Festival Verdi, Parma
Ferne Welt ganz nah
Rund um Giuseppe Verdis Geburtstag veranstaltet das Teatro Reggio in Parma seit 26 Jahren ein Festival. In diesem Jahr wird u.a. die selten gespielte Oper «Alzira» gezeigt
Stephan Burianek • 12. Oktober 2026

Unten stehen etwa zehn Wissende, manche mit gezücktem Handy. Oben auf der langgezogenen Terrasse eines von Arkadenbögen getragenen Seitentrakts des Regionaltheaters, dem Teatro Regio, singt ein junger Mann eine Arie aus Verdis «Don Carlo». Die Klavierbegleitung kommt aus einem Lautsprecher neben ihm – der Pianist spielt zwar live, aber irgendwo im Inneren des Gebäudes, er wird in wenigen Minuten ebenfalls auf die Terrasse treten, um den Applaus des Grüppchens auf der Straße entgegen zu nehmen, das dann immerhin auf die doppelte Größe angewachsen sein wird.
Diese Szene wiederholt sich – mit wechselnden Arien aus sämtlichen Verdi-Opern – während des Verdi-Festivals in Parma täglich um 13 Uhr und ist Teil des kostenlosen „Verdi Off“-Programms, mit dem der Geist des Meisters auch zu jenen getragen werden soll, die Opernhäuser ansonsten nur von außen kennen. Generell ist die norditalische Provinzstadt zwischen Mailand und Bologna, so scheint es, von Kopf bis Fuß auf Giuseppe Verdi eingestellt: Die Straßen der schmucken Innenstadt sind mit Festival-Banner beflaggt, in den Schaufenstern ist der Meister aus dem nahen Städtchen Busseto allgegenwärtig.
In diesem Jahr werden dem teilweise von weither angereisten Publikum (man hört viel US-amerikanisches Englisch) drei szenische Hauptproduktionen geboten, die unter dem Motto „Ferne Welten“ laufen, immerhin führt man in diesem Jahr ins alte Ägypten, nach Babylonien und in das Peru der Konquistadoren: Neben einer «Aida» in einer Zeffirelli-Inszenierung aus dem Jahr 2001 im kleinen Opernhaus von Busseto (wie soll das gehen, fragt man sich) sind im Teatro Reggio di Parma «Nabucco» unter dem Titel „Nabucodonosor“ und das Frühwerk «Alzira» zu erleben.
«Alzira»-Dirigent James Conlon stellt in einem Beitrag für das Programmheft fest, dass „Verdis Aufmerksamkeit IMMER dem individuellen menschlichen Drama gilt und dass der Ort, an dem sich die Geschichte abspielt, oft nebensächlich oder zweitrangig ist.“ (KI-Übersetzung). Was bereits bei Shakespeare der Fall war, das trifft ebenso auf Verdis Opern zu: Die Verortung in weiter Ferne mag der Verschleierung von zeitgenössischen Parallelen gedient haben, doch unabhängig davon sind die menschlichen Funktionsweisen – und um diese geht es in den Opern vordergründig – praktisch überall ident. Auch musikalisch hält sich ein spezifisches Lokalkolorit in «Alzira» in Grenzen, wiewohl Verdi u.a. bei den herannahenden Inka-Kriegern im 2. Akt Orchesterfarben wählte, die damals exotisch gewirkt haben mögen.

