Schubertiade Hohenems
Wie alles begann
Die Schubertiade im Vorarlberg wird 50 Jahre alt. Gefeiert wurde das mit einer Jubiläumsausgabe, die eins zu eins die Gründungsstunde des Festivals rekonstruierte
Werner Kopfmüller • 06. Mai 2026
Wie bitteschön sollte ein Klassikfestival den eigenen 50. Geburtstag feiern? Mit einem Gala-Konzert und einer illustren Reihe von Festgästen? Flankiert durch die Herausgabe einer opulenten Festschrift, welche die Höhepunkte der zurückliegenden fünf Dekaden Revue passieren lässt? Bei der Schubertiade in Hohenems feiert man bescheidener – und klüger: Das Programm der Jubiläumsausgabe ist nämlich eine exakte Rekonstruktion der Gründungs-Schubertiade von 1976. Und die eröffnete, damals noch im rustikalen Rittersaal von Schloss Hohenems, mit einem Liederabend des Festival-Initiators Hermann Prey, am Klavier begleitet von Leonard Hokanson.
„Ich würde Herrn Prey gerne fragen, was er sich dabei gedacht hat“, sagt Konstantin Krimmel zum Ende seines Liedrezitals von der Bühne des Markus-Sittikus-Saals. Was Hermann Prey sich dabei dachte, ist im Programmheft nachzulesen. Ein Streifzug durch Schuberts Gefühl- und Stimmungswelten schwebte ihm vor, oder, nach eigenen Worten: „Ein Leben in Liedern“, das mit der „idealistischen Suche nach Gott und Natur“ seinen Anfang nimmt, den Themenkreis Liebe und Abschied betritt, und über „Resignation und Weltabgewandtheit“ zur „endgültigen Todessehnsucht und Verklärung“ führt – vom Licht ins Dunkel gewissermaßen.
Gemessenen Schrittes beginnt der „Pilgrim“ (D 794, nach Schiller) seine Wanderung, strahlen über ihm alsbald die „Sterne“ (D 939), wird er von „Rastloser Liebe“ (D 138) erfasst, um im „Ersten Verlust“ (D 226), einem weiteren frühen Goethe-Lied, von der Vergänglichkeit des Daseins umweht zu werden: „Ach, wer bringt die schönen Tage / Wer jene holde Zeit zurück“. Spätestens mit seiner Darbietung aller drei Schubert-Zyklen beim letztjährigen Festival hat sich Konstantin Krimmel tief in die Herzen des internationalen Schubertiade-Publikums gesungen. Weil er, und der Abend auf den Spuren des legendären Hermann Prey unterstreicht es, wirklich jeder noch so unscheinbaren Liedminiatur sein eigenes Gepräge verleiht und dabei gleichzeitig im Stande ist, den Reigen aus insgesamt 16 Liedern zu einer großen, atmosphärisch aufgeladenen Erzählung zu verdichten. Ein gewaltiges Panorama spannt sich so vor dem Hörer auf, der in „Totengräbers Heimwehe“ zum Ohrenzeuge einer höchst eindringlichen Sterbeszene wird. Da gewinnt das überstrapazierte Wort vom Lied als „Miniaturoper“ tatsächlich plastische Realität. Nicht nur, weil Krimmel seinen kristallinen, unerschöpflich nuancenreichen Bariton kompromisslos in den Dienst des Ausdrucks stellt. Es ist das Zusammenwirken von dezenter gestischer Unterstützung, Minenspiel und einem untrüglichen Sinn für Timing, das Krimmel-Liederabende zu Intensiverlebnissen macht, woran Ammiel Bushakevitz, der dem Klavierpart zu erfülltem Eigenleben verhilft, gehörigen Anteil hat. Mucksmäuschenstill ist es nach dem finalen „Nachtstück“, bis sich die angestaute Spannung in einem regelrechten Jubelsturm entlädt.
