Herbsttage Blindenmarkt
Mehr als nur ein schwuler Thronfolger?
Ein ganzer Ort rockt Franz Lehárs komplizierte Tauber-Operette «Der Zarewitsch»
Roland H. Dippel • 03. Oktober 2026
Auch zur im Wortsinn glanzvollen Eröffnung der Herbsttage Blindenmarkt gerät es zum Pausengespräch einheimischer Ehepaare: Ist der Zarewitsch, dieser ausgeprägte Menschenverweigerer Aljoscha, etwa schwul? Doch darum geht es nicht auf der Bühne der Ybbsfeldhalle – die, wenn nicht gerade Herbsttage sind, als Sporthalle dient und dennoch eine ideale Akustik bietet. Der metiererfahrene und sensibel gebliebene statt routiniert agierende Regisseur Wolfgang Dosch setzt einen anderen Schwerpunkt: Er zeigt den in Franz Lehárs Vertonung so dezidiert russischen Adelsspross als prinzipiellen Verweigerer eines Systems, das die fürstlichen Führungsspitzen beengt und ihrer persönlichen Freiheit beraubt. Konsequent müssen bei Dosch die auf Staatsräson bedachten Figuren des Ministerpräsidenten und der Großfürstin weder eindimensional harsch noch böse sein. János Mischuretz melodramatisiert das Couplet über „viel Jugend, keine Tugend“ mit fast sehnsuchtsvoller Melancholie. Kammerschauspielerin Marianne Nentwich wandelt derweil in einer edlen, ganz auf Emotionalität verweisenden Robe in Rosa.
Die Ausstattung zur Handlung vom Beginn des 20. Jahrhunderts trauert in Franz Lehárs Operette von 1927 natürlich ein wenig jenem russischen Zarenreich nach, das zum Zeitpunkt der Uraufführung durch die sowjetische Revolution realiter seit fast zehn Jahren Geschichte war. Julia Pschedezki hat die Kostüme – von den Paradeuniformen bis zum Art-Déco-Traumkleid Sonjas und den Tscherkessen-Uniformen der Tanzcrew – so schön gestaltet, dass sie in Blindenmarkt 2027 auch «Die Czárdásfürstin» ausstatten wird. Intendant Michael Garschall hat in seiner sage und schreibe 37. Spielzeit wieder die gesamte 2700-Marktgemeinde Blindenmarkt für die immer bekannteren Herbsttage mobilisiert. Getragen wird der Erfolg nicht nur von lokalen Kräften wie dem Studio, dem Chorensemble (Leitung: Kurt Dlouhy), dem Kinderchor (Leitung: Magdalene Stocker) und der engagierten Tanz-Crew, sondern auch von den vielen von Garschall in der Premierenansprache mit Herz und Dank erwähnten Mitarbeitenden hinter den Kulissen. Operette ist in Blindenmarkt ein von allen gelebtes Volksfest – bis zu den Annoncen im pfundschweren Programmheft, das durch die Insertionen und zwei eng bedruckte Seiten mit den Mitgliedern des Fördervereins einem Register des lokalen Geschäftslebens gleichkommt. Liebevoll erwähnte Garschall auch die 2026 verstorbene Herbsttage-Präsidentin Hilde Umdasch und die 2025 verstorbene Sopranistin Monika Riedler.
Das jauchzende Publikum feiert dieses Heerscharen von Auswärtigen anlockende Kulturereignis. Auch für den vom wissenschaftlichen und queeren Operettengeist der Gegenwart infizierten Blindenmarkt-Debütanten ergeben sich plausible Lerneffekte. Das beginnt exemplarisch beim Orchester: Thomas Böttcher am Pult des Kammerorchesters Ybbsfeld destilliert aus «Der Zarewitsch» eine musikalische Delikatesse im Spannungsfeld zwischen Impressionismus und österreichischer Heurigen-Seligkeit. Die üppigen Eruptionen und aus deutscher Perspektive als kitschgefährdet betrachteten Momente münzt Böttcher um in fast natürliche und sehr liedhafte Klangrede, sodass die Hits fast immer schmelzend und stellenweise sogar introvertiert wirken: „Einer wird kommen“, das hier ohne Fortissimo-Geschmetter zelebrierte Wolgalied sowieso und „Warum hat jeder Frühling, ach, nur einen Mai“ fast mit Donizetti-Träne. Dosch hat in seiner geschickten Textfassung genügend Stellen behalten, die allerlei Vermutungen über den Zarewitsch Aljoscha, seine Bodyguards und die Befürchtungen Maschas ob Ivans nächtlicher Abwesenheit evozieren.
