Gluck-Festspiele

Stimmen und Feste

Mit zwei konzertanten Opern eröffnen in Bayreuth die diesjährigen Gluck-Festspiele. Michael Hofstetter versammelt dabei eine wahrhaft illustre Sängerschar aus bekannten und teilweise noch zu entdeckenden Namen

Florian Kengel • 12. Mai 2026

Immer wieder schön: Bayreuths Markgräfliches Opernhaus während der Eröffnung mit Glucks «Paride ed Elena» © Joao Octavio Peixoto

„Amor & Psyche“ – man könnte das Motto der diesjährigen Gluck-Festspiele für ein mythologisches halten. Doch ist es für Michael Hofstetter – Intendant, Geschäftsführer und Musikalischer Leiter des nordbayerischen Festivals – mehr ein tiefenpsychologisches. Mit Christoph Willibald Gluck möchte er den Figuren auf der Bühne – und damit zugleich der Menschheit als solcher – auf den Grund der Seele schauen. In dieser Disziplin hat es der große Opernreformer tatsächlich weit gebracht. Weg vom bloßen Affekt, blicken seine zwischenmenschliche wie gesellschaftliche Dynamiken sorgfältig spiegelnden Charakterzeichnungen schon im 18. Jahrhundert in Abgründe, in deren Nähe sich nach ihm erst die Romantiker – und natürlich Mozart – wieder wagen sollten. Kein Wunder, dass Richard Wagner zu Glucks größten Verehrern zählte; und dass er es war, der 1847 mit einer Bearbeitung von «Iphigénie en Aulide» (Uraufführung 1774 in Paris) eine direkte Brücke zwischen ihm und der Romantik baute. Was wäre besser geeignet, als die Gluck-Festspiele mit dieser selbst übersetzten, gekürzten und dank hinzukomponierter Übergänge in zwingendere Dramaturgie gebrachten «Iphigenie in Aulis» zu eröffnen? Zumal in der Wagner-Stadt Bayreuth, wenngleich die dargebotene Fassung für die Dresdener Hofoper entstanden ist?


Wagners Gluck-Oper in unfertiger Spielstätte

Gleichzeitig mit dem Festivalauftakt hätte die Aufführung am 8. Mai das renovierte und teilweise neu gestaltete Friedrichsforum beim Neuem Schloss eröffnen sollen: als Stadthalle im kultigen architektonischen Sixties-Outfit seit Langem Bayreuths „gute Stube“. Doch schon die vielen Absperrungen ums ursprünglich barocke Gebäude lassen ahnen, dass bis zur endgültigen Abnahme noch mancher Handgriff zu erledigen ist. Und so geht ein Teil der offiziellen Aufmerksamkeit flöten, was sich am Kartenverkauf bemerkbar macht. Schade, dass die konzertante Begegnung mit jener deutschsprachigen «Iphigenie» vor halbleerem Haus stattfindet. Umso exklusiver ist das Vergnügen, das sich unter Leitung von Michael Hofstetter und mit der Thüringen-Philharmonie Gotha-Eisenach an diesem zweistündigen Abend einstellt. Weil einerseits mit Gluck und Wagner zwei genuin-geniale Musikdramatiker Hand in Hand arbeiten und andererseits das Ensemble so formidabel zusammengestellt ist, vermisst man das szenische Element keineswegs. 

Das Friedrichsforum ist zwar noch nicht ganz fertig, aber bespielbar. Im Bild: Vero Miller (links) und Francesca Lombardi Mazzulli zu Michael Hofstetters Seiten © Joao Octavio Peixoto

Schon mit seinem ersten Auftritt als aufgewühlter Agamemnon, der sich verpflichtet hat, der Göttin Pallas Athene die eigene Tochter als Opfer darzubringen, setzt Bo Skovhus als Ensemble-Promi zu jener dramatischen Steilkurve an, die die gesamte Aufführung bestimmen wird: ein brillanter Darsteller und Meister der musikalischen Geste, der in der Verzweiflung noch kernig und markant klingt. Sein dunkelgetönter Bariton passt sich hervorragend an den von Hofstetter und dem Orchester raffiniert aufgefächerten Orchesterklang, dem Wagner mit verstärkter Horn- und hinzugefügter Posaunengruppe ein deutlich romantisches Makeover verpasst hat. Gäbe es eine große Szene zwischen Skovhus und Francesca Lombardi Mazzulli als seine Bühnentochter, man würde vermutlich denken, im «Fliegenden Holländer» zu sitzen. Denn geradezu idealtypisch verkörpert Iphigenie jenen Typ opferungswilliger Frau, die Wagner in Figuren wie Senta und später Elisabeth erstmals ausprobierte. Und mit der für sie tauglichen Mischung aus Glut und innerer Überzeugung, konterkariert von Zweifel, Verletzlichkeit und dann wieder Größe und Gefasstheit, stellt Mazzulli hier die Titelrolle dar. Die Sängerin hat eine große Präsenz, zeigt Kraft und perfekte Balance in allen Registern und nutzt ihre klanglichen Ausdrucksmittel mit Augenmaß. Dass ihr das letzte Quäntchen Nachdruck fehlt, ist einzig der nicht ganz glücklichen Diktion im Deutschen geschuldet – bei einem Dichterkomponisten wie Wagner in der Tat kein Faktor, der sich so leicht in den Hintergrund schieben ließe.

