Brünner Nationaltheater
Teuflische Intrigen unter Grufties
Mit einer phänomenalen Neuproduktion von Smetanas hochromantischer «Teufelswand» setzt Brünn ein Ausrufezeichen für eine Opernreise
Stephan Burianek • 09. Februar 2026
Markante Formationen in der Landschaft regten die Phantasie der Menschen seit je her an. Man denkt dabei vielleicht an die sogenannte Teufelsmauer in der niederösterreichischen Wachau bei Spitz an der Donau, die auf eine verlorene Wette des Teufels zurückgehen soll. Auch in Südböhmen wollte der Teufel einen Fluss aufstauen: Dort, wo die Moldau noch zart durch ein waldiges Tal plätschert, sollte ihr Wasser ein Kloster fluten. Dass viele Tschechen diese Sage kennen, liegt an Bedřich Smetanas Oper «Čertova stěna» (Die Teufelswand), die in ihrer Heimat eine durchgängige Aufführungstradition hat, im deutschsprachigen Raum aber – wie so vieles, was aus dem nicht-russischen Osten kommt – gleichsam unbekannt ist.
Das Orchester im Brünner Janáček-Theater unterstreicht derzeit unter seinem umsichtigen Chefdirigenten Robert Kružík, wie stark unterbewertet die hochromantische Partitur ist, in der Smetana auf packende Weise Wagner’sche Orchesterfarben mit melodischem Reichtum verband. So aufregend das Werk bis heute für die Ohren ist, so groß erscheint die Herausforderung allerdings für eine zeitgemäße Regie. Die Sage entstammt dem Mittelalter und somit einer Zeit, in der Schwüre noch zählten. Dass ein Ritter im Saft seines Lebens voreilig beschließt, trotz einer holden Braut an seiner Seite ledig zu bleiben, bis sein Freund und Herr endlich ebenfalls eine Frau gefunden hat, möchte man noch als nette Geste interpretieren. Als entscheidenden Treiber der Handlung erscheint ein solcher Schwur freilich als zu schwach – außer, man betont das Komische an der Handlung.
Ebendas macht das Regieteam unter der Leitung von Jiří Heřman, der landauf, landab sämtliche großen Premieren zu verantworten scheint. Zum einen hat man für dieses Problem eine erfrischende Rahmenhandlung gefunden: Ein Mönch eines Klosters an der Moldau findet die verschollene dritte Chronologie der Fürsten auf Schloss Rosenberg, die Geschichte um den Schlossherrn Vok zu Rosenberg beginnt sich vor aller Augen zu entfalten. Moderne Schubkarren und Weizenräder treffen auf gebogene Schnabelschuhe und sonstige Kostüme von Zuzana Štefunková-Rusínová, die sichtlich vom Mittelalter inspiriert sind – Realität und Sagenerzählung werden eins.
Zum anderen betonen Heřman und die Dramaturgin Patricie Částková in dieser an poetischen Momenten reichen Produktion die heiteren Aspekte der Handlung, die auch musikalisch immer wieder kurz aus der ernsten Musik hervorquellen. Für eine absurde Komik sorgen der Schlossherr in Ritterrüstung und später die ihn erlösende Hedvika von Schauenburg, wenn sie verstaubt und zunächst noch ungelenk durch den geöffneten Klosterboden ihrer Gruft entsteigen.
Beeindruckend ist zudem die stimmliche Klasse, mit der das kompakte Ensemble des Brünner Nationaltheaters auftrumpft. Die Premierenbesetzung führte Roman Hoza als Vok zu Rosenberg an. Stimmlich vor allem in der Mittellage schön präsent, gelingen dem Bariton einfühlsame lyrische Bögen, wenn seine gutherzige Figur der ersten Liebe nachweint. In dieser Inszenierung ist Vok deutlich jünger und wohl auch attraktiver gezeichnet als im Original, was am Ende die Gefühle der jungen Hedvika für ihn glaubhafter macht als das Original. Sein unvermuteter Gegenspieler ist der Teufel Rarach, den Jan Šťáva gleichsam als überirdischer Intrigant in einer schwarzen Mönchskutte – und am Ende gar in luftiger Höhe in Seilen – erstklassig sonor und mit dominanter Stimmkraft ausfüllt. An seinen Fäden hängt – in dieser Inszenierung wortwörtlich – der Klosterbruder Beneš (im Original ein Einsiedler), der zum Abt aufsteigen und eine Heirat des potenziellen Stifters verhindern möchte. Ihn füllt David Szendiuch solide aus.
Eine Wonne ist das warme Timbre von Lenka Máčiková, mit der die Sopranistin die Tragik der quasi verlobten Katuška einfühlbar zum Ausdruck bringt, die um die ersehnte Ehe bangen muss. Wenn sie im zweiten Akt kurzzeitig zu einer Puppe des Bösen wird, dann ist das – ebenso wie ein Tanzensemble als Teufelshelfer – von Marek Svobodník meisterhaft choreografiert. Als Katuškas Ritter Janek blüht Daniel Matoušek vor allem in seinen ariosen Stellen auf, die ihm der zweite Akt bietet. Schade ist bloß, dass Václava Krejčí Housková in der Rolle von Voks Neffen Záviš vergleichsweise wenig zu singen hat.
Wenn musikalisch bereits sämtliche Maßstäbe gesetzt zu sein scheinen, entsteigt auch Kateřina Kněžíková als Hedvika der Gruft und macht sich mit ihrem hellen, gleichermaßen schlanken wie kräftigen Sopran und mit einer phänomenalen Höhe zur Protagonistin des Abends. Glücklicherweise kann sie den Schlossherrn Vok rechtzeitig von ihrer Liebe zu ihm überzeugen. Und glücklicherweise entreißt der Klosterbruder Beneš dem Teufel die ihn darstellende Puppe, nachdem er sich mittels Beichte beim Burgvogt Michálek (komödiantisch: Vít Nosek) vom Bösen losgesagt und sein Leben endlich in die eigenen Hände genommen hat.
Aber davor baut der Teufel mit seinen Leuten noch an seiner Staumauer, und auch im Orchester wogt es mächtig mit diabolisch-atonalen Einsprengseln. Wenn die Liebe und der Gottesglaube den Teufel letztlich vertrieben haben und der prächtige Chor (Leitung: Martin Buchta) den Sieg des Guten besingt, dann geht ein Opernmärchen zu Ende – eines, für das sich die Reise in Mährens kulturelle Hauptstadt, nur anderthalb Zugstunden von Wien, definitiv gelohnt hat.
«Čertova stěna» (Die Teufelswand) – Bedřich Smetana
Národní divadlo Brno (Nationaltheater Brünn) ∙ Janáčkovo divadlo (Janáček-Theater)
Kritik der Premiere am 6. Februar
Termine: 15. Februar; 6. März; 6. April; 23. Mai
Gastspiel am 26. Juni beim Smetana-Festival in Litomyšl