Staatstheater Meiningen
Frivolität de luxe
Langobardische Übergriffe, William Hogarth und wie gut das nach Altengland passt: Max Emanuel Cencic bringt seine Inszenierung von Bayreuth Baroque nach Meiningen, und sie funktioniert prächtig
Roland H. Dippel • 25. Oktober 2026

Flavio ist hier ein echter Filou. Zwar müht er sich vor dem ersammelten Hofstaat ab, die Königin unter dem Baldachin des royalen Ehebettes für den dynastischen Arterhalt zu schwängern und damit seine Pflichten zu erfüllen. Aber sonst zeigt er sich weitaus mehr an allem interessiert, was in den fashionablen Raumfluchten an tief dekolletierten Damen und höheren Töchtern herumschwirrt. Dieser Langobardenkönig ist hier also der burleske Gegentyp zu Händels weitaus bekannterer und affektiv tiefgründigerer Langobardenkönigin «Rodelinda» in einer seiner späteren Londoner Opern. Im Sommer 2023 wurde dieses frühe britische und trotz universaler Händel-Renaissance noch immer ziemlich unbekannte Dramma per musica aus dem Jahr 1723 bei Bayreuth Baroque zum lebhaft bejubelten Clou. Der Erfolg wiederholt sich jetzt in Meiningen, das gerade seinen Theaterherzog Georg II. von Sachsen-Meiningen zum 200. Geburtstag mit einem Musical, Spektakeln und Hommagen ehrt. Anders als Georg II., der eine Schauspielerin zur Ehefrau machte und in den Adelsstand erhob, hält Händels «Flavio, Re de’Langobardi» Galanterien für die Damenwelt und physische Begegnungen mit der Gemahlin zwar strikt auseinander, widmet sich aber beidem nichtsdestotrotz mit kindlicher Verspieltheit.
Der Bayreuth-Barock-Prinzipal Max Emanuel Cencic scannte seine Inszenierung mit derselben Detailfreude, Spiellust und Genauigkeit wie die erste Variante für das Markgräfliche Opernhaus Bayreuth. Von Remake-Müdigkeit war in Meiningen nichts zu spüren. Alle machten enthusiastisch und mit polierter Disziplin mit: Die putzmuntere Statisterie setzte episodische Kabinettstückchen von der Königin bis zum Pagen-Sextett – als Priester, Arzt und Zeremonienmeister. Auch in Meiningen und mit dem Light Design von Romain De Lagarde wurden alle Szenen eindrucksvoll, in denen Cencic sich für seine bewegten Bilder bis zu den Zöpfen, Miedern und Attitüden Stiche von William Hogarth zum Vorbild nahm und in Bühnen-3D kopierte.

