Kalchschmids Albenpanorama

02/2026

Eine spannende Oper von Nadia Boulanger, mutige Männer und Lieder des 17. Jahrhunderts von Andreas Hammerschmidt

Klaus Kalchschmid • 20. Februar 2026

Nadia Boulanger wurde bekannt als Lehrerin später berühmter Komponisten wie Leonard Bernstein und Igor Strawinsky, ihre eigenen Werke hat sie selbst nicht besonders geschätzt. Weil etwa «La ville morte», eine Gemeinschaftsarbeit mit ihrem Mentor Raoul Pugno auf einen Text von Gabriele D‘Annunzio, dieser ihren Anteil nicht gebührend würdigte und es auch nicht zur geplanten Pariser Uraufführung 1914 kam, kann man die Produktion der Catapult Opera als Entdeckung ansehen. 

Die Oper spielt im späten 19. Jahrhundert in der antiken Stadt Mykene. Vier Charaktere sind miteinander verbunden: Die blinde Anne weiß um die Liebe ihres Mannes Alexandre zu ihrer Freundin Hébé. Sie macht ihren Bruder Léonard eifersüchtig, der, bester Freund Alexandres, inzestuöse Gefühle zu seiner Schwester hegt. Inspiriert von Mykene, der „toten Stadt“ und ihren Ausgrabungen, identifiziert sich Hébé mit den mythischen Charakteren Antigone und Cassandra. Im vierten Akt ist sie bereits von ihrem Bruder ertränkt, der sie dennoch heftig betrauert.

Die Musik dazu für solistische Streicher, Flöte, Oboe, Klarinette, Fagott, Horn und Klavier – die originelle Instrumentation stammt von Joseph Stillwell und Stephan Cwik – gibt sich in den ersten beiden Akten sehr kammermusikalisch, dann wieder ganz symphonisch, steigert sich etwa schon mal ekstatisch, etwa wenn Léonard das Gold der Ausgrabungen preist, sich Alexandre und Hébé ihrer gegenseitigen Liebe versichern, Léonard seinen Gefühlen freien Lauf lässt oder Hébé in einer großen Arie ihr Schicksal besingt. In den beiden letzten Akten gibt es noch mehr Kontraste und Dramatik. Oftmals hört man, vor allem im Sprechgesang Debussys «Pelléas» heraus, auch wenn das Orchester eigenständig und oft ganz tonal klingt. Die vier Partien sind hervorragend besetzt mit der Sopranistin Melissa Harvey als Hébé, Mezzo Laurie Rubin als Anne, Tenor Joshua Dennis (Léonard) und Bariton Jorell Williams (Alexandre). Das Talea Ensemble spielt unter Neil Gordon feinsinnig und hochpräzise. Neben der Originalsprache gibt es englische Übersetzungen im Booklet. (Pentatone)


Bariton Lars Conrad und der Pianist Daniel Prinz zeigen Mut und Humor, wenn sie ihr Album schlicht „Männer“ nennen und sich dafür auf dem Cover wie ein Paket schnüren lassen mit dem Aufdruck „FRAGILE“. Im Untertitel heißt die Veröffentlichung „Zwischen Rausch und Verzweiflung“, und schon das op. 32 von Johannes Brahms zeigt ein differenziertes Männerbild, das Verletzbarkeit und Feinfühligkeit ebenso wie Melancholie zeigt, den Hader mit sich selbst und ein Leben zwischen Todessehnsucht und dem Wunsch, intensiv zu leben.

Das zeigen insbesondere die fünf Platen-Vertonungen innerhalb der neun Lieder op. 32 von Johannes Brahms, eines Dichters, der lebenslang unter seiner Homosexualität litt und dessen Gedichte von intensivem Liebesleid handeln. Die „Anakreontischen Fragmente“ Hanns Eislers, übersetzt von Eduard Mörike dagegen zeigen in ihrer kargen, herben Vertonung im Subtext den Mann in seiner Verunsicherung, der zugleich das althergebrachte Männerbild tradiert, das zur bloßen Hülle geworden ist. In den vier Liedern aus Zwölf Gedichte op. 35 von Robert Schumann definiert sich der Mann über seine Naturverbundenheit und die Anerkenntnis des eigenen Schmerzes. Bei dreimal Wolf ist es der Alkohol, der als Ritual und Schutzmechanismus den Männern dient. „In Frech und froh“ wird den Männern das Prügeln als Mittel der Auseinandersetzung zugestanden, auch das heute ein illegitimes Mittel. Männliche Hybris dann in der Schumann-Ballade „Belsatzar“, bevor zwei Encores von Schubert („Nachtviolen“ und „Ganymed“) das Album runden.

Der junge Lars Conrad findet den richtigen Weg zwischen Textausdeutung und Hingabe an die Musik. Fein sein Pianissimo in der Höhe, aber auch die Attacke liegt ihm. Und mit Daniel Prinz hat er einen selbstbewusst mitgestaltenden Pianisten an der Seite. (Genuin)


„Du bist schön und lieblich“ heißt das Album mit vornehmlich Werken von Andreas Hammerschmidt (1611/12-1675) auf Texte aus dem Hohelied Salomos. Wunderbar, wie Hammerschmidt die implizite oder explizite Erotik in Töne fasst und immer wieder die Brüste der Angebeteten preist, mal vom Sopran, mal vom Tenor gesungen, so mit verteilten Rollen schon das erste Lied: „Ich schlaffe, aber mein herze wacht [...] Thue mir auf meine Freundin, meine Schwester, meine Taube, meine Fromme“, einmal auch im Duett: „Mein Freund ist mein und ich bin sein./Und du bist mein, du meine Freundin“, kulminierend im mehrfach wiederholten „Du bist aller Dinge schöne, schöne bist du.“ Zwei der subtilen Lieder erklingen auf Latein, immer wieder verbunden mit farbigen, lebhaften Instrumentalstücken Hammerschmidts oder David Funcks (1648-1699). 

Lieder von Johann Vierdank (1605-1646), Johann Philipp Krieger (1649-1725) und Thomas Strutz (1621-1678) runden das Album ab, die ein wenig den Charakter einer geistlichen Oper trägt samt schöner Ouvertüre, einer anonymen Sonatina à 5. Das Stück von Strutz ist noch einmal ein ganz kontrastreiches, wenn auf die Aufforderungen des Geliebten die Freundin immer wieder im halben Tempo singt, wieder mit den Worten: „Ich schlaffe, aber mein Herz ist wach.“ Capucine Keller, Sopran und Maxime Melnik, Tenor sind die stilsicher ganz auf die Sprache konzentrierten Solisten. Klein aber fein das Instrumentalensembles Clematis mit zwei Geigen, zwei Bratschen, Bassviole, Harfe, Fagott, Blockflöte und Cembalo bzw. Orgelpositiv. (Ricercar)