Marlis Petersen

„Man merkt bald, wer einem die Stange hält“

Die gefeierte Sopranistin im Interview über eine überstandene Krise nach ignorierten Warnsignalen, neuen Leidenschaften und was sie jungen Künstlerinnen mit auf den Weg gibt

Stephan Burianek • 09. April 2026


OPERN∙NEWS stellt dieses Interview kostenlos zur Verfügung.
Unterstützen Sie unsere journalistische Arbeit mit einem Förderabo!


 

Marlis Petersen hat vor zwei Jahren innerlich die Notstopp-Taste gedrückt © Yiorgos Mavropoulos

Wir haben uns für ein Interview erstmals vor sieben Jahren getroffen, als gerade Ihr erstes Liederalbum aus der „Welten“-Trilogie erschienen war. Optisch haben Sie sich kaum verändert.  

Das ist die äußere Hülle, aber innerlich ist viel passiert. Ich hatte teilweise eine schlimme Zeit. Wenn man nicht auf die Zeichen hört, die der eigene Körper aussendet, dann werden diese Zeichen mit der Zeit so deutlich, dass man gar keine andere Wahl mehr hat, als auf den Körper zu hören. Ich habe viele Zeichen übersehen: ein kleines Burnout 2018, die ersten unschönen Begegnungen mit Dirigenten. Irgendwann kommt dann die Sinnfrage stärker hoch.

Vor zwei Jahren war ich mittendrin in einer Produktion in Zürich, bei der ich bereits die Premiere auf Halbmast singen hatte müssen. Auch die Folgevorstellungen liefen nicht rund. Nach etwa sechs Vorstellungen bin ich eines Tages aufgewacht und hatte keine Stimme mehr, und zwar so richtig, auch sprechen ging nicht mehr. In der Züricher Uniklinik stellte man eine Luftröhrenentzündung fest. Ich musste die restlichen ein, zwei Vorstellungen absagen. Nach zwei Wochen war die Entzündung zwar weg, die Stimme aber noch immer nicht da. 

Sie konnten nicht mehr sprechen?

Sprechen ging dann bald wieder, aber da war eine Mini-Erhebung auf den Stimmbändern, und sie konnten sich nicht mehr optimal schließen. Aber das war nicht das einzige Problem. Es wirkte auf mich, als wenn die Psyche die Chance genutzt hatte, hinein zu grätschen. 

Als ob sie gleichsam die Notstopp-Taste gedrückt hatte?

Genau. Ein F in der mittelhohen Lage war plötzlich wie ein Mount Everest, den ich nicht erklimmen konnte. Das blieb dann lange so, und ich musste einen «Fidelio» an der Semperoper und mehrere Liederabende absagen – und eine Zeit lang richtig aussteigen. Da wurde mir klar, dass ganz viel Stille nötig war.

Sie haben dann auch gleich für die kommende Saison alle Engagements abgesagt, nehme ich an?

Ich habe die Häuser zunächst vorgewarnt und mich noch irgendwie über ein Konzert gerettet, aber das war eine Tortur. Irgendetwas in mir hat sich gegen diese ständigen Höchstleistungen gestellt. Ich bekam Angst vor jedem hohen Ton, und eine Depression machte sich in mir breit. Im März 2024 beschloss ich, längerfristig zu pausieren. Erst im Dezember 2024 habe ich dann wieder mal ein paar Töne gesungen.

Marlis Petersen mit dem Pianisten Stephan Matthias Lademann, mit dem sie regelmäßig Liederabende gibt © Yiorgos Mavropoulos

Wie haben Sie die Zeit dazwischen verbracht? Haben Sie sich in Ihr Haus in Griechenland zurückgezogen?

Ja, ich habe viel Zeit in Griechenland verbracht und Dinge gemacht, die ich immer schon mal machen wollte: Kerzengießen, Cremes herstellen und dann in Berlin einen Kurs für Aromatherapie. Ich habe Inspiration auf ganz anderen Ebenen gefunden. Das war so entspannend und erfüllend, dass ich eigentlich gar nicht mehr singen wollte. Wenn ich an Opernhäusern vorbeigegangen bin, wurde mir bewusst, welche Verrenkungen ich mir für den Beruf der Sängerin über die Jahre hinweg selbst auferlegt hatte. Man schlüpft ja auch abseits der Bühne stets in Rollen und muss auch dann nett sein, auch wenn einem gerade nicht danach ist. 