Gebührt dem 33-jährigen Krimmel die Ehre des Eröffnungsabends, ist es sein Stimmfachkollege Andrè Schuen, der sich zusammen mit Daniel Heide am Klavier jenem Zentralwerk in Schuberts Liedschaffen widmet, das freilich schon bei der Gründungs-Schubertiade nicht fehlen durfte. Die Rede ist von der «Winterreise». Im direkten Vergleichshören treten die Unterschiede zwischen den beiden Ausnahme-Baritonen zu Tage. Während der Krimmel bewusst in musikalische Extrembereiche vordringt (was, durch seine Bühnenerscheinung nur beglaubigt wird), wählt der Südtiroler Schuen einen ästhetisch deutlich anders grundierten Ansatz. Die «Winterreise» ist bei ihm keine Tour de Force, die den Interpreten zur aufreibenden Selbstentäußerung zwingt. Vielmehr klingt bei Schuen und Heide nichts übertrieben, ausgestellt oder plakativ-larmoyant. Gesang und Klavierspiel richten sich, einer seelischen Introspektion folgend, nach innen.
Kaum je wird Schuens raumgreifender, wohlgerundeter Bariton dabei (vor)laut; und selbst dort, wo er impulsiv gestaltet, sich wütende Verzweiflung Bahn bricht, wie in „Auf dem Flusse“, bleibt das Seelendrama letztlich im kultiviert-markanten Klang eingehegt. Meistens genügen ihm dazu feinste farbliche Schattierungen im Wechsel zwischen Dur und Moll, sowie hauchzarte Abdunkelungen zwischen piano und pianissimo. Intensität ist bei ihm das Ergebnis aus stimmlicher Präzision und subtiler Wortausdeutung. Mag sich in „Mut“ beim finalen Aufbäumen nochmals aller Ingrimm dieser Welt in ihm ballen, so verklingt „Der Leiermann“ doch denkbar schlicht – einem erschöpften Aushauchen gleich.
Neben den zum Schubertiade-Stammpersonal zählenden Baritonen Krimmel und Schuen ist der Österreicher Ilker Arcayürek der dritte Herr im Liedsänger-Bunde. Seinem leichtgängigen, hell timbrierten, stets lyrisch-empfindsam artikulierenden Tenor fällt der Part zu, den 1976 Peter Schreier übernahm: Er (be-)singt, abermals von fantastischen Ammiel Bushakevitz begleitet, die «Schöne Müllerin». Und man kauft ihm vom ersten Ton an ab, dass hier ein naiver Müllerbursche das Wunder des ersten Verliebtseins durchlebt und durchleidet – ohne dabei je Herr im eigenen Gefühlshaushalt zu sein. In „Pause“ scheint ein Moment der Klarsicht erreicht. Sieht er ein, dass sein Liebeswerben ins Leere läuft? Die Wandlung zum Selbstmord-Kandidaten, im Text ja durchaus angelegt, vollzieht sich bei Arcayürek nicht so krass, als dass im finalen „Baches Wiegenlied“ ein nasses Grab zu vermuten wäre, wenngleich die beschwichtigenden Verse dieses Schlussliedes („Woget und wieget den Knaben mir ein“) nicht von ungefähr an die sanfte Verführungskraft des „Erlkönigs“ denken lassen.
Den Frauenanteil bei der Gründungs-Schubertiade würde man nach heutigen Maßstäben wohl als ausbaufähig bewerten. Mit Christa Ludwig war jedoch eine der bedeutendsten Sängerinnen ihrer Zeit gleich bei der Premieren-Ausgabe beteiligt. Sophie Rennert ist ihr Pendant im Jahr 2026. Unterstützt von Joseph Middleton am Klavier, vermag ihr farbsatter, ungemein wandlungsfähiger Mezzosopran einzulösen, was sie im mottoartigen Eingangslied „Lachen und Weinen“ (D 777) besingt: Stimmungen zu balancieren, als wär’s ein keckes Kinderspiel. Da trifft die Koketterie der „Fischerweise“ (D 881) und der „Forelle“ (D 550) auf die Abgründigkeit von „Der Tod und das Mädchen“. Das weckt nur die Vorfreude auf die Festivalperiode im August, wenn Rennert und Middleton zur «Winterreise» nach Schwarzenberg laden.
