Festspielhaus Baden-Baden
Ein Ritter mit Schwanenfedern
Mit Wagners «Lohengrin» besorgen Regisseur Johannes Erath und Dirigentin Joana Mallwitz einen durchwachsenen wiewohl bejubelten Höhepunkt der Osterfestspiele. Wie immer herausragend: Piotr Beczała
Roberto Becker • 30. März 2026
Für die Osterfestspiele in Salzburg und in Baden-Baden sorgt heuer Wagner für den Glanz, der vor allem das solvente Publikum anlockt und zufriedenstellt – in Salzburg mit der Heimkehr der für ein Dutzend Jahre abhanden gekommenen Berliner Philharmoniker mit dem späten Nachfolger Herbert von Karajans, Kirill Petrenko, und einem «Rheingold» als Auftakt eines ehrgeizigen «Ring»-Projektes, und in Baden-Baden mit Joana Mallwitz und dem Mahler Chamber Orchestra im Graben von Deutschlands größtem Opernhaus. Diese beiden Festspiele stehen, ob sie es zugeben oder nicht, in Konkurrenz. Nicht nur um die zugkräftigen Namen der Szene, die aufgeboten werden, sondern vor allem um die Orchester und Dirigenten, die in Zeiten entscheidend sind, in denen sich über Regie vor allem trefflich streiten lässt. Es war ein Coup, als Andreas Mölich-Zebhauser 2013 die Berliner Philharmoniker dazu verführte, nach vier Jahrzehnten von ihrem Oster-Stammplatz Salzburg nach Baden-Baden zu wechseln, um den Erfolg dort zu garantieren. Dass Osterfestspielintendant Nikolaus Bachler es jetzt geschafft hat, die Berliner zurück nach Salzburg zu holen, ist ein ebensolcher Coup und die Voraussetzung für Petrenkos neuem «Ring».
Für das Festspielhaus im deutschen Südwesten ist es eine Chance, vor allem aber eine Herausforderung, die so entstandene Lücke im Graben zu schließen. Die Aufgaben des Residenzorchesters übernehmen nun das Mahler Chamber Orchestra und das Amsterdamer Royal Concertgebouw Orchestra. Das Privileg des aktuellen Opernorchesters hat in diesem Jahr das einst von Claudio Abbado maßgeblich unterstützte und heute von Daniel Harding geleitete Mahler Chamber Orchestra. Die Entscheidung, nach zwanzig Jahren wieder einmal den Schwanenritter an der Oos anlanden zu lassen, hat vieles für sich. «Lohengrin» ist für Wagnerianer ein musikalisches Wohlfühlstück – man kennt sich und freut sich über jedes Wiedersehen. Es ist nicht so kurz wie «Holländer» oder «Rheingold», aber auch nicht gleich überlang. «Lohengrin» ist einfach festspielkompatibel.
Joana Mallwitz geht dabei in die Vollen, lässt das königliche Blech nicht nur hör- sondern auch sichtbar herausgehoben ertönen, sorgt für schwelgerische Momente. Das Zügeln der mitunter arg lauten Chöre war offenbar nicht ihr Hauptanliegen. Aber den Sängern verschaffte sie allen ihren großen Auftritt. Das durchweg klar artikulierende und mit den jeweiligen Stimmpfunden wuchernde Sänger-Ensemble hatte sie durchweg im Griff, beim Orchester und auch bei den Chören war das nicht immer so. Im Großen und Ganzen garantierte Mallwitz das eingängige «Lohengrin»-Vergnügen, das Thomas Mann mit „helles Entzücken“ umschrieb. Auch die pp-Trompeten vor „In lichter Waffen Scheine“, die der prominente Wagnerianer als Gipfel der Romantik ausmachte, waren vernehmbar platziert.
