Musiktheater an der Wien
Ein Fall für Dr. Freud
Zwischen Grusical und Psychothriller: Philipp Stölzls 17 Jahre alte Inszenierung von Wagners «Der fliegende Holländer» als Übernahme – eine goldrichtige Entscheidung in Zeiten des Sparzwangs
Werner Kopfmüller • 20. Oktober 2026

Philipp Stölzls Inszenierung von Richard Wagners Oper «Der fliegende Holländer» ist weit herumgekommen. 2009 feierte sie in Basel Premiere, danach lief sie mehrere Spielzeiten an der Berliner Staatsoper Unter den Linden. Von dort hat das Musiktheater an der Wien die Produktion nun eingekauft. Die Sparzwänge schlagen in der Donaustadt längst auf die Programmplanung durch, gerade am einzigen Stagione-Theater im deutschsprachigen Raum. Statt in eine teure Eigenproduktion zu investieren, liegt der Fokus derzeit auf Kostenersparnis, Sicherheit und Publikum. Und das Kalkül geht auf, wie die umjubelte Premiere vor vollem Saal zeigt. Zumal, und das ist eine hübsche Pointe, die Wiener sich einen «Holländer» ins Haus geholt haben, der sich die Psychoanalyse Freud‘scher Prägung zu eigen macht.
Denn der rastlos durch die Zeiten und Meere irrende Seefahrer, sein Geisterschiff, der Fluch, der auf ihm lastet, die Erlösung, die ihm final zuteilwird – all das spielt sich einzig und allein in Sentas Kopf ab.
Stölzl, sein eigener Bühnenbildner, hat dafür gemeinsam mit Conrad Moritz Reinhardt eine großbürgerliche Bibliothek gebaut, im Stil der Entstehungszeit des Stücks: holzvertäfelt, mit Ledersesseln und Globus als Interieur. Über allem hängt ein riesiges Gemälde, eine Szene auf stürmischer See, kunsthistorisch eine Mischung aus William Turner und Caspar David Friedrich. Während der Ouvertüre schleicht ein Mädchen mit Kerzenleuchter herein, zieht einen dicken Folianten aus dem Regal und liest sich in den Schauerroman hinein, bis das Gemälde wie ein Vorhang hochfährt und den Blick auf das freigibt, was in ihrer Fantasie Gestalt annimmt. Dalands Segler, der verrottete Bug des Holländer-Schiffs, eine Mannschaft aus Meeresmonstern, die Hollywoods „Fluch der Karibik“ entsprungen sein könnte, und ein Kapitän, der als Captain-Ahab-Wiedergänger daherkommt.
Hirngespinst eines hysterischen Mädchens

