Serenadenkonzerte Niederösterreich
Ein Wolf im Orchester-Pelz
In Perchtoldsdorf präsentiert die Junge Philharmonie Wien unter der Leitung von Michael Lessky Werke von Wolf, Schubert und Korngold. Es singt Rebecca Nelsen, Petra Morzé rezitiert
Werner Kopfmüller • 13. Oktober 2026

„Die Serenadenkonzerte sind die längste durchgehende Konzertreihe in Niederösterreich“, heißt es von Seiten der Veranstalter. Dass bei der Hugo-Wolf-Serenade am Sonntagabend im bestens gefüllten Festsaal der Burg Perchtoldsdorf mit Michaela Habinger, Gemeinderätin aus Perchtoldsdorf, und Bernadette Geieregger, Bürgermeisterin der Nachbargemeinde Kaltenleutgeben, gleich zwei Vertreterinnen der Kommunalpolitik zur Begrüßung sprechen, zeigt: Die Reihe hat nicht nur ein verlässliches Stammpublikum, sie genießt auch den Rückhalt der Politik. Und das seit 1960.
Den „genius loci“ erlebbar zu machen, wie es so schön heißt, war ursprünglich die Idee hinter dieser Kulturinitiative der Landesregierung Niederösterreich. Daher erklangen die Serenadenkonzerte zunächst an jenen Orten und Gedenkstätten, an denen die Großen der Musikgeschichte ihre Spuren hinterlassen hatten: im Beethoven-Haus Baden, im Haydn-Geburtshaus Rohrau und eben in der Marktgemeinde Perchtoldsdorf, wo sich Hugo Wolf von 1888 bis 1897 immer wieder monatelang aufhielt. Als Gast der Familie Werner konnte er deren Sommersitz in der Brunner Gasse beziehen. 117 Lieder, darunter das Spanische und Teile des Italienischen Liederbuchs entstanden hier, sowie die Mehrzahl der Mörike-Lieder. Heute befindet sich dort das von Mai bis Oktober geöffnete Hugo-Wolf-Museum, ausgestattet mit der Original-Einrichtung aus der Zeit des Komponisten. Weil es räumlich für Konzerte nicht geeignet ist, findet die Hugo-Wolf-Serenade traditionell im Festsaal der Burg Perchtoldsdorf statt.
Zu den drei Hauptspielstätten kamen erst im Laufe der Jahre weitere Standorte hinzu, wie die Schubert-Gedenkstätte Schloss Atzenbrugg. Seit 2011 kuratiert Michael Linsbauer die Reihe. Zum Liedrepertoire, das von Beginn an den Schwerpunkt bildete, kamen unter seiner Leitung Programme mit Kammermusik hinzu, gelegentlich auch mit Textrezitation.
So sitzt also Petra Morzé, langjähriges Ensemblemitglied des Burgtheaters, an ihrem Tisch, und liest – mal ironisch, mal wehmütig, immer treffend im Ton und flankierend zur Musik des Spätromantikers Wolf – aus den epochemachenden Dichtungen der deutschsprachigen Romantik: Mit Eichendorffs „Taugenichts“ geht es nach Italien (passend zur eingangs erklingenden „Italienischen Serenade“ von Hugo Wolf), Novalis‘ Gedicht „Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren“ erklärt das Wesen der Romantik. Besonders berührend: Schuberts Prosatext „Mein Traum“. Der Vater führt darin den jungen Schubert in seinen Lieblingsgarten und fragt ihn zweimal, ob ihm der Garten gefällt. Schubert verneint zitternd, woraufhin ihn der Vater schlägt und Schubert flieht. Der Garten steht, in erstaunlicher Vorwegnahme der Psychoanalyse, für den autoritären Willen des Vaters, sein Sohn möge den bürgerlichen Beruf des Volksschullehrers ergreifen.
Das deckt sich im Übrigen mit der Biografie Hugo Wolfs, dem der Vater ebenfalls die Musikerlaufbahn auszureden versuchte. Gut, dass er nicht auf ihn gehört hat: Die Welt wäre um die Mörike-Lieder ärmer. Neun dieser in Perchtoldsdorf, im Sommersitz der Familie Werner entstandenen Lieder präsentiert die Junge Philharmonie Wien unter der Leitung von Michael Lessky. Die Crux dabei: Im Klanggewand eines 20-köpfigen Kammerorchesters (die Bearbeitung stammt von Herbert Frühauf) büßt die Liedkunst des Hugo Wolf vieles von ihren ureigenen Qualitäten ein, denn diese entstehen ja gerade aus dem symbiotischen Ineinandergreifen von Gesangs- und Klavierstimme. Der bärbeißige Humor, der skurrile Witz, die flirrende Erotik, die zur Hysterie entgrenzte Virtuosität – all das bleiben die Nachwuchsmusiker, die meisten von ihnen Studierende, weitestgehend schuldig, zumal Michael Lessky wenig von ihnen abfordert und es beim Taktieren belässt. Was übrigens nicht verhindert, dass sich bei Intonation und Zusammenspiel unüberhörbar der Schlendrian einschleicht.

Wenn ein Lied-Duo Nummern wie „Begegnung“ oder „Der Gärtner“ oder das „Elfenlied“ mitreißend performt, dann bebt die Bude. Bei der Orchesterbearbeitung der Wolf-Lieder stellt sich eher die Frage nach dem Wozu.
Daran kann auch Rebecca Nelsen, die man von der Wiener Volksoper kennt, nur bedingt etwas ändern. Sie legt die Lieder vom Operngesang her an, nicht wortgezeugt, aber doch textverständlich. Ein kraftvoller, farbsatter, höhensicherer Sopran mit angenehm dosierten Vibrato. Dass Nelsen eher im Opernfach zu Hause ist, in Rollen, die für die große Bühne geschrieben sind, zeigt sich nach der Pause im sinnlich durchglühten Opern-Hit „Glück, das mir verblieb“ aus Erich Wolfgang Korngolds «Die tote Stadt».
Beim jungen Korngold und damit in einer spätromantischen Klangsprache, die bei Strauss und Mahler ihre Anleihen nimmt, scheint sich auch die Junge Philharmonie Wien wesentlich heimischer zu fühlen. Runder, voller, sonorer ist jetzt der Orchesterklang in der Suite zur Schauspielmusik „Viel Lärmen um nichts“. Und auch präziser, was sich zuvor über die Schubert-Tänze in der Bearbeitung von Anton von Webern leider nicht sagen lässt. Ein Serenadenkonzert, das Hugo Wolfs Lieder in den Mittelpunkt rückt, ist immer zu begrüßen. Beim nächsten Mal aber bitte wieder in Originalgestalt.
Kritik der Hugo-Wolf-Serenade am 11. Oktober im Festsaal der Burg Perchtoldsdorf
Weitere Termine dieser Konzertreihe:
16.10.2026, 19:30 Uhr: Schönberg-Haus Mödling
18.10.2026, 19 Uhr: Haydn-Geburtshaus Rohrau
25.10.2026, 18:30 Uhr: Ehemalige Synagoge St. Pölten
01.11.2026, 17 Uhr: Salon Krenek (Krems an der Donau)