Staatstheater Meiningen

Dekadente Expression mit zynischer Leichtigkeit

Shin Taniguchi steht an der Spitze einer starken Ensembleleistung. Giulia Giammona macht auf Expressionismus und Hindemiths Originalität wird plausibel

Roland H. Dippel • 14. Februar 2026

Schmuck oder Leben! – Kavalier (Isaac Lee), Cardillac (Shin Tanigucchi, Mitte) und Dame (Tamta Tarielashvili) © Anke Neugebauer

Am für Deutschland mehrfach schicksalsträchtigen 9. November, dem Jahrestag auch der Uraufführung in der Dresdner Semperoper, wird Paul Hindemiths rebellische Opernprovokation «Cardillac» 2026 hundert Jahre alt. Die heute einträchtig für besser betrachtete Urfassung ist inzwischen bestens etabliert, obwohl Hindemith das erfolgreiche Stück in seiner Einrichtung für Zürich 1952 um einen ganzen in der Pariser Oper spielenden Aufzug erweitert hatte. Die Urfassung lag auch jüngeren Einspielungen mit dem Münchner Rundfunkorchester unter Stefan Soltész und aus der Wiener Staatsoper unter Simone Young zugrunde.

Die Neigung des Publikums für diese kurze wie kantige Adaption von E.T.A. Hoffmanns Novelle „Das Fräulein von Scudieri“ skaliert allerdings noch immer zwischen Bewunderung und Scheu. Im überaus lebhaft figurierten Orchesterpart und den lapidar konzipierten Gesangspartien ging Hindemith auf Konfrontationskurs gegen Richard Wagner, auf dessen 143. Todestag die Meininger Erstaufführung fiel. Hindemith hatte zudem starke Vorbehalte gegen die Orchesterexzesse des seit Ende des Ersten Weltkriegs rapide abflauenden Wagner-Epigonentums.

Die deutsch-italienische und auf Avantgardistisch-Intimes spezialisierte Regisseurin Giulia Giammona hat diese entstehungszeitlichen Rahmenbedingungen mitgedacht. Giamnona respektierte auch die im Expressionismus beabsichtigte Allgemeingültigkeit gegen die psychische Exklusivität der vergleichbar monströsen Figuren in den Konkurrenzopern von Schreker, Korngold, Strauss und von Schillings. Zum Meininger Ensemble stößt Roman Payer als einziger Gast in der von ihm konditionsstark wie höhensicher gesungenen Tenor-Partie des Offiziers. Die Solist:innen agieren mit strengen, durch Reliefs aus Licht streng gesetzten und choreographiert wirkenden Bewegungen. So empfindet man eher kaltes Grauen über die Morde des Edelgoldschmieds Cardillac an den Käufern seiner Juwelierarbeiten als Spannungsböen aus den Gefühlsüberhitzungen von Cardillacs Tochter für den Offizier. Auch die Brunft in Metaphern verkapselnde Paarung des Kavaliers (Belcanto à la Hindemith: Isaac Lee) mit der androgynen Dame ist eher grotesk als erotisch. Die Dame bestrahlt ihr Doppelbett wie eine Stummfilmszene, bei der nur die Meininger Hofkapelle spricht und das Textbuch des Schweizer Autors Ferdinand Lion schweigt.

Hynotisches Material: Goldhändler (Selcuk Hakan Tiraşoğlu) und Cardillac (Shin Tanigucchi) © Anke Neugebauer

Vor allem interessiert sich Giammona für die erst subtile, dann tödliche Reibung zwischen dem Chorkollektiv und Cardillac. Die schwarze Gesellschaftskleidung von Susanne Maier-Staufen kann für die wilden 1920er stehen, hat aber auch Gültigkeit für die Postmoderne bis 1999. Hinter der mondänen Maskerade lauert der Mob, züngeln Besitzgier und Prestige-Geilheit. Damen greifen mit ähnlicher Lüsternheit nach Schmuck, Colliers und Perlenketten wie der psychotische Goldschmied Cardillac selbst, dem die Tochter trotz seines Wahnsinns nicht ihre Liebe entzieht. Giammona zeigt das emotionale Brodeln mit dem faszinierend agierenden Chor (Leitung: Roman David Rothenaicher), indem sie auf Slow Motion setzt und dafür Genrekniffs des Film Noir in die Oper überführt. GMD Killian Farrell verpasst der virtuosen Dichte von Hindemiths Orchesterchoreographie und dem Schielen des Komponisten nach den Modemusiken der Entstehungszeit kristalline Gewalt. Das Saxophon der Verführungsszene grimassiert aus Hindemiths Quantensprung in die musikalische Moderne. Darüber gurrt als Dame Tamta Tarielashvili mit aufheizenden Verdi-Tönen.

