Wiener Staatsoper
Breitwand-Mozart mit viel Ablenkung
Jan Lauwers setzt eine solide-poetische Neuproduktion von Mozarts «La clemenza di Tito» auf eine spartanische Bühne-auf-der-Bühne, eine achtbare Besetzung trotzt einem wenig inspirierten Dirigat
Stephan Burianek • 14. März 2026
Manche Diktatoren mögen sich den Anschein von Güte geben, die Drecksarbeit zur Sicherung ihrer Macht übernehmen in der Regel andere. Das dürfte die Grundaussage von Jan Lauwers' Neuinszenierung von Mozarts «La clemenza di Tito» (Die Milde des Titus) sein, jener Huldigungsoper an einen vermeintlich idealen Herrscher.
Als Auteur unter den Regisseuren zeichnet Lauwers auch für das spartanische Bühnenbild und für die Tanzchoreographien verantwortlich (Ko-Choreograf: Paul Blackman). Wie bereits vor Jahren in Monteverdis «Krönung der Poppea» entwarf Lauwers für «Tito» eine ansteigende Spielfläche, und wie damals herrscht auf dieser Bühne-auf-der-Bühne sowie um sie herum nahezu ständig Bewegung. Das nervt mitunter, weil es von der Musik ablenkt, etwa während der Ouvertüre, in der Lauwers mit zuckendem Ausdruckstanz die Vorgeschichte erzählt: Titus liebt Berenice, hier dargestellt von der gleichermaßen quirligen wie zierlichen Tänzerin Nikola Majtanova. Dennoch lässt Titus sie fallen, denn ihre Verbindung ist in seinem Umfeld nicht populär. Bei Lauwers tut Titus‘ Entourage der Beklagenswerten Gewalt an, wirbelt sie wild durch und schändet sie, trotzdem bleibt Majtanova für den Rest des Abends im Gefolge präsent.
In dieser ersten Aufführungsserie wartet die Wiener Staatsoper mit einer achtbaren Besetzung auf, etwa mit Katleho Mokhoabane, der in dieser ersten Aufführungsserie mit kultivierter, klangschöner Stimme ein erfolgreiches Rollendebüt in der Titelpartie gibt. Im ersten Teil hat er im Rahmen seiner Möglichkeiten mitzutanzen, im zweiten sitzt er – nach dem Attentat auf ihn durch Sextus (Sesto) singt er teilweise in einem Rollstuhl. Hanna-Elisabeth Müller füllt die durchtriebene, den Mord an Titus in Auftrag gebende Vitellia als erstklassige Sängerschauspielerin aus, die sowohl die Verführungskunst ihrer Figur als auch deren Abgründe stimmlich mit packender Energie darzustellen vermag. Vitellias Mordinstrument heißt bekanntlich Sextus, den die Mezzosopranistin Emily D’Angelo mit einem ungewöhnlich tiefen Timbre ausstattet. Klang die berühmte, im Duett mit einem Klarinetten-Solo gesungene „Parto“-Arie noch wenig intim und etwas schwerfällig, meisterte sie das Rondo im zweiten Akt makellos. Einen Glücksfall bildet Florina Ilie als Sextus’ Schwester Servilia insbesondere im Duett mit Cecilia Molinari, die Servilias Geliebten Annio mit einer gleichermaßen schlanken wie kräftigen und flexiblen Stimme zu einer Hauptpartie macht.
Einen Wermutstropfen bildet in musikalischer Hinsicht lediglich das insbesondere im ersten Teil nicht sonderlich inspiriert klingende, für eine Neuproduktion zu wenig elaborierte Dirigat von Pablo Heras-Casado. Dem Staatsopernorchester, dessen Philharmoniker derzeit im Ausland touren, lässt er ein allzu romantisches Breitwand-Klangbild durchgehen, in dem die Mozart’sche Finesse höchstens in den Solopartien durchscheint.
Eine mitreißende musikalische Grundlage wäre bei Lauwers weitgehend nüchterner Visualisierung allerdings vonnöten, denn die Inszenierung verstärkt eine dramaturgische Schwäche des Originals: Im abwechslungsreichen ersten Teil feiert Lauwers ein oftmals vom eigentlichen Geschehen ablenkendes Tanzfeuerwerk ab, im vergleichsweise statischen zweiten Akt lässt er die Sängersolisten bei ihrer Arienabfolge weitgehend allein und liefert halbkonzertante Kost – das könnte auf einer kleineren Bühne durchaus funktionieren, doch die Wiener Staatsoper hat ihre eigenen Gesetzmäßigkeiten.
Poetische Momente gelingen ihm dabei durchaus, etwa, wenn die Handlung auf einer riesigen, über drei Wände gebogenen und edel gerahmten Leinwand von Aquarellen kommentiert wird, die Lauwers während der Arbeit an der Inszenierung gemalt haben soll. Die Zeichnungen seien ein Mittel, das fatale aktuelle Weltgeschehen zu reflektieren, ohne dabei auf plakative Mittel zurückgreifen zu müssen, erfährt man im Programmheft-Interview. Während des Tumults im Zuge von Sestos Attentatsversuch fährt eine Gaze herab, die das gesamte Bühnenportal abdeckt. Projiziert wird die berühmte Szene aus Sergei Eisensteins Stummfilm „Panzerkreuzer Potemkin“ (1925), in der auf den Stufen der ukrainischen Stadt Odesa unbewaffnete Menschen kaltblütig von der zaristischen Armee erschossen werden. Nicht jedem erschloss sich an dieser Stelle der Bezug zu Mozarts «Tito». Unabhängig davon ist der Staatsoper diesmal eine solide und wohl auch repertoiretaugliche Inszenierung gelungen – das nächste Mal vielleicht mit einem Mozart-Spezialisten am Pult.
«La clemenza di Tito» (Die Milde des Titus) – Wolfgang A. Mozart
Wiener Staatsoper
Kritik der Vorstellung am 12. März
Termine: 16./21./24./27. März