Das ist auf Dauer bestimmt nicht einfach. Die Opernbranche gilt als ein Sammelplatz von Egoisten, an dem man vordergründig einen freundlichen Umgang pflegt. Im Hintergrund wird aber oftmals intrigiert und schlecht von einem gesprochen. Man muss wohl einen Weg finden, um als Künstlerin überleben zu können, und der beinhaltet wohl auch, sich im gegenseitigen Umgang gelegentlich eine Maske aufzusetzen.

Ja, das ist allgemein bekannt, und man kennt bestimmte Personen, die unschöne Richtungen einschlagen. Aber mit so einem Abstand, wie ich ihn dann hatte, wird das alles noch deutlicher. Dann erkennt man die Manipulation und die Macht von Netzwerken, die eben nicht allen zur Verfügung stehen und die oftmals so stark sind, dass das Können einzelner Personen in den Hintergrund tritt. Aus der Distanz wirkte das alles plötzlich widerlich auf mich.

Das Publikum liebt die Oper, weil es das Ergebnis liebt. Mit unangenehmen Hintergründen konfrontiert werden möchten die meisten aber nicht. Sonst würden Medien wohl häufiger über negative Zustände berichten, dann könnten sich problematische Handlungen nicht so oft und über so lange Zeiträume behaupten.

Es wird immer noch sehr viel verdeckt und manipuliert, aber die Welt wird gläserner und das ist auch gut so! Sobald man sich in einer Krise befindet, merkt man bald, wer einem die Stange hält und wer sich ganz rasch vom Acker macht. In gewisser Weise bin ich in eine Welt der Erkenntnisse eingetaucht, und ich war  knapp davor, ganz mit dem Singen aufzuhören. Denn der Druck ist stets sehr hoch, und meine eigene Latte liegt ohnehin schon ziemlich weit oben. Ich hatte nicht mehr die Kraft, diese zu erreichen, und darunter möchte ich es nicht machen. Dann kämpfst Du gegen Windmühlen und gegen Dich selbst, und letzteres strengt besonders an.

Jedenfalls habe ich im Dezember 2024 dann wieder ein paar Töne gesungen und sogar ein Konzert in der Türkei wahrgenommen, um abklären zu können, ob es überhaupt noch Sinn macht, sich ein Comeback als Ziel zu setzen. Da wurde mir vor allem bei den hohen Tönen bewusst, dass ich noch weit entfernt war.

Aber Sie sahen offenbar die Chance für ein Comeback.

Allein das Gefühl, dass ich dieses Konzert geschafft hatte, hat mir Hoffnung gegeben. Auch habe ich nach einem halben Jahr Pause mit einer ganz anderen Einstellung die Bühne betreten. Es war der „Automatismus“ weggefallen. Dann hätte es im Februar 2025 für mich einen «Rosenkavalier» in München geben sollen, aber den habe ich abgesagt, da ich noch nicht so weit war, die Marschallin auf dem nötigen Niveau zu singen. In Ungarn habe ich aber ein Monat später in einem Konzert gesungen und dafür ein Stück in einer eher tieferen Lage gewählt. Das war ein weiterer Schritt, da ich merkte, dass bei mir die Gestaltungsfähigkeit zurückkam. Ich bin ja ein „Feintuning-Mensch“, der es liebt, mit ganz feinen Pinseln zu zeichnen. 

Marlis Petersen (rechts im Bild) unterrichtet beim "Lied the way"-Workshop im Palazzo Corsini in Florenz – und nimmt selbst Unterricht © The Factory Production

Haben Sie professionelle Hilfe in Anspruch genommen?

