiert innerhalb eines Jahres bereits die zweite thüringische Inszenierung mit einer außergewöhnlichen Orchester-Situation. Wurde im Herbst 2025 in der Redoute des Deutschen Nationaltheaters Weimar die im Orchesterprobensaal live agierende Staatskapelle Weimar akustisch in den Saal übertragen, so positionierte man hier das Loh-Orchester Sondershausen im fernen Hintergrund des Nordhäuser Theaters im Vorbau – gemessen an diesen Provisorien freilich optimal verstärkt.
Mit solch logistischen Kompromissen hat es indes hoffentlich bald ein Ende: Zum gegenwärtigen Zeitpunkt ist die Wiederaufnahme des Spielbetriebs im noch unter Sanierungsgerüst stehenden Theatergebäude aus dem Jahr 1917 zum Beginn der Spielzeit 2027/28 avisiert. Der Vorbau, vor Beginn der Hauptarbeiten fertiggestellt, birgt im zukünftigen Ballettsaal die aktuelle Ersatzspielstätte des „TN LOS!“. Den erschwerten Bedingungen tut die liebevolle Sympathie des Publikums zu seinem Theater jedoch keinen Abbruch. Die stille, hoch konzentrierte Aufmerksamkeit und Hingabe des Auditoriums gerät zur reinen Freude. Nach «Werther» dankte das Auditorium fast eine Viertelstunde mit immer wieder frisch befeuertem Applaus für alle Beteiligten und das sich vor dem Spielpodium mit dem tiefroten Bühnenvorhang drängende Loh-Orchester.
Operndirektor Benjamin Prins sorgt im vom demographischen Wandel geprägten Südharz für eine luxurierende Ausrichtung am französischen Repertoire – nach «Roméo et Juliette» und «Les contes d'Hoffmann» in den Vorjahren folgt auf «Werther» im April als zweite Massenet-Produktion (in einer einzigen Spielzeit!) dessen Oratorium «Marie-Magdeleine». Man verfügt im Ensemble tatsächlich über den idealen Tenor für dieses exquisite Fach: Kyounghan Seo singt jetzt auch die große Paradepartie des Werther intensiv, berückend und herzzerreißend – ein Akteur im vokalen Ausnahmezustand. Dabei lässt die Regie von Matthias Kitter trotz projizierter Zitate aus Goethes Briefroman und dem Libretto von Édouard Blau, Paul Milliet und Georges Hartmann weitgehend offen, ob Werthers emotionaler Überschwang primär seiner Schreibwut, der Liebe zu Charlotte oder einem psychischen Aufgewühltsein als Elixier für ein explosiv gesteigertes Dasein gilt.
Am Ende sieht man alle anderen Figuren um den Toten versammelt. Das lyrische Drama erhält durch die sich hier zuspitzende Eskalation beim Ehepaar Albert und Charlotte handfesten Zündstoff, so ästhetisch die Ausstatterin Birte Wallbaum und die Video-Gestalterin Maria-Lena Groschopp die Schneeflocken im Orchestertableau des zu Werthers Sterbestunde werdenden Heiligabends auch glitzern lassen. Die Figuren Schmidt und Johann wurden mit der Unterstützung durch Dramaturgin Juliane Hirschmann gestrichen, das auf den Dichter Klopstock versessene Pärchen dagegen aufgewertet: Cornelius Heuten als Brühlmann und Lilith Hesse als Käthchen gestalten diese Pantomime als Frostschutz gegen die eheliche Eiszeit zwischen Charlotte und Albert. Zum sängerischen und emotionalen Sonnenschein wird auch in dieser Produktion Charlottes jüngere Schwester Sophie: Yuval Oren füllt jeden Ton und jede Geste mit zu Herzen gehender Innigkeit, ohne dass die starke Figur ins Niedliche abgleitet.
