Staatstheater Wiesbaden
Sing, Nachtigall, sing!
Ersan Mondtag trägt Eulen nach Athen, indem er für «Die Vögel» von Walter Braunfels einen federbunten Opern-Flughafen baut. Josefine Mindus triumphiert als Nachtigall
Albert Gier • 23. März 2026
In den 1920er Jahren hatten «Die Vögel» großen Erfolg, bevor die Nationalsozialisten den Komponisten Walter Braunfels, der nach ihrer menschenverachtenden Terminologie „Halbjude“ war, mit Aufführungsverboten belegten. Im ersten Band von „Pipers Enzyklopädie des Musiktheaters" (1986) schrieb Monika Schwarz: „Nach 1945 vermochte [das Werk], trotz einiger Wiederbelebungsversuche, nicht wieder ins Repertoire zu kommen.“ Diese Aussage ist inzwischen überholt: In der letzten Zeit gab es Inszenierungen z.B. bei den Tiroler Festspielen in Erl (2019), in der Bayerischen Staatsoper (2020), in Köln (2021) und Oldenburg (2025) – immer mit beachtlichem Erfolg.
Jetzt also Wiesbaden. Bei der Premiere gab es viel Beifall; das Publikum liebt das „lyrisch-phantastische Spiel“, wie der Komponist seine Oper nannte. Stoffvorlage war die gleichnamige Komödie von Aristophanes (414 v. Chr.). Dort scheint der Plan der Vögel zu gelingen, die auf den Rat der beiden verkrachten Existenzen „Hoffegut“ und „Ratefreund“ (bei Braunfels sind die Namen Übersetzungen dem Altgriechischen) die Stadt „Wolkenkuckucksheim“ bauen. Dass sie die Götter vom Thron stoßen, scheitert in der Oper kläglich. Zeus zürnt und schickt einen „apokalyptischen Starkregen“ (so das Programmheft), der das „Wolkenkuckucksheim“ hinwegspült.
Bei Aufführungen der Komödie und der Oper werden die Darsteller meist in Vogelkostüme gesteckt. Der auch für Bühnenbild und Kostüme verantwortliche Regisseur Ersan Mondtag verlegt die Geschichte in die Gegenwart. Schauplatz ist ein Flughafen, wo wir Heutige unserem „Traum vom Fliegen“ am nächsten kommen. Im Hintergrund sind sehr schöne KI-generierte Bilder aus einem sonnigen Urlaubsland zu sehen. Der Demagoge Ratefreund und sein Kumpan sollen – so wurde in der Einführung erklärt – für Raubtierkapitalismus à la Donald Trump und Elon Musk stehen, denen sie allerdings glücklicherweise nicht ähnlich sehen. Wolkenkuckucksheim heißt hier „WKK Riviera“ nach Trumps absurdem Einfall, aus Gaza nach Kriegsende eine „Riviera des Nahen Ostens“ zu machen. Die Figuren sind allesamt „schräge Vögel“, wie die Maler der Neuen Sachlichkeit sie oft porträtiert haben. Habitus und Kostüme der Darsteller nehmen auf solche Bilder Bezug.
Der kürzere zweite Akt spielt in einem komfortabel ausgestatteten Innenraum – wohl die Lounge des Flughafens. Ein hohes Fenster gibt den Blick auf die Rollbahn frei. Braunfels identifiziert die Nachtigall mit Prokne, der Gattin des Königs Tereus von Thrakien. Er soll seine sehr schöne Schwägerin Philomela vergewaltigt und ihr dann die Zunge herausgeschnitten haben, damit sie ihrer Schwester die Untat verschweigen musste. Philomela webte jedoch einen Teppich, auf dem das Verbrechen des Tereus dargestellt war. Prokne nahm furchtbare Rache. Sie tötete ihren Sohn Itys und setzte sein Fleisch dem Vater vor, der davon aß. Die Götter hätten deswegen Prokne in eine Schwalbe, Philomela in eine Nachtigall und Tereus in einen Wiedehopf verwandelt. In anderen Fassungen der Geschichte wird Prokne zur Nachtigall und Philomela zur Schwalbe: Im zweiten Akt der Oper klagt die Nachtigall um ihren Sohn Itys.
Musikalisch ist die Produktion rundum gelungen: Paul Taubitz, 1. Kapellmeister und Stellvertretender GMD, führt das bestens aufgelegte Orchester zu einer sehr intensiven, klanggewaltigen Ausdeutung der spätromantischen Partitur. Der Star des Abends ist natürlich Josefine Mindus als Nachtigall, die alle Koloraturen bravourös meistert und ihren schönen Sopran zum Leuchten bringt. Auch Galina Benevich als Zaunschlüpfer – hier Bedienung an einem Imbissstand – gefällt in ihrer kleinen Rolle.
Eindrucksvoll gestaltet Jonathan Macker seinen Auftritt als Prometheus. Er warnt die Vögel vor dem Zorn des Zeus, den er ja bekanntlich am eigenen Leibe erfahren hat. Der Wiedehopf ist bei Braunfels eine schwache, etwas farblose Figur. Der Verantwortung, die er als König der Vögel trägt, ist er offensichtlich nicht gewachsen. Deshalb fällt es Ratefreund nicht schwer, ihn zu verdrängen. Sam Park gelingt es, den Wiedehopf zumindest musikalisch zu profilieren. Die größten und wichtigsten Rollen unter den Männern haben die beiden Menschen: Hovhannes Karapetyan überzeugt als Demagoge Ratefreund ebenso wie Richard Trey Smogur als Hoffegut, dessen unmögliche Liebe zur Nachtigall auch bei den Zuschauern zumindest etwas Sympathie oder Mitleid erweckt. Auch die kleineren Rollen der Vögel und der „Stimmen der Winde“ sind durchweg adäquat besetzt.
Die Wiesbadener Aufführung macht neugierig auf mehr von Walter Braunfels: Für das Musiktheater hat er wohl zehn Werke komponiert, von «Prinzessin Brambilla», «Der gläserne Berg», «Der Traum ein Leben» und «Ulenspiegel» gab es Aufnahmen, die allerdings vergriffen sind («Ulenspiegel» findet man auf Youtube, ebenso wie «Verkündigung» nach dem Schauspiel von Paul Claudel).
«Die Vögel» – Walter Braunfels
Hessisches Staatstheater Wiesbaden · Opernhaus
Kritik der Premiere am 21. März
Termine: 27./29. März; 11./16. April; 7./26. Juni