Doch diese Nuancen drängen sich nie bleischwer in den Vordergrund; sie bewahren die sensible Liebesgeschichte zwischen dem misogynen Kronprinzen und der ihm zu erotischen Versuchszwecken zugeführten Tänzerin Sonja vor der sonst drohenden, schreienden Unwahrscheinlichkeit. Marcus Gansers Bühnenbild setzt auf starke Symbolik: Am Ende schließt sich ein riesiges Auge (Gottes?) über dem Finale dieser unglücklichen Liebe. Der tiefrote Prunkmantel, der zuvor wie ein schützender Baldachin über der Szene schwebte, droht den einsam zurückgebliebenen Jung-Zaren schier zu erdrücken. Das Licht von Lukas Siman und die Videos von Andreas „Ivo“ Ivancsics lassen Schneeflocken wirbeln, Sterne glitzern und verdichten die Atmosphäre. Die gesamte Produktion ist einer ehrlichen, weder verniedlichenden noch kitschigen Wiedergabe verpflichtet. Das viel beschworene „Traumland Operette“ und sein Publikum werden hier wohltuend ernst genommen. Diese Balance erweist sich als entscheidendes Qualitätsmerkmal.
Ein solches zeigt sich auch in der bestens austarierten Besetzung der vier Hauptpartien: Katrin Fuchs gibt eine Mascha, die sich keineswegs Bären aufbinden lässt und ihren Ivan mit einer für eine Soubrette bemerkenswert profilierten, scharfen Deklamation fordert. Andreas Sauerzapf wiederum macht voll deutlich, warum er es bis in die allerengste Entourage des Zarewitsch geschafft hat. Er zeichnet einen eloquenten, dabei angenehm uneitlen Ivan, der sich im Verbund mit dem Ballett (Choreographie: Monica Rusu-Radman) erfreicherweise nicht auf die klassischen Buffo-Klischees des Flirtens und Beschwichtigens reduzieren lässt. Ein Leuchtpunkt und bewusster Fremdkörper ist Maja Triler: Sie verdeutlicht schon durch ihren aparten Akzent die innere Distanz zum starren Hofzeremoniell. Ihr silbriger Sopran tastet sich von „Einer wird kommen“ souverän in das Gold von Lehárs dramatischeren Dimensionen vor. Sie besticht gerade durch den Verzicht auf jegliches Forcieren – so geraten die Szenen mit dem Zarewitsch fast zu edlen Salon-Piècen.
Für eine solche Interpretation hat sie freilich den idealen Partner. Clemens Kerschbaumer etabliert einen ganz anderen Tenor-Charakter als das legendäre Uraufführungsidol Richard Tauber. Nur zwei wirklich exponierte Spitzentöne setzt Kerschbaumer: einen von glanzvoller Heroik und einen in magischem Piano ersterbenden. Was er dazwischen sensibel und detailreich auslotet, ist ganz große Operette: Dialog, tiefste Innigkeit, ohnmächtige Wut, das schmerzhafte Ersticken im goldenen Käfig und das emotionale Frühlingserwachen – all das ist hier zu sehen, zu hören und zu bewundern. Dieser Operetten-Ausflug nach Niederösterreich lohnt sich gerade für jene Enthusiasten, die von der jüngsten Produktion der Wiener Volksoper enttäuscht waren und „wahrhaftige Operette“ keineswegs mit Seichtheit verwechseln. Langanhaltender Applaus und allseits strahlende Gesichter.
«Der Zarewitsch» – Franz Lehár
Herbsttage Blindenmarkt · Ybbsfeldhalle
Kritik der Premiere am 2. Oktober
Termine: 3./4./5./9./10./11./16./17./18./23./24./26./26. Oktober