Staatstheater Darmstadt
Wenn sich Abgründe auftun
Nach 112 Jahren erklingt in Darmstadt erstmals wieder Felix Weingärtners «Kain und Abel». Eine Psalmenvertonung von Lili Boulanger komplettiert dieses neu gedachte Urdrama der Menschheit
Daniela Klotz • 31. März 2026
Kain hat auf Anweisung seiner Mutter Eva den Baum gefällt, der wie ein dritter Bruder mit ihm und Abel groß wurde – ein Fakt, der zunächst kaum auffällt, doch bereits auf die Ursünde des späteren Brudermords hinweist. Nur dieses Baumes Holz sei stark und biegsam genug, sagt Eva, deren Duktus im Lauf dieser Darstellung vom liebevoll Erinnernden zum Pragmatischen umschlägt, um als Baumaterial zur Erneuerung der Hütte zu dienen, in der sie, Adam, Kain und Ada hausen. Auch Abel würde hier wohnen, hätte es ihn nicht in die Welt getrieben, als Kain seine Schwester mit Gewalt nahm und Zwillinge mit ihr zeugte.
Was der sich stets im Nachteil fühlende Zweitgeborene Kain, emotional geharnischt von David Pichlmaier gegeben, immer ahnte, wird ihm angesichts des Baumfällens, dieses erneuten Frevels am Leben, deutlich: Er, Abel und Ada sind nur Halbgeschwister. Es ist dies ein mehrfacher Knackpunkt im Libretto, das der seinerzeit weltbekannte Dirigent Paul Felix Weingartner Edler von Münzberg nach Lord Byrons „Cain“ seiner eigenen Tondichtung zugrunde legte. Denn Adam zeugte Abel und Ada mit der in diesem Fall lichten Lilith im Paradies. Eva ward ihm, wenngleich sinnenverwirrt, von einem ungenannten Feind zum Zwecke des Sündenfalls gesandt, doch gut genug, die Kinder nach der Vertreibung großzuziehen und eben Kain zu gebären, der dem von Ada besungenen Adlerpaar nachsteht wie Hagen den Gibichungen. Adam, dessen ewiges Leid Joel Allison mit Verve umsetzt, schätzt die Menschin, die Katrin Gerstenberger mit sattem Mezzo und allen Brechungen der Figur gerecht werdend, gibt, darob. Vergessen kann er die paradiesische Gefährtin Lilith jedoch in keinem Moment.
Es steckt viel Wagner und einiges an Strauss in dieser Oper «Kain und Abel», die Weingartner passgenau für seinen Amtsantritt als GMD in Darmstadt fertiggestellt hatte, die damals ein „Mega“-Erfolg war und wohl nur aufgrund des ersten Weltkriegs in Vergessenheit geriet. Bis der jetzige GMD Daniel Cohen sich in Corona-Zeiten auf die Suche nach seinen Vorgängern begab und auf Weingartner stieß, dessen Beethoven-Aufnahmen aus den 1920ern und Schriften über sein Mitwirken in Bayreuth ihn von Jugend auf begleitet hatten. Adam und Eva erinnern nahezu zwingend an Wotan und Fricka. Kain und Ada gleichermaßen an Siegmund und Sieglinde wie an Siegfried und die verratene Brünhilde. Doch der Stiefbruderzwist hat auch etwas von Gunther und Hagen und das ganze inzestuöse Geschehen etwas von Wotan und Erda. Man könnte das Werk auch „Schopenhauer-Variationen“ nennen.
Inhaltlich ließe sich ein Buch füllen: Cohen leistete mit einem klugen 45-seitigen Aufsatz, der Pressevertretern zur Verfügung gestellt wurde, beste Vorarbeit. Die Regie behilft sich mit einem einfachen Trick, indem sie die Verwandtschaftsverhältnisse vorab auf den Vorhang projiziert. Musikalisch ist es – eine bemerkenswerte Seltenheit – einfacher zusammenzufassen: Weingartner bedient sich deutlich der Wagner'schen Leitmotivik, verbindet sie aber mit der Tonsprache, aus der auch dieser sich ableitete. Was immer an Natur- oder Gefühlsbeschreibungen zu notieren war, gelang ihm aufs Präziseste. Aufgrund mangelnder Gegenbeispiele ist nicht zu sagen, ob Weingartner dabei immer auf Tutti setzte oder ob Cohen in seiner Begeisterung über das wiederentdeckte Werk ab und an über das Ziel hinausschoss – sicher ist, dass diese 70-Minuten-Oper in ihrer tonalen Intensität auch ohne Worte durchgehen könnte.
Mit einer Ausnahme vielleicht. Im Zentrum des Geschehens steht nämlich Ada, der Megan Marie Hart intensiv ihren voll- und wohltönenden Sopran leiht, die naturverbundene, gütige, gedemütigte, noch dem Paradies verhaftete und sich aufgrund des Bruderfrevels dessen nicht mehr würdig erachtende. Ihre Arie, ihr Zwiegespräch mit dem sich aus seinem Kokon befreienden Schmetterlings, ist das zentrale Stück der Kurzoper, das auch auf den eigentlichen Inzest mit dem wahren Bruder hinweist. Weit möchte dies lichte Geschwisterpaar die Flügel spannen, vielfach soll es nach Stammvater Adam die Erde bevölkern, spinnt der nietzscheanisch inspirierte wiedergekehrte Abel, von Heiko Börner mit aufblühender Lyrik ausgestattet, den Gedanken fort.
