Theater Hof
Klangekstasen und Liebesleid
Großer Wurf in einem explosiven Musikdrama mit Radau-Rekord und Erotik-Eskalation. Sadomasochistisches Gewaltpotenzial als Kunstereignis
Roland H. Dippel • 11. Mai 2026
Vor hundert Jahren dröhnte, schwoll, brauste, stürmte und flutete es in neuen Werken aus den Orchestergräben italienischer Opernhäuser, egal ob die Komponisten für oder gegen den „duce“ Benito Mussolini und seine Schwarzhemden waren. Eine der imposantesten Klangekstasen aus der Generation der in den 1880er Jahren geborenen, sich zwischen Spätestromantik und Moderne zerreibenden Tonschöpfer stammt von Riccardo Zandonai. Die Vision einer Oper für die damals als Spielstätte entdeckte Arena di Verona stand am Anfang der Libretto-Einrichtung von Giuseppe Adami, Arturo Rossati und Nicola d'Altri. Luigi da Portos „Neu geschriebene Geschichte von zwei noblen Liebenden“ war eine wichtigere Quelle als Shakespeares Tragödie für Zandonais Oper über die an der Feindschaft ihrer Familien zugrunde gehenden Liebenden «Giulietta e Romeo». Der nationale Stoff vom Originalschauplatz Verona eines Komponisten, der sich für an Anschluss des Trentino an Italien einsetzte, gelangte 1922 in Rom zur Uraufführung.
Ein derartiger Instrumentationsexzess in einem relativ kleinen Haus wie Theater Hof? Künstlerische Zweifel sind vollkommen unbegründet. In der optimalen Akustik setzen die Hofer Symphoniker eine Prachtleistung, die klingt wie von einem großen A-Orchester. Peter Kattermann gelingt es sogar, noch einige Piano-Stellen aufzutrüffeln, die vorzüglichen Solisten ständig und fast immer wohlkalkuliert zu übertönen. Erschlagen war aber nach drei Akten in 100 Minuten und einer dringend nötigen Pause das Publikum. Erst nach sekundenlanger Schockstarre begann der lange und begeisterte Applaus. Das Haus war nicht ausverkauft, zeigt aber wie stets Vertrauen und Zustimmung für das in allen Sparten ambitionierte Angebot. Nächste Musiktheater-Premiere ist «Marilyn Forever» von Gavin Bryars mit «Twice Through The Heart» von Mark-Anthony Turnage.
Zandonais Oper klingt, als wolle der Komponist am liebsten «Tristan und Isolde», «Pelléas und Mélisande» und «Salome» gleichzeitig übertrumpfen, die «Gurre-Lieder» dazu. In der plakativen, wild schillernden und mit Dauerobsession ekstatischen Musik verschwimmen die Kategorien von Erotik, Gewalt und Religion. «Giulietta e Romeo» zeigt eine opulente Vergangenheit. Die Frau steht diesmal im Titel zuerst, doch ihren Geschlechtsgenossinnen geht es im Textbuch auf voller Schlagseite schlecht. Besungen werden sie als „Blumen“ und „Vögelchen“, aber im sozialen Leben sind sie allenfalls Ornamente und Lustvieh der sie unflätig attackierenden Männer. Erst im dritten Akt gibt es einige besinnlichere Momente, wenn die Mezzospranistin Stefanie Rhaue die aus so manchen Star-Recitals bekannte Tenor-Ballade des Straßensängers vom Tod Giuliettas vor einer weißen Madonnen-Statue zelebriert.