Zudem hat die italienische Sängerin in Vero Miller als Klytaimnestra eine starke Konkurrentin. Die Mezzo-Sopranistin mit dem schattierungsfähigen und doch sehr unverwechselbaren Timbre erweist sich auch im konzertanten Rahmen als wahres Bühnentier, das – immer klar heraus! – keine großen Anläufe braucht, um die verschiedenen Stimmungslagen dieser wahlweise von eitlen wie edlen Motiven bestimmten Persönlichkeit glaubhaft darzustellen. Die großen Ausbrüche, die sie vulkangleich vollführt, verlangt die Partitur auch von Aco Bišćević, als – später ungetreuer – Achilleus der einzige Tenor des Abends – und wie sich herausstellen wird, des gesamten Eröffnungswochenendes. Der zunächst als Cembalist ausgebildete Haute-Contre war schon in der Vergangenheit bei den Gluck-Festspielen zu hören, was wiederum beweist, dass sich Michael Hofstetter auf sein Ohr verlassen kann. Als wollte er sichergehen, dass das 18. Jahrhundert nicht zu kurz kommt, mischt der spätberufene Sänger aus Slowenien klassizistische Klarheit ins Gesamtklangbild mit hinein, scheint als Ritter vom Hohen C dabei manchmal in Richtung Rossini oder Bellini zu schielen und ist alles in allem ein eher lyrischer Held, der dramatische Hitze dosiert aber wirkungsvoll einsetzt. Christian Miedl als Kalchas von unerbittlicher Härte und die erdagleich auftretende Soula Parassidis als Pallas Athene ex machina – und nicht zu vergessen die hervorragenden Chor-Soli – ergänzen das Ensemble stimmig. Als wankelmütiges Volk legt der Chor Cantus Thuringia einen großen Auftritt hin und setzt die große Klammer um die tiefenpsychologischen Akzente, die schon das Motto der Gluck-Festspiele bestimmen.


Reformiertes Troja

Hochkarätige Besetzung: Samuel Mariño (Paride/Paris) mit Roberta Mameli (Elena/Helena). Rechts: Michael Hofstetter dirigiert die Akademie für Alte Musik Berlin © Joao Octavio Peixoto

Wie aus einer Laune heraus bitterer Ernst werden kann, lehren die Ereignisse rund um den Trojanischen Krieg, dessen Vorgeschichte – der Raub der schönen Helena als Ergebnis eines eitlen Wettstreits unter Göttinnen – Handlungsgrundlage von Glucks «Paride ed Elena» ist. Das 1770 uraufgeführt Werk, neben «Orfeo ed Euridice» und «Alceste» die dritte seiner Wiener Reformopern, steht im Zentrum des zweiten, diesmal ausverkauften Festspielabends: ein Samstag im Barock-Overkillambiente des Markgräflichen Opernhaus. Erneut mit dem Cantus Thuringia, doch diesmal mit kompetent-transparenter Orchesterbegleitung durch die Akademie für Alte Musik Berlin, geht das Sängerfest der heurigen Gluck-Festspiele in seine zweite Runde. Tatsächlich ein Fest, das aber ohne tiefe Männerstimmen auskommt, denn hier steht allein der Sopran in all seinen Facetten im Scheinwerferlicht. 

Als Sopranist hinterlässt Samuel Mariño in der männlichen Titelrolle einen derart spektakulären Eindruck, dass dadurch selbst die Prachtkulisse um ihn herum in den Hintergrund tritt. Was die Verschränkung von Power und Natürlichkeit angeht, findet sein durch keinen Stimmbruch beeinträchtigter Sopran in der derzeitigen Riege hoher Männerstimmen keinen Vergleich. Selbst in gesundheitlich angeschlagenem Zustand erobert der junge Venezolaner den Raum binnen Sekunden mit Stimme und Charisma. Zeit zum Einsingen braucht Marino in der Tat nicht: eine Naturgewalt, die sich nicht nur emotionalen Ausnahmezuständen, sondern auch in den feinen Übergängen der Rezitative, Arien und Duette mitteilt und selbst die von der Musik affektiv in Szene gesetzten Seelenzustände mit Natürlichkeit und großer Anmut über die Rampe bringt.

Eine fantastische Singschauspielerin mit grandioser Stimme ist auch Roberta Mameli als angeschmachtete Elena: eine wahre Verführerin mit schönem, aber auch leicht herbem Timbre; eine „zartbittere“ Stimme gewissermaßen, mit der die Sängerin der Rolle einen starken Charakter zu geben weiß, besser womöglich, als es ein gängiger „lyrisch-glatter“ Barocksopran könnte. Ebenso meisterhaft wie Samuel Marino bewegt sie sich durch die sparsam, aber prägnant eingesetzten Koloraturen. Wie gut die Stimmen insgesamt aufeinander abgestimmt sind, erweist sich nicht zuletzt im Trio mit der österreichischen Koloratursopranistin Vanessa Waldhart als obligatorischem Amor. Mit neckischer Eleganz bildet sie den Gegenpol Soula Parassidis, die erneut in göttlicher Erscheinung herabsteigt und als rachegetriebene Unglücksbotin Gift und Galle spuckt: einer der großen Gänsehautmomente der ansonsten in eher arkadischen Gefilden angesiedelten Oper.


Die biennalen Gluck-Festspiele finden bis zum 23. Mai in Bayreuth, Nürnberg, Fürth, Berching, Castell und Lehrberg statt. // gluck-festspiele.de

 

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Im Gespräch: Intendant Michael Hofstetter.
– In: Programmbuch 2026, Gluck-Festspiele