Der Switch ins Jahr 1913 – mithin 140 Jahre nach Erscheinen von Goethes größtem belletristischem Erfolg und 21 Jahre nach der Wiener Uraufführung von Massenets Oper – rechtfertigt einen zügigen, stellenweise sehr kräftigen Ansatz des Dirigenten Jakub Przybycień. Im ersten Bild eilt er den Solisten mitunter etwas voraus, sodass diesen für das Auskosten von Massenets Valeurs und der edel anzusteuernden Spitzentöne wenig Raum bleibt; das liegt allerdings auch an der nicht als Musiktheaterraum konzipierten Ausweichspielstätte. Im zweiten Teil sind alle Einwände glanzvoll widerlegt: Das Loh-Orchester findet da neben sensitiven Vibes auch die bei Massenet ebenso bedeutsamen Genussregionen.
Rina Hirayama demonstriert schon im Duett des ersten Aktes, dass Charlotte den ins behagliche Bürgerleben einbrechenden Werther tiefer schätzt, als sie sich eingestehen darf. Imponierend zeichnet Hirayama eine Lotte, die in den Fesseln gesellschaftlicher Konvention ihre verbotene Zuneigung als Kunstsinn tarnt. Später stürzt sie sich in eine eindeutige Umarmung mit dem am Selbstmordschuss verblutenden Werther. Bewusst deklamiert die Mezzosopranistin mit zwei Stimmen, betört mit dunklen Farben in der Tränenarie über dem angemessen feinen Saxophon-Solo und offenbart in den Steigerungen das Potenzial eines – noch klug und vorsichtig zurückgehaltenen – dramatischen Soprans. Erst spät trumpft Florian Tavić als Albert auf: Zunächst marschiert er als Zigarren schmauchender Spießer durch das Geschehen, bricht aus zu häuslicher Gewalt und wächst zu einem Bündel Elend heran, als er Werthers Briefe an Charlotte entdeckt. Das Kinder-Ensemble agiert hier (in der Einstudierung von Markus Fischer) als reine Mädchengruppe; schwarze Kleider und Blumenkränze schlagen die ästhetische Brücke von Goethes Todesmotiven über Massenets bürgerliche Liebespassion direkt in den Jugendstil. Thomas Kohl gibt einen adäquat gesetzten Amtmann und Familienvater.
Seit Florian Illies' Bestseller weiß man erst recht, dass das hier gewählte Handlungsjahr und dessen erotisch-künstlerische Tanz-auf-dem-Vulkan-Explosion kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs zu „1913 - Der Sommer des Jahrhunderts“ mutierte. Wallbaums Kostüme sind von schlichter Schönheit. Matthias Kitter platziert das Geschehen in einer Box mit Werthers Briefen. Zur goldenen Hochzeit des Pfarrers am kleinstädtischen Handlungsort ragen drei schwarze Kreuze empor, was gleichermaßen an Klopstocks Gedicht-Klassiker „Die frühen Gräber“ von 1764 gemahnt. Für die klar strukturierte Handlungsführung hat die Versetzung ins frühe 20. Jahrhundert allerdings kaum Konsequenzen. Aber passt dieses Zeitfluidum wirklich? 1913 – das bedeutete auch Aufbruch zur Emanzipation, erste sexuelle Revolution, die bis dato größte Scheidungswelle der Neuzeit sowie ästhetische Bewegungen zwischen Expressionismus und dekadenter Erotomanie. Das restriktive Provinz- und Moralverhalten, in dem Charlotte eine soziale Tragödie à la Effi Briest durchleiden müsste, war im Wandel. Die Fallhöhe zur Goethezeit oder auch zum Uraufführungsjahr 1892, als im Makart-Wien oder der Pariser Belle Époque der Seitensprung einer Ehefrau noch von fundamentaler Brisanz war, hatte sich bis 1913 etwas gelockert. Kitters dekorative Fantasie tut der Wirkung dieser Produktion keinen Abbruch: Es wurde schön, wahrhaftig und stellenweise großartig gesungen. Auch an kleineren Bühnen funktioniert das Edelstück «Werther» prächtig.
«Werther» – Jules Massenet
Theater Nordhausen · Theater im Anbau
Kritik der Premiere am 25. September 2026
Termine: 2./17./25. Oktober; 1./22. November 2026 (Nordhausen), 10./13./17. April 2027 (Theater Rudolstadt)