Hochachtbar: Intendant Lothar Krause hat keine Scheu, die aus sadomasochistischen Wortballungen springenden Gewaltfantasien, die Mixtur aus Ultra-Erotik, Leidenschaft und Terror mit entsprechender Körperlichkeit auszureizen. Das geht, weil Aylin Kaip eine schlichte Dekoration und symbolkräftige Kostüme setzt. Der Spielraum könnte ein markiertes Bühnenbild sein oder ein Ausstellungsforum im Aufbaumodus. Stühle stehen herum und hängen an den Wänden. Wenn Romeo im zu Shakespeares Balkonszene analogen Fortissimo-Schmachten über ein Geländer steigt und nicht die Treppe nimmt, ist das nur ein Beweis, dass Krause die „Verstiegenheit“ von Zandonais Werkästhetik versteht und knackt. Die karge Bühne verhindert, dass die ausagierten Exzesse nicht in die groteske Parodie kippen. Kaips Schwarzweiß-Videos sagen uns, dass der erotische Musikrausch auch Zärtlichkeit meint, diese Zärtlichkeit immer nach Sehnsuchtsblicken und Sex giert, das höchste aber doch die Liebe ist. Ruben Hawer kitzelte aus den Chorstimmen Fülle und Glanz. Die Frauenpassagen fluoreszieren zwischen orgiastischen Hymnen und Marienlyrik. Bei den Männern dominiert immer rohe Gewalt. Krause riskiert bis zur tolerierbaren Obergrenze körperliche und psychische Extreme, ohne die eine Inszenierung gegen diese Musik chancenlos flach wird. So etwas hält man sonst nur bei Schreker aus. Zandonai lässt sogar Puccinis toxischen «Turandot»-Gewaltschub hinter sich. Aus den Nebenpartien ragt Annina Olivia Battaglia mit stabiler Höhe heraus und spielt beeindruckend die Angst von männlichen Schlägern. Die Brutalitätsschübe sind gleichmäßig zwischen den verfeindeten Geschlechtern Montecchio und Capuleto verteilt. Thilo Andersson, Markus Gruber und Michał Rudziński sind die Solospitzen der mörderischen Kohorten.
Kattermann dirigiert so intelligent, dass die Interpreten der Hauptpartien ihm vertrauen können. Alle drei sind streng genommen noch nicht im dramatischen Fachspektrum für diese Partien angekommen und nehmen trotzdem keinen Schaden. Andrii Chakov schaut mit Silberblond und Anthrazitstoffen aus wie ein Modemafioso vom Flughafen Milano. Er bläht seinen Edelbariton ein bisschen Richtung Reibeisen und entkräftet so die Brutalität Tebaldos, der Giulietta um der Familienehre willen fast vergewaltigt und mit Schlägen traktiert. Man hört und sieht es. Inga Lisa Lehr leidet als Giulietta gerade so viel wie nötig und macht aus der Figur deshalb eine starke Frau, die beim sie wertschätzenden Romeo Unterwerfungsphantasien mit einem langen Arioso artikuliert. Minseok Kim wird in Zandonais virilen Attacken nicht zum Macho-Zombie und ist der Lichtblick unter Wölfen. Einige betörend schöne, aber zu kurze Phrasen singt er und verröchelt in Romeos Sterbeszene mit wenigen Seufzern und langen Pausen dazwischen. Im Gegensatz zu den Vertonungen Bellinis und Gounods ist die Liebeslyrik bei Zandonai relativ knapp und dafür ziemlich laut.
Dieser Traum von einer italienischen Nationaloper mit den Mitteln ihrer Zeit gehört zu den mitreißenden, aber etwas kruden Schöpfungen, in denen auch Gabriele d'Annunzio und natürlich die Décadence Spuren hinterlassen haben. Das gebannte Schweigen des Publikums nach dem Ende ist eher ein Zeichen von Verstörung als Überwältigung und zeugt von Sensibilität. Man kann sich nur wünschen, dass diese optimale Ensemble-Konstellation am Theater Hof noch einige Spielzeiten zusammenbleibt. Da ist aus dem italienischen und französischen Fach so einiges an packenden Ereignissen möglich - von «Luisa Miller» bis «Louise». Bravi!
«Romeo und Julia (Giulietta e Romeo)» – Riccardo Zandonai
Theater Hof · Großes Haus
Kritik der Vorstellung am 10. Mai
Termine: 13./17./29./31. Mai; 6. Juni