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Interview

„Ich will kein didaktisches Theater“

Nora Schmid, Intendantin der Oper Graz und designierte künstlerische Leiterin der Dresdner Semperoper spricht über die Situation der Opernbranche und über die kommende Saison

Stephan Burianek

30. Jun 2021

Sie haben Musik- und Betriebswirtschaft studiert, waren aber vor Ihrer Berufung nach Graz vor allem als Dramaturgin an mehreren Theatern tätig. Von Teilen des Publikums wird den Dramaturgen immer wieder vorgeworfen, dass sie den Werken allzu „verkopft“ begegnen. Wie sehen Sie das?

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass man gegenüber der Dramaturgie an unterschiedlichen Theatern und Ländern unterschiedliche Vorstellungen hat. Im Prinzip geht es aber darum, Stücken auf den Grund zu gehen und sie zu vermitteln, sowohl intern im Haus als auch nach außen zum Publikum. Daher finde ich die Dramaturgie eine sehr spannende Schnittstelle, an der Inhalte zusammenkommen. Obwohl ich lange als Dramaturgin gearbeitet habe, ist mein Zugang zur Oper nach wie vor ein sehr direkter. Ein Stück muss mich, um mich zu interessieren, nicht nur intellektuell herausfordern und faszinieren, sondern mich auch berühren – das ist ja genau das, was Oper ausmacht. Meiner Meinung nach ist das Ineinandergreifen des Emotionalen und Rationalen, das manchmal ins Irrationale kippt, das Geheimnis der Oper. Ich glaube nicht, dass Dramaturgie etwas Verkopftes ist – sie ist analytisch, schaut genau hin, schafft Verbindungen und lanciert Themen und Inhalte in ein Regieteam, in ein Publikum und in eine Stadt hinein.

Weil Sie die Vermittlungsfunktion angesprochen haben: Es kommt kein Theater mehr ohne gezielte Vermittlungstätigkeiten aus. Welche Herausforderungen stellen sich da, um in Ihrem Fall die Grazer zu erreichen?

Das Theater ist generell immer eine Einladung zu einem Dialog. Das haben wir nie stärker erlebt als jetzt in der Corona-Zeit, wo wir plötzlich nur vor Kameras und Mikrophonen gespielt haben. Da fehlt natürlich etwas, denn es braucht traditionell immer einen Absender und einen Empfänger, von dem wiederum etwas zurückkommt. Theater ist immer ein Dialog, eine Vermittlung. Es stimmt natürlich, dass die Vermittlung mittlerweile breiter gestreut ist. Wie andere Häuser bieten auch wir vor den Vorstellungen – mittlerweile auch via Podcasts – Werkeinführungen an. Außerdem haben wir Nachgespräche sowie spielerische Formate, und unsere Theaterpädagogik-Abteilung ist sehr aktiv. Aber oft sind die Übergänge zwischen Vermittlungsprojekten und regulären Aufführungen, in denen es mitunter auch partizipative Elemente gibt, fließend und greifen ineinander. Das Ziel ist freilich immer, möglichst vielen Menschen die Augen, Ohren und Herzen für das, was wir tun, zu öffnen.

Nicht zuletzt bei Kindern und Jugendlichen…

Die Kinder sind nicht das Publikum von morgen, sondern bereits das Publikum von heute. Daher bieten wir ein Programm ab einem Alter von drei Jahren an.

Die Leitung eines Hauses muss früher weit bequemer gewesen sein – damals, als man einfach einen Spielplan gemacht hat und davon ausgehen konnte, dass die Mehrheit des Publikums vorbereitet in die Vorstellungen kommen würde.

Das hat sich natürlich verändert, aber es ist nie zu spät mit anderen, für einen selbst neuen Kunstformen in Berührung zu kommen. Man darf nicht vergessen, dass die Angebotsvielfalt viel größer geworden ist, auch im Musiktheater. Durch diese Vielfalt ist das Gesamtkunstwerk Musiktheater nach wie vor etwas ganz Einmaliges. Ich habe mich beispielsweise schon als Kind für das Theater interessiert, und ich denke mir oft: Wow, was ich heute als Kind alles machen könnte! Als ich ein Kind war, gab es im Theater einmal im Jahr ein Weihnachtsmärchen. 

