Staatstheater Mainz
Wenn weniger mehr ist
Zum Saisonauftakt zeigt das Ensemble, warum Mainz in der Kritikergunst weit oben rangiert: In der Steinhalle des Landesmuseums hinterlässt Philip Glass’ «In der Strafkolonie» einen nachhaltigen Eindruck
Daniela Klotz • 28. September 2026
Wenn in der Mainzer Steinhalle Minimal Music auf Antike trifft, ist das nicht die erste Kooperation von Staatstheater und Landesmuseum, allerdings die erste (Kammer-)Oper, die hier gespielt wird. Die Idee war, erzählt Dr. Birgit Heide, Generaldirektorin des Landesmuseums, die Ausstellung „Shalom am Rhein. 1000 Jahre Judentum in Rheinland-Pfalz“ musikalisch zu begleiten. Markus Müller, Intendant und Geschäftsführer des Staatstheaters und sein Team suchten und fanden dazu ein Werk, das nichts und alles mit dem Thema zu tun hat: Philip Glass’ «In der Strafkolonie» nach Franz Kafka.
Kafkas zeitlich irgendwo im Nirgendwo und doch im Jetzt und Heute zu verortenden Szenarien sind im Grunde ebenso schwer zu ertragen wie die repetitiven, pulsierenden, scheinbar unbeirrbar sich wiederholenden oder spiegelnden Klangfiguren Glass’. Während erstere jedoch ein schleichendes Unbehagen über mögliche eigene Schuld hervorrufen, erzeugen letztere eine Art hypnotischen Sog des Loslassenwollens. Das Premierenpublikum bei der Uraufführung des Werks am 31. August 2000 im A Contemporary Theatre (ACT) in Seattle soll entsetzt gewesen sein, als es aus der hypnotischen Klangwiege heraus katapultiert wurde an einen Ort, an dem eine Maschine Gerechtigkeit erzeugen soll.
Im Mainz sorgt schon der Spielort, die Steinhalle, für das Gefühl von Zeitlosigkeit, das wohl Kafka wie Glass intendiert hatten. Dass ein System, im schlimmsten Fall eine aus diesem hervorgegangene wie auch immer geartete Maschinerie, die eigenen Regeln über die Menschlichkeit stellt, passiert, seit es Menschen gibt. Die Artefakte in der Steinhalle sind damit der sechste Protagonist in dem auf zwei Gesangsrollen, zwei stumme Rollen und die Maschine reduzierten „Cast“ Glass’. Sie berichten von Soldaten, Bürgern, Opfern und gesellschaftlichen Hierarchien einer längst vergangenen Welt.
Der den Raum beherrschende mächtige, 6,5 Meter hohe Bogen des Dativius Victor wird in Sophie Kochanowskas Inszenierung zum Übergang in die andere Welt – des Denkens wie des Seins. Schienen haben sie und Bühnenbildner Matthias Werner davorgesetzt, auf die der Offizier die Maschine platzieren lässt, auf dass sie ihre Pflicht verrichte. Neben zwei Stühlen, die ebenso marode sind wie der zugehörige Sonnenschirm, genügt dieser Streifen Maschinisierung, um dem links und rechts davon platzierten Publikum die Unausweichlichkeit des einmal in Gang gesetzten Prozesses erklärlich zu machen. Es ist, als hätte Kafka 1914 schon geahnt, dass der erste Weltkrieg zum zweiten führen und dieser Mechanismus trotz aller Widerstandsversuche bis zum Ende durchlaufen musste. Es ist, als hätte Michel Foucault sich 1975 mit „Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses“ auf Kafka berufen. Es ist, als ändere sich nie etwas.
An was? An der Überkommenheit der Systeme, deren Repräsentanten sich nur schwer an neue Zeiten gewöhnen. Im Stück ist das der Offizier, der gleichzeitig Richter in der Strafkolonie und der festen Überzeugung ist, dass Schuld unverhandelbar sei. Sein Verurteilter ist ein Soldat, der nächtens jede Stunde vor dem Gemach seines Offiziers zu salutieren hatte. Als der ihn schlafend fand, rebellierte der Mann und soll nun mittels der Maschine die Worte „Achte deinen Vorgesetzten“ auf den Leib geschrieben bekommen. Ein zwölfstündiges Martyrium, während dessen, so schwärmt der Offizier, man die Erleuchtung so auf dem Gesicht des Gemarterten sehen könne, dermaßen, dass er, der Offizier, das Bedürfnis habe, sich neben den Verurteilten in die Foltermaschine zu legen.
Der Offizier ist Daniel Semsichko in seiner ersten Rolle als Ensemblemitglied in Mainz. Er musste seinen ebenso lyrischen wie raumgreifenden Bariton zügeln. Immer habe er das Bedürfnis gehabt, voll auszusingen, sagte er nach der Premiere. Das Stück verlange nach vollem Einsatz. Doch Sophie Kochanowska hab ihm geraten, sich zu konzentrieren. Das Konzentrat war sängerisch wie spielerisch von ungeheurer Wirkung. Als Erbe des Kommandanten, dem er schon als Kind assistierte, vertritt dieser Offizier als einziger in der Strafkolonie noch die Bestrafung durch die Maschine, die den Verurteilten ohne Kenntnis seiner Schuld, ohne Möglichkeit zur Verteidigung, eben diese Verklärung ermöglichen soll, die der Offizier so oft auf den Gesichtern gesehen zu haben meint. Fast zärtlich geht er mit dem maroden Instrument um, transzendent gerät die Erinnerung an diesen Moment der scheinbaren Läuterung, wehmütig die an die große Vergangenheit der Exekutionen unter dem alten Kommandanten. Flehentlich bittet der Offizier den Besucher, beim neuen Kommandanten für die Maschine zu sprechen.