Und doch wäre es ein Fehler, die Themen dieser Oper auszublenden, die sich bereits in Voltaires Vorlage manifestieren: religiöse Intoleranz, koloniale Unterdrückung, politische Macht und ihr Missbrauch, Vergebung. Ebenso wie bei Voltaire werden auch in «Alzira» die spanischen Eroberer nicht als überlegene Zivilisation dargestellt, sondern als das Problem: Die indigene Prinzessin Alzira wird von ihrem Vater Ataliba dazu gedrängt, den neuen spanischen Gouverneur Gusman zu heiraten. Der ist aber ein Ekel, außerdem hat sie bereits einen viel würdigeren Geliebten, nämlich den von Gusman gefolterten und totgeglaubten Stammeshäuptling Zamoro. Am Ende scheitert Gusman beim Versuch, Zamoro zu töten und fällt durch dessen Hand – übrigens der einzige Tote am Ende dieser Oper. Bevor Gusman stirbt, erkennt er sein Vergehen und vergibt dem Rivalen.
Kurzum: Tenor und Sopranistin lieben einander, werden aber von einem Bariton gestört. Die drei Hauptkräfte singen in Parma mit guter Stamina und in bester italienischer Operntradition: Der dunkel gefärbte Tenor Antonio Poli, in der Vergangenheit stets für seine geschmeidige Linienführung gefeiert, strebt nun offenbar in eine dramatische Richtung, wobei er sich eine elegante Phrasierung erhalten hat und mit heldisch strahlender Höhe beeindruckt. Warm, breit und voluminös klingt zudem die Sopranistin Marta Torbidoni, selbst in der Höhe scheinbar mühelos und klangschön. Einen wohligen Schauer erzeugt zudem der profunde, tiefdunkle Bariton Daniel Luis de Vicente, eine wahre Autorität. Erwähnt sollte auch der solide Alessio Cacciamani werden, der Gusmanos Vater Alvaro weniger kernig bzw. runder als Cacciamani ausfüllt – und seine alternde, abdankende Figur dergestalt idealtypisch interpretiert.
Darstellerisch wird den Akteuren von Regisseur Manuel Renga nicht allzu viel abverlangt. Unklar bleibt aber, worauf die szenische Realisierung auf der spärlichen, von Emanuele Agliati farbig hell ausgeleuchteten Bühne abzielt (Ausstattung: Aurelio Colombo). Da sind Tänzer und Statisten unterschiedlichen Alters in traditionell aussehenden Kostümen und Kopfschmuck, die wohl die alten Inkas repräsentieren sollen. Die rebellierende Gesellschaft besteht aber nicht aus Inkas, sondern erinnert an Landarbeiter vor mehr als hundert Jahren. Die Spanier indes stecken in Konquistadoren-Kostümen und sitzen in einem Raum mit Gemälden aus der Zeit der spanischen Kolonialzeit. Vergoldete Sonnenblumen werden herumgetragen, die sollen wohl auf das Sonnenreich der Inkas anspielen. Dass Sonnenblumen aus Nordamerika stammen sollen, steigert die Verwirrung zusätzlich. Oder spielt das Regieteam gar auf die Situation in der Ukraine an? Immerhin ist die Ukraine der weltgrößte Exporteur für Sonnenblumenöl und -kernen. Aber eine solche Interpretation scheint dann in der szenischen Gemengelage doch keinen Sinn zu machen. In der Form von Kreuzen nimmt man jedenfalls auch auf das Christentum Bezug.

Nach der Pause im 2. Akt sind die Sonnenblumen dann schwarz (verkohlt?) und lassen die Köpfe hängen. Ob das ein Hinweis auf unseren Raubbau an der Natur ist? Im Zuge der erzwungenen Hochzeitsvorbereitungen wird Alzira zudem zur christlichen Madonna. Das Inszenierungsteam scheint hier viel zu vermengen ohne einen roten Faden zu liefern. Tatsächlich schreibt Agliati in einem weiteren Programmheft-Beitrag, man verfolge in der Inszenierung ein „kontinuierliches Raum-Zeit-Kontinuum“, das dem Denken der Inkas entspringt und das „la pacha“ genannt werde: „In der alten Inka-Kultur ist die Zeit nicht linear. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft existieren nebeneinander.“ Außerdem bringe man eine „weibliche Triade“ auf die Bühne, bestehend aus Frauen dreier Generationen. Das sind durchaus kluge Ideen, aber wer in das Konzept nicht eingeweiht ist, der sieht vor allem eine Produktion, die an Sparzwänge denken lässt.
Das Orchester unter James Conlon schafft eine gleichermaßen würdige wie routinierte musikalische Basis, ohne übertriebene Exzellenzansprüche zu stellen. Alles in allem bestätigt sich das Fazit über «Alzira», das man bereits vor zwei Jahren im Rahmen der Heidenheimer Opernfestspiele ziehen konnte, und das James Conlon in seinem Artikel so formuliert: Dieses Werk ist „weder ein Meisterwerk noch ein Werk von herausragender Bedeutung“, aber es enthalte „gute Musik und viel Schönheit“. Es macht Sinn, es hin und wieder zu spielen, schließlich bildet es die Vorarbeit für Verdis bekanntere Opern. „Andererseits fragt man sich, was Verdi getan hätte, wenn er zwanzig Jahre später [...] auf diesen Text gestoßen wäre, und ob er dann nicht mehr Interesse gezeigt und die von Voltaire aufgeworfenen philosophischen und moralischen Herausforderungen eingehender behandelt hätte“, schreibt Conlon in seinem Beitrag. In Parma spricht Verdi rund um seinen Geburtstag am 10. Oktober, der wie jedes Jahr außerdem mit einem Galakonzert gefeiert wurde, eindringlicher zu uns als anderswo.
«Alzira» – Giuseppe Verdi
Festival Verdi ∙ Teatro Reggio di Parma
Kritik der Aufführung am 8. Oktober
Termin: 17. Oktober