Mein Weg hat mich zu drei Lehrer-Instanzen geführt, die mich Schritt für Schritt „entknotet“ haben.
Ein ganz großer Dank geht hier an Claudia Visca, ehemalige Sopranistin und langjährige Professorin an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien. Ohne sie säße ich jetzt nicht hier! Sie hat mich auf Fehler in der Technik aufmerksam gemacht und mir geholfen, wieder in die Spur zu finden unter Berücksichtigung und Miteinbeziehung meiner ganz eigenen Art des Musizierens.

Ich selbst merke, dass ich älter werde. Vor zwanzig Jahren konnte ich noch die Nächte durcharbeiten, das geht heute nicht mehr. Körperliche Veränderungen stellen sich zwangsläufig irgendwann ein. Als Opernsängerin plant man aber stets Jahre in die Zukunft ohne womöglich zu wissen, wie man sich dann fühlen wird. Ist das womöglich auch ein Teil des Problems?

Bestimmt. Ich habe darüber nie nachgedacht, es ging mir ja von Beginn an alles relativ leicht von der Hand. Ich habe immer volle Kanne gegeben. Und es lag wohl auch an manchen Partien, die für mich an der Grenze lagen. Das fing an mit der Salome, die ich aber nur gemacht habe, weil ich wusste, dass mit Kirill Petrenko jemand am Pult steht, der mich auf Händen tragen wird.

Die Salome haben Sie auch am Theater an der Wien in einer Inszenierung von Nikolaus Habjan gesungen. 

Ja, das war im Januar 2020. Damals lag die Herausforderung für mich vor allem in Habjans Klappmaul-Puppen, die eine unglaubliche körperliche Anstrengung bedeuten, wenn Du es nicht gewohnt bist. Ich bin nach einer Vorstellung ins Krankenhaus gekommen, weil es mir in der Brustgegend hineingeschossen ist. Ich dachte, ich hätte womöglich einen Herzinfarkt, aber man stellte zum Glück „nur“ eine Nerven-Irritation fest. Das war auch einer der erwähnten Warnschüsse.

Wir Frauen haben dann ja auch noch die Wechseljahre, in denen sich der Hormonspiegel verändert und damit natürlich das Gewebe, die Muskulatur und auch das ganze Gemüt. Das bedeutet einen zusätzlichen Energieverlust. Neulich sagte mein Pianist Stephan Matthias Lademann zu mir: „Marlis, Du hast nie wirklich viel arbeiten müssen, jetzt ist es halt so weit.“ – Er hatte recht, das mit der reinen Naturbegabung ist vorbei. 

Im Nachhinein könnte man aber sagen, die Situation hat Ihnen neue persönliche Möglichkeiten eröffnet. Sie haben Kurse gemacht, und Sie haben die Gewissheit, notfalls auch andere erfüllende Aufgaben in Ihrem Leben wahrnehmen zu können.

Ich habe ein neues Kapitel aufgeschlagen. Mich hat die Aromatherapie so sehr fasziniert, dass ich in meinem Haus in Griechenland ein Studio eingerichtet habe, in dem ich inzwischen Aroma-Anwendungen anbiete. Ich bin wirklich glücklich damit. Die Gabe zu massieren hatte ich immer schon, und die Beschäftigung mit den Aromaölen war eine unglaubliche Erfahrung – nach der ersten Woche mit Thymian, Rosmarin, Lavendel und Co. war ich wie im „Drogenrausch“. 

Diese neue Berufung mit dem Operngesang terminlich in Einklang zu bringen stelle ich mir schwierig vor.

Natürlich kann ich diese Stunden nur dann anbieten, wenn ich gerade kein Opern-Engagement habe, aber ich möchte mir unbedingt Zeiten freihalten für das Neue, das ich mir gerade aufbaue. Mein Wunsch wäre, ganzheitlicher agieren zu können und Aroma-Wellbeing und Singen zu verbinden. Im vergangenen Jahr habe ich in Florenz beim Liedfestival der Pianistin Elenora Pertz eine Meisterklasse für Lied-Duos gegeben, an der 28 junge Frauen teilgenommen haben. Hier ging es um das ganze Sein, es gab zusätzlich zu den Gesangs- und Interpretationsstunden auch Morgenrituale und Zyklus-Seminare – und natürlich Aroma-Massagen!

