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War ist wird – einmal
Bayreuth-Regisseurinnen im Saarländischen Staatstheater: «Götterdämmerung» als Science-Abenteuer und Wagner-Gastspiel in der Königlichen Oper Versailles. Leider ein «Ring» ohne Zyklus
Roland H. Dippel • 24. April 2026
Nur bis zum 13. Juni 2026 besteht Möglichkeit, um das hochspannende Finale des brisanten «Ring des Nibelungen» in Saarbrücken erleben zu können. Nach fünf Vorstellungen und einer konzertanten Aufführung als prestigeträchtigem Gastspiel in der Königlichen Oper Versailles am 10. Mai werden «Götterdämmerung», der dritte Tag von Richard Wagners vierteiligem Bühnenfestspiel, und die drei vorausgegangenen Teile verschwinden. Ohne einen einzigen Gesamtzyklus – das ist bitter!
Gewiss spielen bei einer solchen Entscheidung durch die Intendanz gewichtige Gründe mit: Spardruck, Personalkapazitäten, Sachzwänge, außerordentliche Ereignisse. Nichtsdestotrotz hätte das Saarland, eine potenzielle Menge von Interessenten, das Wagner-affine Nachbarland Frankreich und nicht zuletzt das gesamte Mitwirkenden-Kollektiv mindestens einen Zyklus verdient - zumal viele Enthusiasten nur für alle vier «Ring»-Teile in einem knappen Zeitraum anreisen. Der Zyklus wäre zudem eine Hommage für Generalmusikdirektor Sébastien Rouland geworden, dessen Vertrag mit Ende der Spielzeit 2026/27 für viele Ortskundige unverständlich ausläuft. Ihm verdanken Konzert und Oper in Saarbrücken eine ganze Reihe von Sternstunden, zum Beispiel Rossinis «Guillaume Tell», Verdis «Don Carlos» und eine faszinierende Koproduktion von «Hoffmanns Erzählungen» mit der Oper Göteborg, in welcher die Titelpartie auf drei Tenöre aufgeteilt wurde. Schließlich «Der Ring des Nibelungen» in einer Inszenierung von Alexandra Szemerédy und Magdolna Parditka. Das ungarische Produktionsduo wurde durch Arbeiten am Theater Coburg, Oper Bonn, Staatstheater Hannover und der Oper Nürnberg bekannt, bevor sie Generalintendant Bodo Busse nach Saarbrücken holte. Auch Busses Nachfolger Michael Schulz kannte die beiden bereits, denen er am Musiktheater im Revier Gelsenkirchen die Inszenierung von «La gioconda» anvertraute, welche mit einem Riesenerfolg vom Tiroler Landestheater Innsbruck übernommen wurde.
Der Saarbrücker «Ring»-Auftrag bleib nicht folgenlos: Szemerédy und Parditka inszenieren die Erstaufführung von «Rienzi» auf dem grünen Hügel zum Jubiläum 150 Jahre Bayreuther Festspiele, was dem Saarbrücker «Ring» in den kommenden Spielzeiten zu weiterer internationaler Aufmerksamkeit und Wertschätzung verholfen hätte. Andere Kulturorte wären glücklich und stolz über eine solche Konstellation. Aber am Staatstheater Saarbrücken empfindet man sie offenbar als störend und ignoriert das Ruhmesblatt der vorherigen Intendanz, indem man andere Schwerpunkte setzt. In Planung war das «Ring»-Projekt seit 2016. Aufgrund der Pandemie musste die über vier Spielzeiten geplante Premierenfolge verschoben worden und begann erst im September 2022 mit «Das Rheingold».