Doch der Besucher, ebenso archetypisch angelegt wie der Offizier, denkt nicht daran. Er ist doch nur als Besucher in der Strafkolonie und nur aus Höflichkeit der Einladung zur Exekution gefolgt. Daher greift er wider besseres Wissen nicht ein. Er hofft, der neue Kommandant werde alles besser machen. Doch in Viktoria Schrotts Kostüm stecken bei dieser Figur schlecht verbrämte Risse. Die Fassade ist nur Hülle, seine Rolle in dem Spiel begreift der Mann nicht. Mark Watson Williams mit seinem klaren Tenor gibt diesen Besucher ebenso menschlich wie aus durch Uneinsichtigkeit gezogener Unwissenheit unnahbar. Auch ihn hat Kochanowska zum leisen Spiel bewogen. Die Rolle sei dennoch völlig wider seine Natur, sagt Williams. Vielleicht gelingt ihm darum die Schussszene so intensiv: Gemeinsam mit dem Soldaten nimmt er den von ihr schlussendlich getöteten Offizier aus der Maschine heraus, bettet ihn auf die Plane, die diese sonst umhüllt und nimmt ihn noch einmal in den Arm wie eine Pieta. Am Ende seiner Zeit hätte er nicht anders gehandelt, sinniert der Besucher. Der Offizier habe, konstatiert er, ehe er moralisch unberührt wieder abfährt, die Erlösung in der Strafe jedoch nicht gefunden. In Kafkas Welt hat der Mensch den freien Willen bestenfalls, um über dessen Bedeutung nachzudenken.
Gleichwohl kippt die Situation in Kochanowskas kluger und intensiver Inszenierung. Als sich der Offizier mit seinem Bedürfnis, die Maschine zu erhalten, dem Besucher offenbart, übernimmt der probehalber das Kommando und befiehlt dem Soldaten per Fingerschnippen, was zu tun sei. Julius Klinger folgt militärisch gedrillt aufs Wort. In seiner Mimik spiegeln sich die Emotionen, die die stumme Rolle nicht aussprechen kann. Der Offizier erkiest ihn zum Nachfolger, übergibt ihm die ausgeklügelte Kaligraphie des Todes. Die Entscheidung des Soldaten überlässt Kochanowska dem Publikum. Denn nach dem Versöhnungstrunk aus dem Flachmann erwürgt der Offizier den Verurteilten im Klammergriff. Ist das nun Drill oder Widerstand? Gnädig wird Jonas Wegner mit der Decke zugedeckt, die ihm schon anfangs der Handlung als hilfloses Bündel Mensch ein wenig Trost war. Ein Buch, das nun zertreten und zerfleddert am Boden liegt, hatte er da auch noch dabei. Stark dies kleine Attribut, stark die Leistung der beiden Darsteller aus der Statisterie.
Noch stärker das, was Andri Joël Harison aus Glass’ Minimalismen macht. Da sei Bach’sche Klanggewalt genug darin, sagt er nach der Premiere. Das müsse man nicht aufrauen. Leicht und tänzerisch, jedes Wort des Textes mitsagend, leitete er das Streichquintett aus zwei Violinen, Viola, Violoncello und Kontrabass lyrisch und hingebungsvoll durch die 80 Minuten Intensität. Indem er Generalpausen bis zum Nervenzerreißen dehnt, steigert er die Spannung. Indem er den ewig wiederkehrenden Klangschleifen das Maximum ihrer Schönheit und Zugänglichkeit abgewinnt, konterkariert seine Interpretation scheinbar das Geschehen. Doch die Schönheit, erklärt Harison, sei gefährlicher als alles andere, weil sie rückhaltlos verführe. Das lässt an Friedelind Wagners Erinnerungen an „Onkel Wolf“ denken, den die Kinder auf dem Grünen Hügel als geheimnisvollen Besucher wahrnahmen, der ihnen nachts mit einschmeichelnder (!) Stimme Geschichten erzählte, denen sie wie „Vögelchen auf der Stange“ gebannt lauschten.
Das Böse unter der Sonne wird nie sterben. In der Steinhalle gibt es noch vier Mal die Gelegenheit, eine außergewöhnliche Parabel über die Macht von Systemen, die ihre eigene Logik zur unumstößlichen Wahrheit erklären, zu erleben – und darüber nachzudenken.
«In the Penal Colony» (In der Strafkolonie) – Philip Glass
Staatstheater Mainz ∙ Badisches Landesmuseum / Steinhalle
Kritik der Premiere am 26. September
Termine: 7./23. Oktober; 7. November; 2. Dezember