Kalchschmids Albenpanorama
03/2026
Eine außerordentliche Johannes-Passion, ein tragisches Oratorium und die französische Oper schlechthin locken mit neuen Aufnahmen, Elsa Dreisig widmet Anrufungen ein ganzes Album
Klaus Kalchschmid • 25. März 2026
Bachs Johannes-Passion ist im Vergleich zur Matthäus-Passion um ein Drittel kürzer und dramatischer – schon weil es mehr Turbae-Chöre, also solche des Volkes gibt, aber auch jede Menge Choräle, die die Reflexion des Gläubigen beinhaltet. Eine Besonderheit stellt der Chor Nr. 39 „Ruht wohl, ihr heiligen Gebeine“ kurz vor Schluss dar, der weder ein Choral noch ein Turba-Chor ist. Der Chor des Ensembles Pygmalion singt genauso bestechend schön, wie bereits im großen, dramatischen Eröffnungschor. Nicht minder überzeugend die Solisten: Allen voran Julian Prégardien als Evangelist, der mit seinem schönen, warmen Tenor genau die richtige Mischung aus Anteilnahme und dem damit verbundenem Ausdruck wie der nüchternen Berichterstattung trifft. Ebenso hervorragend: der charismatische Bariton Huw Montague Rendall als Jesus. In ihren je zwei Arien überzeugen auch die Sopranistin Ying Fang und die Altistin Lucile Richardot, die fast so schlank und im Timbre ähnlich wie ein Counter klingt. Dazu kommen Tenor Laurence Kilsby und die Bässe Christian Immler in ihren Arien und Étienne Bazola als Petrus. Auch das Originalklang-Orchester Pygmalion leistet Außerordentliches, nicht zuletzt das lebendige Continuo mit Kontrabass, Cello, Theorbe, Truhenorgel und Cembalo macht diese Aufnahme zu einer trotz enormer Konkurrenz herausragenden. (Harmonia Mundi)
«Theodora» ist neben dem «Messiah», dem zweiten dezidiert christliche Thematik beinhaltenden Oratorium Händels, sein beliebtestes und am häufigsten – auch szenisch – aufgeführtes. Jetzt ist eine Aufnahme von 2023 aus der Grand Manège in Namur der „intimsten Tragödie“ (Romain Rolland) Händels erschienen, die allen Anforderungen gerecht wird und durchaus Referenzcharakter hat. Händels vorletztes Oratorium ist einzigartig in seinem Schaffen: Getragene Arien, Duette und große Chöre in Moll, vor allem die Trauertonart g-moll, dominieren und bei aller inneren Dramatik herrscht viel Kontemplation und Intimität: Die Christin Theodora weigert sich, den römischen Göttern zu huldigen und soll deshalb zur Prostitution nicht nur im Tempel verurteilt werden. Der römische Offizier Didymus befreit sie, indem er ihre Kleider anzieht, doch als sich schließlich beide vor dem Statthalter Valens verantworten müssen, werden sie zum Tod verurteilt. Theodora wird von Sophie Junker charismatisch verkörpert. Dara Savinova als ihre Vertraute Irene gewinnt dem vorherrschenden Klageton immer wieder neue Facetten ab. Der Countertenor Christopher Lowrey ist ein milder, sanfter Didymus, Septimus, der zwischen Christen und Römern vermitteln will, wird von Matthew Newlin mit tenoraler Überzeugungskraft gesungen und ist dabei immer präzise in den Koloraturen. Geradezu Furcht einflößend: Andreas Wolf als Valens. Der 24-köpfige Kammerchor Namur (Einstudierung: Thibaut Lenaerts) bewältigt seine vielfältigen Aufgaben mit Bravour. Nicht minder qualitätvoll spielt das Millenium Orchestra unter Leonardo García-Alarcón. (Ricercar)

«Carmen» ist die weltweit neben der «Zauberflöte» am häufigsten aufgeführte Oper und das nicht ohne Grund, denn Georges Bizet gelingt ein Musiktheater voller „Schlager“ und zugleich ein veritables Musiktheater, auch wenn in der Urfassung gesprochene Dialoge zwischen den Musiknummern vermitteln. Die Aufnahme der Rezitativ-Fassung mit Chor und Orchester der Opéra Royal in Versailles vom Januar 2025 ist eine auf Originalinstrumenten, was das Klangbild unter Hervé Niquet, sonst Spezialist für die Alte Musik, besonders durchsichtig und sehnig gespannt macht. Adèle Charvet singt mit hellem Mezzo eine verführerische Carmen, der Julien Behr in nichts nachsteht und mit nicht nachlassender Expression am Ende um die Liebe Carmens bettelt. Seine Blumenarie ist denn auch einer der Höhepunkte der Aufnahme, wie auch Charvet in ihren Solonummern punkten kann. Florie Valiquette als Michaëla besitzt mit ihrer feinen Soubrettenstimme auch lyrischen Charme, Alexandre Duhamel als Stierkämpfer Escamillo trumpft viril auf, aber auch die kleineren Partien sind solide besetzt mit Gwendoline Blondeel (Frasquita) und Ambroisine Bré (Mercédes) sowie Nicolas Certenais (Zuniga) und Halidou Nombre (Moralès). Auf einer Bonus-DVD kann man die ganze historische Live-Aufführung in der Ausstattung von 1875 auch szenisch erleben. (Château de Versailles Spectacles)
„Invocation“, also Anrufung, Bitte oder Gebet gibt es in der Oper oftmals an zentraler Stelle. Jetzt hat Elsa Dreisig dieser Gattung ein ganzes Album gewidmet: Schlager wie Rusalkas „Lied an den Mond“, Laurettas „O mio babbino caro“ und „Casta Diva“ bestimmen den Anfang, dann tritt neben Solveigs Lied ein Lied aus Peter Heises gleichzeitigem „Drot og Marks“. Das Gebet der Elisabeth aus Wagners «Tannhäuser» wiederum wird von unbekanntem Belcanto, der «Anna di Resburgo» von Carolina Uccelli, Rossini und Gounod flankiert und erklingt so in ganz neuem, zarten Licht, bevor in der Zielgeraden noch Toscas „Vissi d‘Arte“ und das Ave Maria der Desdemona aus Verdis «Otello» warten. „Letzte Rose“ aus Friedrich von Flotows «Martha» setzt dagegen einen milden, schlichten Schlusspunkt. Mal gibt es größte Innigkeit in diesem Album, dann wieder enorme Dramatik oder beides im Verlauf einer Nummer hintereinander. Und immer ist es eine höhere Macht – oder der Mond – der besungen wird. Elsa Dreisig hat für alles die rechte Pastellfarben-Palette und singt mit maximalem Ausdruck, dem freilich nie die Schönheit des Klangs geopfert wird. Chor und Orchester der Oper in Genua unter Massimo Zanetti leisten mehr als nur Begleitung, sondern sind wache Mitgestalter in den verschiedenen Stilen. (Erato)