Staatsoper Stuttgart

Feministisch betrachteter Massenmord

Die historisch verortete, doch inhaltlich entkernte Deutung von Poulancs «Dialogues des Carmélites» lässt Sängerinnen glänzen und ein Regiekonzept verdorren

Sabine Busch-Frank • 31. März 2026

Gern umarmen sie sich vertraut, schwesterlich, harmlos: die Nonnen Constance (Claudia Muschio) und Blanche (Rachael Wilson) © Matthias Baus

Hätte man aus Marketingaspekten heraus überlegt, welche Opernhandlung im 20. Jahrhundert das Zeug hätte, sich einen Platz im Repertoire zu erobern, dann wäre es diese hier sicher nicht: Eine Geschichte über 16 Nonnen, die sich unter den letzten Zuckungen der Französischen Revolution weigern, ihr Gelübde zu brechen und deshalb enthauptet werden. Zu viele Figuren, zu viele Frauen, und ein rundum abwegiger, noch dazu historischer Plot. Die fein besetzte und aufwendig produzierte Stuttgarter Premiere von Francis Poulencs «Dialogues des Carmélites» belegt einmal mehr, dass Erfolg nicht planbar ist. Das ungewöhnliche Werk, erstmals aufgeführt in Mailand 1957, ist inzwischen tatsächlich zum Repertoirestück geworden. Im Januar wurde es in Karlsruhe und Dresden herausgebracht, im März gibt es außerdem Premieren in Marseille und Flensburg.

Die polnische Star-Regisseurin Ewelina Marcianiak, die neben ihren höchst erfolgreichen Inszenierungen im Sprechtheaterbereich unter anderem in Bern gerade einen «Ring» inszeniert hat, gibt damit ihr Stuttgart-Debüt. Man konnte gespannt sein, was die junge, feministische Autorin an diesem Haus, das mit «Sancta» den Theaterskandal des Jahres 2024 hingelegt hat, mit diesem Stoff anfangen würde. Doch bald ist klar: Diesmal haben die Nonnen nur im Programmheft lesbischen Sex. Auf der Bühne wirken die Damen zwar nicht gerade asketisch, aber doch eher wie in die Ausstattung des Musicals «Hair» von Gucci geraten: Gepflegtes Langhaar, wallende Kleider und Mäntel in Pastell, bedruckt mit religiösen Motiven oder Schriftzeichen (Kostüme: Julia Kornacka). Gern umarmen sie sich vertraut, schwesterlich, harmlos.

Die Regie hat mit ihrem Konzept die Formel der Oper umgestülpt: Nicht die Karmelitinnen sind uniformiert im schwarzweißen Habit, sondern ihre Umwelt ist es. Zwischen den Klostermauern herrscht Menschlichkeit, Wärme, ein angstfreier Raum für die Hauptfigur Blanche de la Force, die als Novizin eintritt. Erfreulicherweise können in der so entstehenden Individualität die Solistinnen allesamt szenisch wie musikalisch glänzen, denn die Besetzung in Stuttgart ist durchgehend erstklassig. Da ist allen voran die sterbende Priorin, Madame de Croissy, gesungen von der Wagner-Heroine Evelyn Herlitzius, die einen grausamen, fremden Tod sterben muss, von Gott und allen guten Geistern verlassen. Die Regie bildet das in einem klaustrophobischen Krankenzimmer (Bühne: Mirek Kaczmarek) realistisch, grausam und gottverlassen ab. 

In den Armen von Blanche (Rachael Wilson): Madame de Croissy (Evelyn Herlitzius) stirbt einen grausamen, fremden Tod © Matthias Baus