Das Bühnenbild ist teils geschmeidig, teils streng. Um die oft sich drehende Scheibe sind Kästen aufgestellt. Wie Giammona ließ sich Maier-Staufen von Narrativen des Expressionismus inspirieren – mehr mondän als mit Lust zur Hässlichkeit von George Grosz und Otto Dix. Bizarr ist der Inhalt dieser Kästen. An einem steht: „Coming soon: Cardillac's Masterpiece“. Im nächsten steckt eine halbnackte Leiche mit allem Blut und Dran. Die noble Welt lechzt nach Abwechslung durch Glanz oder Verbrechen – egal ob im Paris von Louis XIV., in der Weimarer Republik oder jetzt. Giammona macht klar, dass Goldgier, Mordgier und Lustgier nicht unterschiedlichen, sondern gleichen Instinkten entspringen. Diese kluge Konzeptleistung verwirklicht sich in sinnfälliger wie zweckdienlicher Dekorationsverpackung. Alessandra Bareggi setzte eine ökonomische Choreographie über die Ebben und Fluten der Chorwogen.

Die Paarung der Dame (Tamta Tarielashvili) mit dem Kavalier (Isaac Lee) ist eher grotesk als erotisch © Anke Neugebauer

Mit Ausnahme von Cardillac und des hier wenig sinnlich wirkenden Offiziers sind die Partien dieser Oper nicht sonderlich umfangreich. Sehnt sich Cardillacs Tochter im dekadenten Wirrwarr nach dem starken Mann? Die Meininger Hofkapelle zerrt, drückt, macht Druck und bleibt dabei elegant. Das ist kein Widerspruch. Farrell modelliert mit Präzision schroffe Konturen und die hier freilich zynische Leichtigkeit. So wirkt Hindemiths Partitur im besten Sinne anstrengender als vieles aus den akustischen Streichelgehegen des späten 20. Jahrhunderts. Man merkt es: Derzeit findet ein Paradigmenwechsel statt. Der langen Zeit, in der man Hindemiths Kompositionen für allzu streng, eng und sinnlichkeitsfrei betrachtete, ändern sich. Jetzt entdeckt man zunehmend eine ähnlich spannende Individualität wie in Alban Bergs elf Monate vor «Cardillac» uraufgeführtem «Wozzeck» oder in der wenig später entstandenen «Dreigroschenoper».

Wieder einmal besticht die Meininger Ensembledynamik. Lena Kutzner gibt eine selbstbewusste Tochter Cardillacs. Sie betont die Vollfrau mit einer dem Vater ebenbürtigen Willensstärke und Gesangspräsenz. Die Besetzung mit einem dramatischen Sopran ist hier vollauf legitim. Selcuk Hakan Tiraşoğlu hätte als Goldhändler durchaus mehr szenisches Profil vertragen können, Tomasz Wija setzt als Führer der Prévôté eine starke Marke. Und was für eine Prachtpartie ist Cardillac für Shin Taniguchi. Meiningen kann sich glücklich schätzen mit diesem sensiblen Sängerdarsteller, der für einen Heldenbariton zu beweglich, für einen Kavaliersbariton zu ausdrucksstark und für einen lyrischen Bariton zu erfahren ist, aber die Vorzüge dieser drei Fächer ideal vereint. Starke Besetzung also in einem starken Stück!

PS: Vögel-Masken (hier Elstern) sind ein auffälliger Musiktheater-Trend der laufenden Spielzeit.


«Cardillac» – Paul Hindemith
Staatstheater Meiningen

Kritik der Premiere am 13. Februar 2026
Termine: 15. Februar; 8. März; 17., 30. April; 23. Mai; 5. Juni