Neu ist Idee freilich nicht, den Plot als pure Imagination einer Hauptperson zu deuten, aber bei Stölzl geht die Rechnung vollends auf, weil er stimmig und stringent erzählt, dass sich hier eine Hysterikerin in ein Hirngespinst hineinsteigert. Was wiederum direkt aus dem Text abgeleitet ist: Im Duett lässt Wagner seine Senta fragen: „Was ich erblicke, ist's ein Wahn?“
Nur gibt es das besungene Bildnis in dieser Bibliothek so wenig wie das Spinnrad. Die Ballade liest Senta aus ihrem Buch vor, und der Erlösungswunsch ist nicht der des unglückseligen Holländers, sondern ihr eigener: Erlösung von einer Vernunftheirat, die der Vater längst eingefädelt hat. Eigentlich ein Fall für die Wiener Berggasse (wo seinerzeit ein Doktor Siegmund Freud praktizierte): eine höhere Tochter, die vor dem real existierenden Patriarchat in den Tagtraum flüchtet. Stölzl spielt diese Diagnose mit Augenzwinkern und böser Lust am Grusel durch.
Dabei bedient er sich, ganz der Filmregisseur („Goethe!“, „Medicus“), aus der jüngeren Kinogeschichte: Dass Figuren aus einer Leinwand steigen, kennt man aus Woody Allens „The Purple Rose of Cairo“, wo die Heldin ebenfalls aus einer tristen Ehe in die Vorstellung flüchtet. Die Holländer-Crew sieht aus, als wäre sie von Davy Jones' Schiff aus „Fluch der Karibik“ desertiert (das bekanntlich ebenfalls „Flying Dutchman“ heißt). Stölzl schneidet zwischen Vordergrund und Bild wie zwischen Realfilm und Traumsequenz, friert Chorszenen zu Tableaus ein, dehnt Momente in Zeitlupe, und das Timing sitzt so verlässlich, dass man dieser Oper, deren Ende jeder kennt, drei Akte lang wie einem Krimi folgt.
Die Personenführung, in Wien neu einstudiert von Philipp M. Krenn, geht dabei bis ins Detail. Wie die Amme Mary (Ieva Prudnikovaitė) Senta ins Korsett zwängt, kommt einer Misshandlung gleich. Ursula Kudrnas Kostüme bleiben im 19. Jahrhundert, irgendwo zwischen Biedermeier und Gründerzeit. Der Vater führt der Tochter statt des ersehnten Seefahrers einen Pensionisten in Knickerbockern zu, mit Hut, Zigarre und Whisky. Eine gute Partie, immerhin. Während sie mit dem stummen Freier allein gelassen wird, öffnet sich hinten eine zweite Bibliothek, in der ein jugendliches Senta-Double dem Holländer-Traummann in die Arme sinkt.
Senta im Suff
Die Spinnerinnen sind ein Putzkommando in Schürzen, der Matrosenchor wird zur feucht-fröhlich feiernden Verlobungsgesellschaft, die Senta ihr geliebtes Buch mit der Holländer-Ballade vor der Nase zerreißt. Da bleibt der Gepeinigten nur die Flucht in den Suff. Am Ende schneidet sich die volltrunkene Senta mit einer Scherbe von Papas Whiskyflasche die Kehle durch, und während aus dem Graben das Erlösungsmotiv aufsteigt, darf nur das Mädchen im Bild über die Reling in die Umarmung des Holländers klettern. Treu bis in den Tod ist diese Senta tatsächlich – nur eben einer Figur aus ihrem Buch.

Sängerisch brilliert an diesem Abend das gesamte Ensemble. Jordan Shanahan, geboren auf Hawaii, singt den Holländer mit samtig grundiertem, auch in den Entladungen kontrolliert geführtem Bassbariton – keine furchterregende, sondern eine zutiefst menschliche Sagengestalt. Wilhelm Schwinghammer gibt den Daland abseits aller Väterklischees als geschäftstüchtigen Emporkömmling und singt ihn geradlinig, sauber, mit satter Bass-Substanz. Der Amerikaner Cameron Becker ist als Sentas Verehrer Erik ein bemitleidenswerter Jammerlappen, dem der heldische Glanz in der Stimme passenderweise etwas fehlt. Und der junge Tenor James Ley singt den Steuermann so mühelos, biegsam und textverständlich, dass man ihn gern in größeren Rollen erleben will.
Ambur Braid hingegen hat sich die noch größeren Strauss-Rollen längst erobert. Am Musiktheater an der Wien debütiert die Kanadierin als Senta, die die seelischen Verstörungen und Stimmungsumschwüngen bemerkenswert glaubhaft zur Darstellung bringt. Ihr hochdramatischer Sopran füllt den kleinen Saal dabei mit einer Wucht, die auch für die Wiener Staatsoper locker reichen würde. Der von Erwin Ortner einstudierte Arnold Schoenberg Chor, an Oratorien geschult, donnert seine Matrosen- und Spinnstubenchöre nicht heraus, sondern hält sie durchhörbar, was bei der Raumakustik nur ein Gewinn ist.
Problematisch ist leider, was Robert Jindra mit den Wiener Symphonikern zum Premierenabend beisteuert. Der Prager Dirigent verschleppt die Tempi, als läge bereits der «Parsifal» auf den Pulten – und das leider mit einer sehr pauschalen Energie zwischen laut und leise. Im Sinne der Sängerinnen und Sänger kann sich das bei den Folgevorstellungen nur bessern.
Bleibt also eine bildstarke, bis in die Nebenfiguren durchdachte, mitreißende Regie – und die Erkenntnis, dass unter Sparzwängen übernommene, gereiftere Produktionen noch lange keine Qualitätseinbuße bedeuten. Auch nicht im Vergleich zur großen Konkurrenz.
«Der fliegende Holländer» – Richard Wagner
Musiktheater an der Wien ∙ Theater an der Wien
Kritik der Premiere am 17. Oktober
Termine: 20./22./25./28./30. Oktober