Sie raten Sängerinnen also dazu, bereits in jungen Jahren auf sich selbst zu hören. 

Man muss sich als junger Mensch klar werden, wie man „gestrickt“ ist und seine Bedürfnissen ernst nehmen. 

Nach wie vor ein Bühnentier: Marlis Petersen als Emilia Marty in «Die Sache Makropulos» an der Wiener Staatsoper im Dezember 2025 © WSO / Michael Pöhn

Aber das kann man sich in der Opernbranche doch erst als arrivierte Sängerin leisten kann, oder? Mitunter wirkt die Branche hinter den Kulissen unbarmherzig. 

Man kuscht natürlich als junger Mensch, weil man sich seine Karriere nicht verbauen möchte. Da kann ich nur sagen: In Nürnberg hatte ich als frisch engagierte, junge Sängerin den Eberhard Kloke als Intendanten, und Kloke war kein leichter Typ. Ich habe ihm aber bei einer Partie, für die ich lange noch nicht reif war, ganz klar gesagt: „Das mache ich nicht“. Er meinte: „Das müssen Sie machen“, worauf ich mit „Ich muss überhaupt gar nichts“ geantwortet habe. Das fand er klasse! 

Man muss klar mit sich selbst sein, und wenn man sich mit einer Partie fünf, sechs, sieben Jahre Zeit lassen möchte, dann sollte man das auch tun. Wenn dann ein Intendant sagt: „Ich entlasse Sie“, dann ist es wohl besser, dass man geht. Das Schiff fährt immer weiter, und wenn es an einem Hafen nicht klappt, dann klappt es in einem anderen oder in einer anderen Form. Im Prinzip folgen wir doch alle nur unserem Seelenplan. Ich sehe immer wieder Menschen, die verbissen im Hamsterrad rotieren und draufgehen. Wer sich aber selbst treu bleibt, der findet den Platz, an den er gehört – daran glaube ich ganz stark.

Sie gehören jedenfalls wieder auf die Bühne. Im Dezember 2025 sind Sie an der Wiener Staatsoper als Emilia Marty in Janáceks «Sache Makropulos» erstmals seit zwei Jahren wieder auf einer Opernbühne gestanden. Die Kritik war von Ihrer Darbietung begeistert. Sie zählen zu jenen Künstlerinnen, bei denen man von außen immer den Eindruck hat, sie hätten eine unbändige Energie. Mit dem Wissen von heute: Wie sollte man mit seiner eigenen Energie umgehen bzw. inwieweit würden Sie heute anders mit ihr umgehen?

Sehr gute Frage. Bei dieser Produktion habe ich jedenfalls gemerkt: Sobald ich auf der Bühne stehe und in eine Rolle schlüpfe, bin ich ein „Tier“, dann bin ich mit meinem ganzen Sein für die Bühnenfigur da, und die Energie steht ganz natürlich zur Verfügung. Aber ansonsten bin ich heute ein anderer Mensch. Das offene Geheimnis für einen guten Energiehaushalt liegt auf jeden Fall darin, sich immer wieder Auszeiten zu nehmen, in denen man den Mut hat, seinem eigenen Nichts zu begegnen. Das schenkt heilsamen Abstand und klärt das Ego. Unabhängig davon ist es für mich ein Wunder, dass ich nach der schweren Zeit und den vielen ganz kleinen Schritten, die ich gegangen bin, jetzt tatsächlich wieder da bin!


Zum Thema

MARLIS PETERSEN
In „Divas Gartenhaus“ in Griechenland bietet Marlis Petersen neben einem Gästezimmer gelegentlich Aromatherapie-Massagen an
 



Kommende Termine mit Marlis Petersen:

9./11./13. April 2026 · Wiener Staatsoper
Marie in «Wozzeck» – Alban Berg

22./25. April 2026 · Hamburgische Staatsoper
Sängerin in «Frauenliebe und -sterben» –  Robert Schumann / Béla Bartók / Alexander Zemlinsky

4./8./10./13./15. Februar; 5./8. Juli 2027 · Bayerische Staatsoper, München
Kitty Oppenheimer in «Doctor Atomic» – John Adams