Als Hermann Prey und ihm zur Seite Gerd Nachbauer die Schubertiade ins Leben riefen, trugen sie sich mit der ambitionierten Idee, sämtliche Werke Franz Schuberts in der chronologischer Reihenfolge ihres Entstehens zur Aufführung zu bringen. Daher bildete neben dem Lied die Kammermusik von Beginn an die zweite, ständige Festival-Säule. Bei Schuberts Klaviermusik zu vier Händen zeigt sich, dass sie auch auf großer Bühne ihren einnehmenden Charme behält, wenn man ihr den Charakter häuslich-vergnügten Musizierens belässt. Dem Klavierduo Tal & Groethuysen gelingt das vorzüglich in Nebenwerken wie dem Rondo D-Dur (D 608) und den drei Militärmärschen (D 733): Delikates, natürlich perlendes Klavierspiel, das ohne Flinkfinger-Attitüde oder Showstück-Pose auskommt und die große f-Moll-Fantasie zum bewegenden Hörerlebnis macht.
Mehr von dieser spielerischen Gelassenheit hätte man sich vom Mandelring-Quartett gewünscht, das die großen Streichquartette a-Moll (D 804, „Rosamunde“) und d-Moll (D 810, „Der Tod und das Mädchen) zwar mächtig unter Druck setzt, zu symphonischer Klanglichkeit steigert, es dabei aber an Momenten tänzerisch-bewegter Heiterkeit mangeln lässt. Ihre tschechischen Kollegen vom Pavel Haas Quartett, verstärkt durch die Landsleute Petr Ries (Kontrabass), Karel Dohnal (an der wunderweichen Klarinette), Přemysl Vojta (am satten Horn) und Tomáš Františ (Fagott) beeindrucken hingegen mit einer hochkonzentrierten Darbietung des monumentalen, an Beethoven Maß nehmenden Oktetts F-Dur D 803.
Lied, Klavier- und Streicherkammermusik bot die Schubertiade in ihrer Gründungsstunde 1976. Und um ihren enzyklopädischen Anspruch zu erfüllen, trat noch Schubert, der Kirchenmusikkomponist hinzu. Vor 50 Jahren reisten dazu die Regensburger Domspatzen mit ihrem Chorleiter Georg Ratzinger nach Vorarlberg. Jetzt singt der Kammerchor Feldkirch, begleitet von Mitgliedern des Symphonieorchesters Vorarlberg unter der Gesamtleitung von Benjamin Lack Kleinteiliges aus dem Frühwerk und zum krönenden Abschluss die zum Volksgut gewordene Deutsche Messe von 1827 – Schuberts wohl schönstes Geschenk an die Gläubigen der katholischen Kirche (mit der Institution selbst haderte der Komponist ja zeitlebens).
Es ist das einzige Konzert, das in der sehenswerten, klassizistisch gestalteten Pfarrkirche St. Karl stattfindet. Hauptspielstätte der Hohenemser Schubertiade ist ansonsten der von den Sängern und Musikern ob ihrer exzellenten Akustik geschätzte, 300 Sitzplätze fassende Markus-Sittikus-Saal, eine ehemalige, von einem aparten Garten umgebene Turnhalle. Das Ambiente mag zwar nicht an das des doppelt so großen Angelika-Kauffmann-Saals in Schwarzenberg heranreichen, der mit seinem Blick auf den angrenzenden Wiesenhang imponiert. Dennoch ist beinahe jedes Konzert voll besetzt, wenn nicht ausverkauft. Um die Schubertiade ist es zum 50. Geburtstag also bestens bestellt. Und wer Sophie Rennert, Konstantin Krimmel, Andrè Schuen oder Ilker Arcayürek live erlebt hat, der weiß, dass einem auch um die Zukunft des Liedes nicht bange sein muss.
Schubertiade Hohenems / Schwarzenberg
Kritik des ersten Programmzeitraums vom 29. April bis 3. Mai
Termine:
29.-31. Mai (Hohenems)
19.-24. Juni (Schwarzenberg)
16.-19. Juli (Hohenems)
21.-26. August (Schwarzenberg)
ORF-Radio Ö1 sendet in den kommenden Wochen die folgenden Schubertiade-Konzerte: Kirchenmusik am 12. Mai um 14:05 Uhr, das Konzert von Konstantin Krimmel am 26. Mai um 14:05 Uhr sowie jenes des Goldmund Quartetts am 13. Juni um 15:05 Uhr.