Geht der Ruf nach einem niederschwelligen Zugang zur Kultur langfristig zulasten der Qualität?

Nein. In manchen Diskussionen wird das eine gegen das andere ausgespielt, aber das ist Blödsinn. Natürlich muss man bei allem, was man tut, stets die höchstmögliche Qualität anstreben.

Stichwort: Pandemie. Was können wir aus ihr lernen? Was wird sich langfristig ändern?

So eine Pandemie bzw. Krise wirkt immer wie ein Brennglas. In der Oper haben wir einiges gelernt, und sie hat Dinge beschleunigt, etwa im Digitalen. Wenn wir aber eines im Besonderen gelernt haben, dann das, wie kostbar die Gemeinschafts- und Live-Erlebnisse sind, die wir schaffen. Eine Aufnahme klingt immer gleich. Wenn ich aber in der Oper neunmal in dasselbe Stück gehe, dann erlebe ich neunmal etwas anderes.

Aber haben Theaterleute nicht vor allem gelernt, dass sie vielleicht gar nicht so wichtig sind, wie sie zuvor dachten?

Ich denke, in jeder Branche hält man die eigene Arbeit für das Wichtigste überhaupt, und das ist ja auch gut so – nur so ist man dann mit vollem Einsatz bei der Sache. Ich habe mich in den vergangenen Monaten aber stets dagegen gewehrt, die einzelnen Bereiche gegeneinander auszuspielen. 

Aber ist es für ein Land wie Österreich, das sich in der Außenwirkung stets wie kein anderes Land auf dieser Welt die klassische Musikkultur an seine Brust geheftet hatte, nicht eigenartig, dass die Kultur von den politischen Entscheidungsträgern zu Beginn der Lockdown-Serie so gut wie gar nicht beachtet wurde?

Es ist vieles nicht beachtet worden, alle waren überfordert. Man war auch in den Betrieben mit den unterschiedlichsten Haltungen konfrontiert. Es gab Mitarbeiter, die große Angst hatten und andere meinten, sie hätten noch jede Grippe überlebt. Man wusste nicht, wo die Wahrheit lag. Ich würde das daher gar nicht so anklagen. Es ist ja doch mit unterschiedlichen Ansätzen versucht worden, Betroffenen zu helfen, um durch diese Zeit zu kommen. Die Frage ist, wie es in ein, zwei Jahren weitergeht. Es wird Zeit brauchen, ein erneutes Herantasten. Ich glaube daran, dass das Kulturleben wieder aufblühen kann. Vielleicht wird manches mehr hinterfragt als zuvor, aber der Grundkonsens über die Wichtigkeit der Kultur könnte durch diese Krise womöglich sogar verstärkt worden sein.

Hoffen wir es. Ich sehe die Situation demgegenüber ziemlich schwarz. Es gab doch im deutschsprachigen Raum bereits vor der Pandemie Politiker quer durch alle Parteien, die mit Anti-Kulturthemen zu punkten versuchten – etwa, wenn es um die Finanzierung einzelner Stadttheater oder Orchester ging. Kann man daraus nicht schließen, dass sich die Wähler:innen zunehmend von der klassischen Hochkultur abwenden?

Was uns betrifft, so waren wir vor Corona auf einem Höhenflug, sowohl was die rekordverdächtigen Besuchszahlen als auch die künstlerische Qualität betrifft. Wir werden hart daran arbeiten, dort wieder hinzukommen. Aber wenn ich sehe, wie vielfältig unser Publikum ist und daran denke, mit welchem Zuspruch es uns vor der Pandemie bedacht hat, dann sehe ich das nicht. Man redet die Oper seit Jahrzehnten, wenn nicht sogar seit ihrer Entstehung, in die Krise. Insofern sehe ich das nicht so schwarz. Sollte irgendwann einmal der „Zahltag“ kommen, dann wird das nicht nur die Kultur betreffen, sondern alle. Wir sind nicht die einzigen, die zum Gemeinwohl beitragen – auch hier hat sich die Vielfalt des Angebots verbreitert. Über die Musik und das Theater kann ganz viel für das gemeinschaftliche Leben, und auch für individuelle Perspektiven, vermittelt werden. Ich glaube schon, dass das weiterhin wichtig sein wird.