Das Bühnenbild stand in der Lockdown-Phase ohne Unterbrechung auf der Bühne. Als Busse zwei Jahre vor dem geplanten Ende seiner zweiten Vertragsperiode im Sommer 2025 an die Niedersächsische Staatsoper Hannover wechselte, musste er nach den bis dahin herausgebrachten Teilen «Die Walküre» (2024) und «Siegfried» (2025) mit Ausnahme des komplexen Schlussstücks «Götterdämmerung» den fertigen «Ring» und den Plan von zyklischen Aufführungen bis zum Ende seiner ursprünglichen Vertragsdauer zurücklassen. So standen einige Sänger wie Peter Schöne (Wotan in «Das Rheingold»), die Busse in das Musiktheater-Ensemble der Niedersächsischen Staatsoper Hannover begleiteten, nicht mehr zur Verfügung. Die PR-Abteilung nannte auch den frühen Tod des in der Premierenserie von «Die Walküre» als Wotan aufgetretenen Baritons Thomas Johannes Mayer als weiteres «Ring»-Handicap – und nicht zuletzt das Pfingsthochwasser im Mai 2024, das im Lager des Staatstheaters in Saarbrücken-Rußhütte Beschädigungen verursachte. Dabei verfügt das Saarländische Staatstheater seit Busse über ein hochkarätiges Ensemble mit Sängerinnen und Sängern wie Judith Braun (Fricka, Waltraute), Markus Jaursch (Hagen), Algirdas Drevinskas (Loge) und Neuzugängen wie Jessica Muirhead und Benedict Nelson. Wie auch immer: Zu bedauern ist das Verschwinden einer der spannendsten «Ring»-Abenteuer der letzten Jahre. Nur durch den verzögerten Start des Saarbrücker «Rings» war die Inszenierung von Dmitri Tcherniakov für die Berliner Staatsoper Unter den Linden mit der Forschungseinrichtung E.S.C.H.E. (Experimental Scientific Centre for Human Evolution) schneller vollendet und aufgrund des Rufs von Berlin als Wagner-Stadt in einer eher sichtbaren internationalen Wahrnehmung als Saarbrücken.
Der Autor dieses Textes besuchte eine Schlussprobe und ist wohl einer der wenigen Journalisten, der alle vier Teile erleben durfte. Das Resultat beeindruckt zutiefst. Szemerédy und Parditka denken weiter, was Wagner verschwieg oder knapp abtat. Also bastelt sich Dr. Alberich (bei den Premieren international gefeiert: Werner van Mechelen) seine vorsätzlich auf Spatzenhirn programmierte Security-Gang, während Walhall Laboratory zum „Einzug der Götter“ bereits eine Serie von Freia-Clones freisetzt. Fragen nach sogenannter Werktreue erübrigen sich. Der emotionale Mangel und die Sehnsucht nach dem Ausgleich von innerer Leere betreffen in dieser Inszenierung den puren Menschen wie den Cyborg. Anders als viele Dystopie-Visionäre setzen Szemerédy und Parditka ihre von fundierten Recherchen begleiteten Sichtweisen nicht als Gewissheiten, sondern sie fordern das Publikum immer wieder heraus. Das vor allem in Schwarzweiß in Schachbrett-Quadraten und klaren Funktionen gehaltene Bühnenbild auf mehreren Ebenen mit Drehbühne setzt nur wenige Zeichen: Es geht immer mehr um die Aussage als um das Dekor.
Digitale Codierungen und Videos bringt der Video-Designer Leonard Koch zwar in dichter Folge und in ebenso enger Beziehung zu Wagners Netz aus musikalischen Motiven. Spannend gerät zum Beispiel die Darstellung von Freias ewige Jugendkraft verleihenden Äpfel, die zwar als Bühnenrequisit nach «Das Rheingold» verschwinden, in der Musik aber als direktes Motiv bis «Götterdämmerung» präsent bleiben. In der Inszenierung sind die Äpfel als Grünbeet im Labor und im Video bis zu den Auftritten der Nornen und Rheintöchter sichtbar, während in den Wotan folgenden Generationen bzw. technischen Updates die Wesen Siegfried 1.0 und 2.0 durch die technisch-mentale Optimierung an Wertigkeit verlieren bzw. eine veränderte Wertigkeit erhalten. Szemerédy und Parditka sind zum Beispiel in Austausch mit dem post- und transhumanistischen Philosophen Stefan Lorenz Sorgner, der inzwischen regelmäßig überregional bei Veranstaltungen zu diesem «Ring»-Projekt mitwirkt.