Die dunkel gehaltenen Stellwände mit Fresken von anschaulich enthüllten Frauenkörpern – eine der letzten Ausstattungen des am 21. Oktober 2025 verstorbenen Helmut Stürmer – wirkten im hellen Neu-Empire des Meininger Theaters kontrastreicher als in der dunklen Erlesenheit des Markgräflichen Opernhauses. Zudem brachte Cencic eine ganze Brigade exzellenter Counterstimmen an die Werra – Lidor Mesika und Nicholas Tamagna sind alternative Besetzungen für Flavio und Guido. Nach den eher klein dimensionierten Barockopern «Amadigi» Händels, Rameaus «Castor et Pollux» und der deutschen Erstaufführung von Domenico Sarros «Didone abbandonata» erlebte das aus Thüringen, Hessen und Bayern anströmende Publikum ein prachtvoll aufgedonnertes Hof- und Perückenspiel. In diesem behauptete sich das Ensemblemitglied Sara-Maria Saalmann als königlicher Adjutant Vitige mit androgyner Gazellenhaftigkeit und virilem Glanzsopran.
Die Meininger Hofkapelle sollte als historisch ansässiges Orchester natürlich nicht dem in Bayreuth angetretenen Concerto Köln Platz machen, nahm jedoch einige Originalklang-Instrumente in ihre Reihen auf. Die helle Akustik des Saals und die lichte Transparenz der darauf eingeschworenen Meininger Hofkapelle sind natürlich beste Voraussetzungen für Händel, weil sich diese durch ihre berühmten Residenten Richard Strauss, Reger und Brahms nie ganz von romantischer Üppigkeit usurpieren ließ und eine im Kreis der mitteldeutschen Orchester exemplarische Leichtigkeit bewahrt. Mit Camille Delaforge steht eine Dirigentin am Pult, die keine Ambitionen für eine klangliche Opposition gegen den von Corina Grămoșteanu mit eleganten Textilien übermäntelten Primaten- und Diplomaten-Sex auf der Bühne zeigte. Es schien sogar, als lege es Delaforge darauf an, die Hofhaltung aus dem Libretto von Nicola Francesco Haym mit dem brutalen Intermezzo eines Ehrentods durch paradoxe Eleganz und arkadische Leichtigkeit besonders herauszustellen.
Zentrum und Stimulans dieser Produktion ist als Flavio wie bereits in Bayreuth der Franzose Rémy Brès-Feuillet und macht mit ironisch-süffisanter Lust das repräsentative Hofleben zum erotischen Ponyhof. Herrscherpflichten subordiniert er unmissverständlich und jederzeit der schönsten Nebensache der Welt. So zeigt sich Brès-Feuillet sängerisch bezwingender Leichtigkeit das Tändeln, Kosen und Scherzen auch als vom Herrscher intuitiv ausgeübtes Druckmittel. Umgeben ist dieser feudale Filou von sentimentalen und elegischen Temperamenten, für die Übergänge zwischen psychischen und physischen Liebestaten durchaus fließend sind. Noch in der Ouvertüre nützen Teodata und Vitige den Kurzschlaf der Anstandsdame zu einer schnellen Nummer im Salon. Auch die ihren Guido nach dessen Sieg im Duell über ihren Vater und dessen Tod hinaus liebende Emilia wechselt trotz schwerer Konflikte unvermittelt zwischen Raserei und Zärtlichkeit. Cencic misst der aus Pierre Corneilles Tragödie „Le Cid“ vertrauten Konstellation, dass Guido Lotario, den Vater seiner Geliebten, im Duell tötet, keine allzu hohe tragische Dimension bei.

Hier übernimmt Cencic einen überaus empfindsamen Part. Er schmachtet dabei mit Stimme und Augen, was beim Südthüringer Publikum noch besser ankommt als die Balzereien und höchst eindrücklichen Coutures. Lubov Karetnikova gibt der zwischen dem Tod ihres Vaters und der Sprache ihres Herzens zerrissenen Emilia einen für alle Stimmungen farbenreich schillernden Sopran. Für die wesentlich tiefer gelegene Partie der bei Cencic erotisch noch umtriebigeren Teodata setzt Julianna Smith einen relativ hellen Mezzo ein. Der Bassist Keith Klein als gleich nach der Pause zu Tode kommender Lotario und Tobias Glagau als Hofmann Ugone in Tenor-Lage fallen neben den Frauen- und Counterstimmen weniger auf, als ihnen gebühren würde. Das steht auch für den Fokus der Inszenierung, in der Eros eindeutig über Athenes Herrscherideal und Mars’ tückische Finten triumphiert. Das Schöne ist, wie Ausstattung das Konzept synergetisch bereichert, weil es politische Andeutungen nahelegt und diese trotzdem nicht eine blühende Phantasie, die Lust am Spiel und Händels verführerischer Musik überwuchern. Begeisterter Applaus.
«Flavio, Re de’Langobardi» – Georg Friedrich Händel
Staatstheater Meiningen · Großes Haus
Kritik der Premiere am 23. Oktober 2026
Termine: 1./5./22. November; 16./25. Dezember 2026; 16. Januar; 20. Februar; 2. März 2027