Das (Musik-)Theater wird also ein Mittel zur Selbstreflexion bleiben?

Das Schöne ist: Jeder, der in eine Vorstellung geht, erlebt allein schon aufgrund seines eigenen Erfahrungsschatzes etwas anderes – und durch Musik wird das Erlebnis noch verstärkt.

Und doch bieten die Häuser heutzutage rund um ihre Produktionen vielfältige Vermittlungsdienste  an, da die klassische humanistische Erziehung offenbar auf dem Rückzug ist. Das sind doch Versuche, den Wissensstand auf ein Grundniveau zu heben und das Publikum in gewisser Weise zu belehren oder gar zu erziehen.

Gegen ein „Belehren“ oder „Erziehen“ verwehre ich mich! Natürlich werden wir immer mehr zu einer außerschulischen Bildungsinstitution, aber ich will kein didaktisches Theater – weder auf der Bühne, noch in der Vermittlung. Für mich ist die Vermittlung, etwa im Rahmen von Einführungsvorträgen, ein Hinführen, ein Verführen, ein Augen- und Ohrenöffner, ein Neugierde Wecken, aber keinesfalls eine Belehrung.

Mit zunehmender Komplexität der Aufgaben ist der kommunikative Austausch zwischen den Opernhäusern wichtiger geworden. Sie sitzen im Vorstand von Opera Europa – was macht diese Vereinigung?

Bei Opera Europa pflegen wir einen Austausch zu allen für Opernhäuser relevanten Themen, ob auf organisatorischer Ebene, im Marketing oder in Verwaltungsfragen. Wichtig ist auch der Bereich der Weiterbildung, etwa in Fragen der Digitalisierung. Der Austausch war gerade in der Corona-Zeit sehr wertvoll, etwa als es um die Frage ging, wie wir mit der neuen Situation umgehen sollten. 

In den vergangenen Jahren sind innerhalb des Opernbetriebs Fragen, die für viele längst fällig waren, an die Oberfläche gekommen, etwa im Zusammenhang mit den vorherrschenden Machtstrukturen, aber auch mit dem Wunsch nach einer größeren Beteiligung von Frauen in leitenden Positionen. An skandinavischen Häusern muss an jedem zweiten Abend eine Frau dirigieren – was halten Sie von solchen Quoten?

Ich finde es auf alle Fälle wichtig, dass sich in dieser Hinsicht etwas in Bewegung setzt. Wir hatten in Graz eine Chefdirigentin und haben jetzt eine Ballettdirektorin, die beide nicht aufgrund irgendeiner Quote in ihre Positionen gelangt sind, sondern im Bewerbungsverfahren die besten waren. Mein Ideal wäre, dass dies so selbstverständlich ist, dass wir gar nicht mehr über Quoten reden müssen.

In der kommenden Saison zeigen Sie die Oper «Morgen und Abend» von Georg Friedrich Haas. Es ist immer schön zu sehen, wenn Werken ein Leben nach ihrer Uraufführung beschienen ist. Warum setzen Sie sich speziell für dieses Werk ein?

Das Schaffen von Georg Friedrich Haas verfolge ich schon länger, er zählt zweifellos zu den spannendsten Komponist:innen der Gegenwart. Das Werk wurde 2015 in London uraufgeführt und wurde danach an der Deutschen Oper Berlin und in Heidelberg gespielt. Wir sind die vierte Station, aber in einer neuen Inszenierung. Dieses Werk entwickelt von der ersten Sekunde an einen unglaublichen, atmosphärischen Sog, in den man hineingezogen wird. Das Thema „vom Morgen bis zum Abend“ erzählt die Geschichte von der Geburt zum Tod und behandelt die Frage, was vielleicht danach noch kommt. Das Werk ist gleichermaßen philosophisch wie sinnlich, und wir Zuhörer:innen werden darin behutsam an der Hand genommen, um uns mit diesem doch schwierigen Thema auseinanderzusetzen. Außerdem ist Haas ein Grazer, und daher sehe ich es als unseren Auftrag, ihn in der Grazer Musikrezeption zu verankern.