Relevant für den den in «Götterdämmerung» angesteuerten Supergau sind die ständigen Updates, die schwindende Relevanz einer synthetisch konservierbaren und manipulierbaren Erinnerung, die Relativierung von Jugend durch technologische Optimierung sowie die Definition der Schwelle zwischen Homo Novus und Cyborg. Wagners Musik hält das alles ohne weiteres aus, denn die szenische Realisierung nutzt das revolutionäre Potenzial seiner Kompositionstechniken. Der im «Ring» zunehmende Anteil von erzählter Geschichte und damit die Zeitebenen Vergangenheit, Gegenwart der Handlung und Zukunft bzw. Prophetie werden im technisches Design fluid. Selbst wenn das szenische Resultat von Szemerédy und Parditka zu Diskussionen herausfordert, ist die szenische Realisierung von Wagners Zeitebenen imponierend.
Durch die Pandemie bestand die luxuriöse Situation von etwa zwanzig Orchesterproben vor der «Rheingold»-Premiere. Dieses Potenzial zeigt Nachhall. In jeder «Ring»-Premiere brachten Sébastien Roullon und das Saarländische Staatsorchester Erstaunliches fertig. Höhepunkte entstanden an Stellen, welche mitunter als Längen empfunden werden. So erhielten in «Siegfried» die Szenen zwischen Tilman Unger in der Titelpartie und Paul McNamara, einem Mime mit heldischem Stimmpotenzial, durch die faszinierend detailreiche und leicht atmende Orchestergestaltung ein suggestives und sogar elegantes Gewicht. Momente wie in der «Götterdämmerung»-Orchesterhauptprobe der dunkel wie aufregend gestaltete Auftritt Brünnhildes vor der Schlussszene bleiben unvergesslich. Aile Asszonyi gestaltet vor den porösen Zeitrelationen „war/ist/wird“ hinreißend eine Brünnhilde, die im Schlussgesang und Orchesterepilog von «Götterdämmerung» in einem – zweifelhaften – „ist“ strandet.
Das sind alles inhaltliche und strukturelle Argumente, welche das Abspielen der ambitionierten Produktion ohne einen kompletten Zyklus unverständlich machen. Auch in anderen Städten sind einzelne «Ring»-Teile vor abgeschlossenem Zyklus nicht ausverkauft, und gibt es aus Wagner-affinen Kreisen gerade dann Einwände, wenn Konzepte sich mutig oder mit ungewohnten Mitteln besonders genau auf das bei Aktualitätsgehalt und Zukunftsprophetie gepackte Bühnenfestspiel beziehen. Auch deshalb hätte dieser «Ring» mindestens eine komplette Zyklus-Aufführung verdient. Durch die Beziehung des Regieduos zu den Bayreuther Festspielen 2026 hat diese Rumpf-«Götterdämmerung» ab 26. April schon jetzt eine herausragende Bedeutung. Wer nicht kommen kann, versäumt einen Impulse setzenden Abend, dem ein exponierter Platz in der Rezeptionsgeschichte Wagners sicher sein sollte.
Vielleicht werden während der Vorstellungsserie Intendanzen mit «Ring»-Ambitionen hellhörig, bevor das Abspielprotokoll am Schwarzen Brett des Saarländischen Staatstheaters aushängt und die Dekorationen auseinandergenommen werden. Das Bühnenbild von «Götterdämmerung» beinhaltet sämtliche Dokrationselemente und technischen Voraussetzungen, sodass alle «Ring»-Teile problemlos an einem anderen Theater gespielt werden könnten.
«Götterdämmerung» – Richard Wagner
Saarländisches Staatstheater · Großes Haus (Saarbrücken)
Premiere am 26. April 2026
Termine: 2./17./31. Mai; 13. Juni
Königliche Oper, Versailles
10. Mai (konzertant)