Opera Wrocławska (Breslau)
Traumreise ohne Wiederkehr
«Julietta» von Bohuslav Martinů: Eine Welt, deren Bewohner nach wenigen Minuten alles vergessen, produziert ihre Wirklichkeit fortwährend neu. Mit Sinn für Transparent und Farbe dirigiert Mirian Khukhunaishvili
Zenaida des Aubris • 19. April 2026
Was ist Realität, was ist Traum? In Bohuslav Martinůs 1938 in Prag uraufgeführten Oper «Julietta» (Juliette) verschiebt sich diese alte Frage in eine beunruhigend konkrete Versuchsanordnung: Eine Welt, deren Bewohner nach wenigen Minuten alles vergessen, produziert ihre Wirklichkeit fortwährend neu. Erinnerung ist hier kein Fundament, sondern ein flüchtiges Konstrukt. In diese Welt, hier ein trister, etwas heruntergekommener französischer Badeort, tritt Michel, ein Pariser Buchhändler, der – als einziger – Erinnerungen hat. Insbesondere erinnert sich an die Stimme einer schönen Frau, die er einst hörte, und die hier leben soll. Somit wird diese Erinnerung auch eine existenziellen Probe: Wer erinnert, verliert den Halt.
Martinů schrieb sich das auf einem Schauspiel von Georges Neveux basierende Libretto selbst. In Breslau wird im originalen Französisch gesungen, die Rezitative sind auf Polnisch. Das Werk bewegt sich zwischen Traumlogik und psychologischer Präzision, zwischen Verführung und Entzug. Michel begegnet einer Welt, in der Identität improvisiert wird, Vergangenheit erfunden, Gegenwart sofort wieder zerfällt. Julietta erscheint ihm schließlich – weniger als Figur denn als Projektionsfläche, als Ideal einer unerreichbaren Nähe. Sie erwidert seine Gefühle, beschwört auch eine gemeinsame Vergangenheit, die aber nie stattgefunden hat.
Die Inszenierung von Barbara Wiśniewska nimmt diesen Schwebezustand ernst und übersetzt ihn in eine visuelle Poetik zwischen Küstenlandschaft und surrealem Meeresbiotop. Das Bühnenbild von Maćko Prusak und die Kostüme von Natalia Kitamikado füllen die Szene mit hybriden Wesen – Austern, Krabben, Quallen –, durchaus dekorativ, surrealistisch und sogar symptomatisch wirken: Zeichen einer Welt, in der Natur und Imagination ununterscheidbar geworden sind. Besonders im zweiten Akt entfaltet sich ein geradezu barockes Traumtheater, ein ozeanischer Zirkus von suggestiver, bisweilen auch bewusst überbordender Bildkraft. Gerade diese Überfülle folgt einer inneren Logik: Träume sind nicht sparsam.
Der dritte Akt, das sogenannte „Traumbüro“, wird in dieser Lesart zum Ort der Entscheidung – oder besser: der Unmöglichkeit einer Entscheidung. Michel wählt den Traum und verliert damit die Welt. Das Schlussbild hinterlässt keine Katharsis, sondern eine leise, insistierende Unruhe. «Julietta» erweist sich als ein Werk über Sehnsucht, die sich selbst genügt – und darüber, dass eine Liebe ohne Erinnerung vielleicht nichts anderes ist als ein schöner Irrtum.
Wiśniewska vertraut auf die Kraft der Wiederholung und der leichten Verschiebung. Figuren wechseln Identitäten, Funktionen lösen sich auf, Konturen verschwimmen. Das Ensemble, vielfach in Doppel- und Mehrfachrollen eingesetzt, gestaltet diese Fluidität mit bemerkenswerter Präzision. Die Sänger finden sich in den permanenten Transformationen sicher zurecht und machen hörbar, dass diese Welt keine stabile Mitte kennt.
Im Zentrum steht Maciej Kwaśnikowski als Michel, nahezu ununterbrochen präsent. Mit lyrischem Tenor und klarer Diktion zeichnet er eine Figur, die zugleich suchend und bereits verloren ist. Kamila Dutkowska gibt eine Julietta von feiner Ambivalenz: weniger Femme fatale als flüchtiger Klang, eine Erscheinung, die sich jeder Festlegung entzieht. Das übrige Ensemble überzeugt durch Flexibilität und darstellerische Wachheit; besonders eindringlich gelingt das Finale mit Grzegorz Szostak als „Verurteiltem“, das die Traumwelt endgültig in eine beklemmende Apparatur kippen lässt.
Am Pult entfaltet der Chefdirigent des Hauses, Mirian Khukhunaishvili, Martinůs Partitur mit Sinn für Transparenz und Farbe. Diese Musik, oft zwischen Debussy’scher Schwebe und einer herberen, rhythmisch geschärften Modernität angesiedelt, verlangt weniger emphatische Steigerung als kluge Balance. Khukhunaishvili lässt die Vielschichtigkeit durchhörbar werden, modelliert Linien mit fließender Phrasierung und bewahrt zugleich jene leichte Unruhe, die das Werk im Innersten antreibt.
Unter der neuen Intendanz seit Anfang dieser Saison – mit Agnieszka Franków-Żelazny als Direktorin, Mirian Khukhunaishvili als Chefdirigent und Tomasz Konieczny als Künstlerischer Berater – entwickelt die Oper Wroclaw ein neues, aufmerksam erregendes Profil. «Julietta» ist dafür ein gutes Beispiel und zeigt, dass die Aufführung eines ziemlich selten gespieltes Werk mehr ist als eine programmatische Geste; es ist ein Plädoyer für ein Repertoire jenseits der vertrauten Pfade. Martinů, lange durch politische Umstände marginalisiert, erscheint hier als Komponist von eigentümlicher Modernität, dessen Musik zwar nicht eindeutig verortbar ist aber gerade deswegen Neugier auf mehr erweckt.
«Julietta» (Juliette) – Bohuslav Martinů
Opera Wrocławska (Breslau, Polen)
Kritik der Aufführung am 16. April