Doch Kain kommt dem zuvor und erschlägt den Bruder. Es sind somit seine Nachkommen, die in Lili Boulangers Psalmvertonung «Aus der Tiefe», die Weingartners Oper in dieser Produktion nachgestellt ist, den Herrn anrufen. Keine Lichtgestalten, sondern ein schwarzglitzernder Trupp menschlicher Wesen, die Halt aneinander suchen und nicht finden. Eva, aus deren Perspektive der Abend erzählt sein soll, irrt zwischen ihnen umher. Unfähig, sie zu einer echten Regung zu bewegen, am Ende in einem vernebelten Licht-Nichts entschwindend.
Lili Boulanger muss bereits todkrank gewesen sein, als sie dieses Wahnsinns-Chorwerk schrieb. Ein Wunderkind, dem gegeben war, sein Leid in solche Töne zu fassen. Sie starb mit 24 Jahren, ohne ihr Werk je gehört zu haben. Der Darmstädter Opern- und Extra-Chor, einstudiert von Guillaume Fauchère, wurde jeder Facette dieses Monuments gerecht. Ob klanggewaltig oder verhalten, immer unisono und in den wenigen, nicht von Eva als verbindendem Element, gegebenen Soli überzeugend.
Schopenhauer'scher Pessimismus auch hier und etwas wie ein Einblick in die Ursache des Elends auf dieser Welt. Nicht die hehren Lichtgeschwister, nicht das paradiesische Paar, sondern der dunkle Bruder, der Same der Gewalt steht an allem Anfang. Regisseur Kerem Hillel hat das fraglos bedacht. Aus der Tiefe der Bühne schiebt sich der Chor langsam und bedrohlich Richtung Publikum, um es am Ende mit seiner Klanggewalt zu überdonnern. Trübsinnig und erdenschwer leben Adam und Eva in einer von Sarah Wolters erdachten schwarzen Kulisse ohne Ein- und Ausgang. Es soll wohl der ausweglose Raum sein, in dem sie sich stetig des Brudermords erinnern, ohne ihn erklären zu können. Sinn macht dieser Rückblick schon. Roman Hagenbrocks Videoprojektionen zeigen, dass Abel schon als Kind alles durfte und Kain nichts.
Dass Kain, Abel und Ada sich stetig – verborgen hinter Lektüre – im Raum befinden, auch wenn sie laut Protokoll abwesend sein sollten, benennt die Geister, die das Urpaar umtreibt. Das aber leider im Wortsinne. Etwas mehr Tristan-Metaphysik, in dem Fall schlicht Mut zur Lücke, wäre gut gewesen. Es war nun mal kein Grund ersichtlich, wieso Eva dauernd zum Wasserspender (gemeinsam mit der 5 vor 12 zeigenden Uhr, einem Abfalleimer, mehreren Stühlen und den beiden Zweigen, die den gefällten Baum ebenso wie das giftige Kraut darstellen sollten, den einzigen Requisiten) laufen musste. Dass mangels Alternative die Stühle zum Scheiterhaufen für das Opfer gestapelt werden mussten, ist sozusagen eine lässliche Sünde. Abstraktion ist hier vermutlich das Thema.
Gar nicht funktioniert hat die leider beim Kostüm von Juliane Längin, das die Gegebenheiten teilweise konterkarierte, um nicht zu sagen ignorierte. Ada, die immerhin die Wolle erfand, weil sie nicht das Fell toter Tiere tragen mochte, erscheint im roten Anzug – siicher ein Hinweis auf ihre Weiblichkeit, die ja, wenn auch in vollkommener Unschuld, zu aller Laster Anfang beitrug. In dem Fall aber vielleicht doch zu kurz gedacht. Ausgehend vom reinen Weiß der Lämmerwolle hätte sich eine deutlichere Ikonographie auch für die anderen Protagonisten ergeben können. So musste man arg um die Ecke denken, um Kain und Abel in das aktuelle Weltgeschehen einzuordnen. Vor allem, weil sich das Titelbild des Programmhefts auf die Windsors fokussiert und es hier doch eher um den derzeitigen transatlantischen Konflikt zu gehen scheint.
Fazit: Gerade in der Kombination mit Lili Boulangers Psalmenvertonung ist die Weingartner-Wiederentdeckung einen Besuch wert. Ab und an muss man nur einfach die Augen schließen dürfen, um dieser Musik nachzuspüren. Inhaltlich kam das Werk nicht ganz ohne Grund mit dem ersten Weltkrieg zum Ende des vordem erwarteten Erfolgs. Die Stimmung hatte sich gedreht. „Mythos ohne Ironie wurde verdächtig“, schreibt Cohen. Dem zum Trotz ist und bleibt Weingartners Kurzoper eine in jeder Hinsicht bemerkenswerte Weiterentwicklung der Trias Schopenhauer-Wagner-Nietzsche. Dank Daniel Cohen ist sie nun für kurze Zeit in Darmstadt erlebbar. Bleibt zu hoffen, dass sich auch andere Häuser mit anderen Inszenierungen dieses großen kurzen Werks annehmen.
«Kain und Abel» – Felix Weingartner / «Du fond de l’abîme» (Aus der Tiefe) – Lili Boulanger
Staatstheater Darmstadt
Kritik der Premiere am 28. März
Termine: 2./12./14. April