Als Nachfolgerin sieht sich Mére Marie, eine kraftvolle, furchtlose Frau mit großem Gestaltungswillen, die sich unter vollem Körpereinsatz auch gegenüber der Männerwelt zu positionieren weiß, und welche Diana Haller mit starkem, klangschönen Mezzo als Verführerin zu gestalten versteht. Doch nicht sie wird als Priorin gewählt, sondern die nachdenkliche Madame Lindoine. Für Simone Schneider ist diese Partie ein „Homerun“, denn in Stuttgart weiß man, was man an der Sopranistin mit der ihrer klaren Intonation und dem warmen Timbre hat. Dann wären da noch die beiden Novizinnen, charakterliche Gegenpole und schwesterlich bis in den Tod verbunden: Claudia Muschio, derzeit noch Mitglied des Opernstudios, leuchtet als Constance vor Frohsinn und Optimismus und liefert szenisch wie stimmlich eine blitzsaubere Visitenkarte ab. Rachael Wilson, zurück in Stuttgart, bildet den Gegenpol zu ihrer jungen Unbeschwertheit. Wenn ihre Stimme im Duett mit ihrem Bruder mühelos in die Höhe gleitet, Angst ihren Gesang fast zum Hauch werden lässt oder sie in Erinnerung an den Tod ihres Vaters warme, runde Töne wie Luftblasen setzt, dann ist das kein Singen mehr, sondern ein beseeltes Gestalten. Das Dirigat von Cornelius Meister, Generalmusikdirektor an der Staatsoper Stuttgart, ist fürsorglich gegenüber seinen Solistinnen, die glänzen dürfen und überraschend schwelgerisch, besonders zum Schluss der Oper, wo harsche Übergänge erwartbar gewesen wären.

Die Regisseurin lässt indes das Stück, abgesehen von jenem eigenartigen Klosterflair, der mehr an einen indischen Ashram als an einen Pariser Karmel erinnert, bis zur Pause recht konventionell ablaufen. Rote Wände dominieren die Optik, einmal werden die Schwestern auch vereinzelt in transparentroten mobilen Klosterzellen, die ein wenig an einschlägige Stadtviertel in Amsterdam oder Hamburg erinnern. Die Personenregie aber ist konventionell, körperbetont und aktiv. Die langen Haare der Schwestern fliegen kopfüber und zurück auf die Rücken. Nach der Pause aber wird es dann ernst, offenbar hat die Regisseurin eine Botschaft, und die muss jetzt endlich raus: Es treten die Königin Marie Antoinette, die frühe französische Frauenrechtlerin Olympe de Gouges und ein namenloses Mädchen auf, für das Blanche, das Libretto der Oper verlassend, die Mutterrolle annimmt. Die monströse vierbeinige Männerstatue in Horizontale, die dabei auf der Bühne liegt, bleibt rätselhaft.

Als letzte der Nonnen geht auch Blanche (Rachael Wilson) unter die Blutdusche © Matthias Baus

Das Plädoyer für die Rechte der Frauen aber erweist sich vor allem als etwas beliebiger Mix an Protestplakaten in mehreren Sprachen. Zu lesen sind Slogans wie „Art is not an investment strategy“, „Liberté ou la mort“, „My Body My Choice” oder „Mein Bauch gehört mir.“ Der französische Dialog, der sich dazu entspinnt und den die Übertitelanlage dankenswerterweise übersetzt, ist gleichzeitig ein bisschen verkopft und dabei doch ziemlich oberflächig. Aber immerhin kurz. Denn wer diese Oper besucht, fiebert dem bitteren Ende entgegen, einem musikdramatischen Meisterstück: Während die Schwestern gemeinsam ein „Salve Regina“ singen, tritt eine nach der anderen unter das Schafott und wird enthauptet, was die Orchesterpartitur veristisch instrumentalisiert. Stimme für Stimme erstirbt, immer dünner wird der Gesang bis mit Blanche auch die letzte ihr Leben verliert.

In München hat vor 16 Jahren Dmitri Tschernjakow den Versuch unternommen, diesen Schluss zu ändern und damit einen veritablen Rechtsstreit zwischen den Nachfahren des Komponisten und der Bayerischen Staatsoper entfacht. Ein Pariser Gericht urteilte damals, dass die Schlussszene zwar im Sinne der Kunstfreiheit abgeändert werden, aber die von der Produktion erstellte DVD nicht vertrieben werden dürfe, ein herber Schlag für das Opernhaus.

In Stuttgart nun geht alles seinen Gang, die Schwestern legen Langhaarperücken und bunte Gewänder ab und schreiten in Unterkleid und mit Perückenstrumpf auf dem Kopf singend in eine Art Kreuzgang, der mit einer Blutdusche endet. Daraufhin legen sie sich verstummt nebeneinander auf den Bühnenboden. Ihr Traum von einer besseren, vielfältigen und weiblichen Welt ist ausgeträumt, der Konformismus hat gesiegt. Es war ein leichter Tod, angstfrei, aber auch ein wenig ratlos machend.


«Dialogues des Carmélites» – Francis Poulenc
Staatsoper Stuttgart
 

Kritik der Premiere am 29. März
Termine: 1./8./12./15./18. April