Für die Wagneroper, in der man neben den «Meistersingern» so gut wie jedes Wort versteht, war ein erstklassiges Ensemble beisammen. Das gilt für den profunden Kwangchul Youn als würdiger König Heinrich und seinen geschmeidigen Heerrufer Samuel Hasselhorn ebenso wie für den wagnererfahrenen Wolfgang Koch als Friedrich Telramund. Rachel Willis-Sørensen ist eine Elsa, die mit wohlklingenden, vollen Höhen fasziniert. Überstrahlt wurden sie erwartungsgemäß von Piotr Beczała, der sich längst auch in Bayreuth als einer der Lohengrin-Interpreten neben Klaus Florian Vogt etabliert hat. Im weißen Schwanenfedermantel ist er hier der strahlende Tenorritter ohne Fehl und Tadel. Als Gegenspielerin machte Tanja Ariane Baumgartner mit dunkel leuchtender Stimmfärbung und umwerfend präsenter Eloquenz aus der Figur der Ortrud ein Ereignis. Ihre reine optische Bühnenpräsenz gab es als Sahnehäubchen obendrauf. Die Chöre, der Tschechische Philharmonische Chor Brünn und der Philharmonische Chor Wien, entfalten einigen Ehrgeiz, um zu belegen, dass «Lohengrin» eben auch eine Choroper ist und setzen dabei vor allem auf raumfüllende Wucht. Das ist nicht immer homogen, manchmal auch etwas scharf. Beim Publikum kam das aber gut an.
Szenisch setzen Johannes Erath (Regie), Herbert Murauer (Bühne), Gesine Völlm (Kostüme) und Bibi Abel (Video) vor allem auf optischen Effekt, statische Tableaus, ein Rampenprivileg für die Protagonisten und mehr auf diverse Anspielungen als auf eine stringente Deutung. Da sie sich in Bezug auf Zeit und Ort nicht festlegen, gibt es Versatzstücke aus dem Alltag, wie alte TV-Geräte, die den Auftritten des Heerrufers quasi assistieren. Die königliche Analyse, dass die Brabanter ohne Fürsten und in Zwietracht leben und Verwirrung und wilde Fehde herrschen, nimmt man so wörtlich, dass hier dauernd Männer und Frauen aufeinander losgehen und sich prügeln. Dabei trägt der Chor festliche bürgerliche Abendrobe, auch wenn er plötzlich in wildes Tanzen verfällt oder sein letzten großen Auftritt eher an den dritten Akt von Verdis «Falstaff» erinnert.
Das beherrschende Bühnenbild ist ein abstrakter Wald, in den ein riesiges Loch geschnitten ist – vielleicht ein Durchgang ins Reich der Phantasie? Oder der Erinnerung? Es ist aber auch ein Rahmen, den manchmal der Mond ausfüllt. Man sieht im Vorspiel die schlafende Elsa und den entschwindenden Schatten ihres Bruders Gottfried. Der taucht, nur für Elsa sichtbar, kurz vor dem Duell von Lohengrin und Telramund auf. Da ist der Kreis mit der multifunktionalen Treppenschräge gefüllt, und der kleine Gottfried rammt das Schwert tief in den Boden. Wie ein Querverweis auf den Ring, schafft es Telramund natürlich nicht, das Schwert herauszuziehen. Als es Lohengrin quasi mit Links gelingt, fällt Telramund einfach um. Damit hat man sich jeden albernen Fechtkampf erspart. Gespart wird auch der Balkon im zweiten Aufzug: Elsa und Ortrud liegen hier einfach in zwei Ehebetten, die an den Kopfenden zusammenstoßen. Wie ein Taschenspielertrick wirkt der Schwanenfederregen, der auf die ersten Reihen des Zuschauerraumes hernieder geht, wenn Lohengrin erscheint. Hübsch bis an die Kitschgrenze ist das Candle-Light-Dinner für zwei auf glitzernder Schräge, das hier in der Brautgemachszene für Lohengrin und Elsa hergerichtet ist. Am Ende singt Lohengrin sein „Zum Führer sei er euch ernannt!“ vom Rang aus, Elsa sinkt zu Boden und Ortrud nimmt den kleinen Gottfried, der mit einem Mal vom Totenbett des Herzogs gekrabbelt war, tröstend in den Arm.
Nach dem dauernden Changieren zwischen Tableau und Mumpitz schaut man sicherheitshalber noch mal auf den Besetzungszettel, doch bei Regie steht tatsächlich Johannes Erath. Dem Publikum gefiel, was es sah und hörte. Festspielstimmung halt.
«Lohengrin» – Richard Wagner
Festspiele Baden-Baden · Festspielhaus Baden-Baden
Kritik der Premiere am 28. März
Termine: 31. März; 5. April