Mit «Schwanda, der Dudelsackpfeifer» von Jaromír Weinberger steht eine weitere weitgehend unbekannte Oper auf dem Spielplan.

«Schwanda» war nach der Prager Uraufführung ein Welterfolg, das Libretto wurde in 17 Sprachen übersetzt. Das Werk ist eine tschechische Märchenoper mit einer unglaublich reichhaltigen Musik und einer phantasievollen Geschichte. Ich hoffe sehr, dass es uns mit dieser Produktion gelingt, dieses große, spätromantische Werk von diesem ganz besonderen Komponisten in Österreich wieder ins Bewusstsein zu rufen.

Kürzlich wurde bekannt, dass Sie ab der Saison 2024/25 in Dresden die künstlerische Leitung der Semperoper übernehmen werden. Details über Ihre dortigen Pläne werden Sie uns jetzt nicht verraten wollen, aber wie lauteten die wesentlichen Eckpunkte Ihres Bewerbungskonzepts?

Ich denke, das war keine Frage von einzelnen Punkten, sondern eine Frage des Gesamten und der Ausformung ganz verschiedener Details an Ideen, aber es ist noch zu früh, darüber zu sprechen. Jetzt geht es für mich darum, in Gesprächen mit einzelnen Kolleg:innen zu schauen, wie die Ideen umsetzbar sein könnten. Durch meinen Berufsweg – ich war ja mehrere Jahre an der Semperoper als Chefdramaturgin tätig – habe ich zu dem Haus natürlich eine starke Bindung und kenne das enorme künstlerische Potenzial, das in ihm steckt, und das möchte ich zum Teil bündeln und verschränken. Natürlich kenne ich auch die unglaublich spannende Musikgeschichte der Semperoper und der Sächsischen Staatskapelle, die ein Alleinstellungsmerkmal ist. Es reizt mich natürlich, diese Tradition zu reflektieren und lebendig zu halten und sie vielleicht auch dann und wann in einen neuen Kontext zu stellen und fortzuschreiben.


Nora Schmid studierte in ihrer Geburtsstadt Bern sowie in Rom zunächst Musik- und Betriebswirtschaft. Nach ersten Erfahrungen im Bereich Orchestermanagement bei der basel sinfonietta und Marketing an der Staatsoper Unter den Linden in Berlin ging sie 2005 als Musiktheaterdramaturgin ans Theater Biel Solothurn (Intendanz Hans J. Ammann). Ab 2007 war Schmid Dramaturgin für Oper und Konzert am Theater an der Wien (Intendanz Roland Geyer). Zur Saison 2010/11 wechselte sie als Chefdramaturgin an die Semperoper Dresden. 2012 wurde sie zusätzlich mit den Aufgaben der Persönlichen Referentin der Intendantin Ulrike Hessler betraut. Nach deren Tod im Juli 2012 gehörte sie zur geschäftsführenden Interims-Intendanz der Semperoper Dresden. Mit der Saison 2015/16 übernahm Nora Schmid als Geschäftsführende Intendantin die Leitung der Oper Graz, des zweitgrößten Opernhauses Österreichs. Bereits in ihrer zweiten Spielzeit wurde die Oper Graz als bestes Opernhaus für die International Opera Awards nominiert, mehrere Musiktheaterproduktionen und CD-Einspielungen wurden mit Preisen ausgezeichnet und von der internationalen Fachpresse besonders gewürdigt. Neben ihrer Jurytätigkeit für verschiedene internationale Gesangswettbewerbe und den Ring Award wurde Nora Schmid 2018 in das Board of Directors von Opera Europa gewählt. Ein besonderes Anliegen ist ihr die Verankerung und Vernetzung der Oper Graz mit anderen steirischen und Grazer Kunst- und Kulturinstitutionen wie der Kunstuniversität Graz und dem Universalmuseum Joanneum. [gekürzte Biografie von der Homepage der Oper Graz]


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