Musiktheater an der Wien
Alle unterdrücken ihre Leidenschaft
Das Regieteam um Vasily Barkhatov und ein hochklassiges Ensemble begeistern mit Verdis selten gespielter Oper «Stiffelio»
Stephan Burianek • 14. Mai 2026
Ein Priester ist auch nur ein Mensch. Und ein verheirateter Priester hat auch ein Eheproblem, wenn die Frau fremd geht. Das Gefälle zwischen der Jobbeschreibung eines protestantischen Gottesvertreters und dem Verhalten eines in seinem Stolz gekränkten Ehemanns kann freilich riesig sein: „Ich werde dich mit meinen Füßen zertreten“, schmettert Stiffelio in Verdis gleichnamiger Oper seiner Lina entgegen, schließlich habe sie sich einer „unverzeihlichen Schande“ schuldig gemacht.
In Wien sind die beiden auch stimmlich kein sonderlich harmonisches Paar. Luciano Gancis kräftige, sich in der Attacke am wohlsten fühlende Stimme scheint beinahe den Raum des Theaters an der Wien sprengen zu wollen. Mit seiner strahlenden, heldischen Höhe und seiner in jedem Ton passgenau sitzenden Intonation klingt er wie der Inbegriff eines Verdi-Tenors. Im Duett mit ihm hat es Joyce El-Khoury alles andere als leicht. Ihr schlanker Sopran entfaltet stets dann seine Wirkung, wenn er einem hübschen Pflänzchen gleich ungestört sprießen kann, wie in ihrer Reue-Arie (1. Akt) und in ihrer Anbetung an die verflossene Mutter (2. Akt), in denen El-Khourys filigrane Höhenkantilenen die zerbrechliche Einsamkeit ihrer Figur fühlbar machen.
Natürlich ergreift der Regisseur Vasily Barkhatov ganz im Sinne Verdis für die Ehebrecherin Partei und verstärkt ihre Tragik sogar noch, indem er Lina nicht am Grab ihrer Mutter weinen lässt, sondern stattdessen eine eigene Geschichte erzählt. Die Arie an die Mutter wird bei ihm zu einer Erinnerung an die Vergangenheit: Linas Mutter hatte genug von der Enge der fundamental-christlichen Gemeinde, trägt sich im Beisein ihres Gatten – Linas Vater Stankar – provokant einen Lippenstift auf und verlässt, nachdem man sie ihr Kind nicht mitnehmen lässt, alleine das Dorf. Die Mutter ist womöglich noch gar nicht tot, sondern lediglich eine Verstoßene.
Dass dieser Einfall nicht nur gut funktioniert, sondern gar zur stärksten Szene des Abends wird, liegt an Barkhatovs Kunstgriff, die Handlung aus dem Deutschland des 19. Jahrhunderts in die USA von heute zu verlegen, konkret in ein Dorf der Amish. Die Amish dürfen als eine von zahlreichen Skurrilitäten in dem nordamerikanischen Land gesehen werden. Der elektrische Strom gilt ihnen ebenso als Teufelswerk wie Musik, die dem Vergnügen und nicht der göttlichen Anbetung dient. In gewisser Weise sind sie konsequenter als die Taliban, wiewohl vergleichsweise friedlich.
Dem heute rasch drohenden Vorwurf einer „kulturellen Aneignung“ nimmt Barkhatov in einem Programmheft-Interview den Wind aus den Segeln: Die Produktion sei freilich „keine Dokumentation“ der Amish, wenngleich sich das Regie-Team im Vorfeld intensiv mit deren Lebensweisen auseinandergesetzt habe. Aus vermeintlich zivilisierter Sicht wurde das Konzept meisterhaft umgesetzt: Christian Schmidt hat das Innere eines schlichten Pfarrerhauses auf eine Drehbühne gesetzt: In Küche, Schlafzimmer, Bad und Gebetsraum dominiert Holz, lediglich die Wasserhähne scheinen aus der Zeit nach der industriellen Revolution entsprungen zu sein. Die Kostümdesignerin Stefanie Seitz wiederum kopierte hauptsächlich die Alltagsuniformen der Amish: schwarze Anzüge mit Hüten bei den Männern, brave „Dienstmägde“-Kleider mit weißem Haarschutz bei den Frauen.
Eine Ausnahme bildet die „Schlagerstar-Jacke“ aus Stiffelios Vorleben, als der nunmehrige Pfarrer noch Rudolfo Müller hieß und das während der zehnminütigen Ouvertüre in einem Video von Andreas Deinert erzählt wird: Als Star-Trompeter mit viel Alkohol und wenig Lebensinhalt lässt er sich in einer US-amerikanischen Großstadt mit der Ehefrau eines reichen Gönners aus einem mafiösen Milieu ein und muss fliehen. Die Rettung wartet in der Form einer von Stankar gelenkten Pferdekutsche. Rudolfo findet bei den Amish ein neues, für ihn sicheres Leben.
Die Idee, die Sektengemeinschaft im «Stiffelio» mit religiösen Fundamentalisten in den USA in Verbindung zu bringen, ist naheliegend und nicht neu. Vor genau zehn Jahren folgte eine Inszenierung durch Benedict Andrews in Frankfurt offenbar einer ähnlichen Idee, auch wenn man sich dort nicht auf die Amish, sondern – wiewohl weniger konkret – auf die Mennoniten bezog (siehe Magazin-Artikel in der OPE[R]NTHEK).
Bereits damals stand Jérémie Rhorer am Dirigentenpult. Ob er das Frankfurter Orchester damals ebenso laut spielen ließ wie nun das ORF Radio-Symphonieorchester, ist dem Kritiker nicht bekannt. Im mittelgroßen Theater an der Wien packt er jedenfalls beherzt zu und erzeugt vor allem in den Chorstellen Momente, in denen man sich Ohrenstöpseln wünscht, wie sie ansonsten während Heavy Metal-Konzerten zum Einsatz kommen. Eine Werbung für Verdis „Problemkind“, das unmittelbar vor seiner „Trilogia populare“ entstand, später vom Komponisten zurückgezogen wurde und erst in den 1990er Jahren rekonstruiert werden konnte, ist die musikalische Wiedergabe aber allemal.
Das liegt auch am stimmkräftigen Personal, selbst in den kleineren Partien. Trotz seiner dramaturgisch wichtigen Funktion als Störer der vorherrschenden Ordnung gab Verdi der Figur des Raffaele recht wenig zu singen. Das ist in diesem Fall schade, denn Luigi Morassi ist ein Traum von einem dunkel timbrierten, kraftvollen Tenor. Auch körperlich erscheint es bei ihm nachvollziehbar, weshalb Lina bei dem großen, jungen Feschak schwach geworden ist. Ob man ihrer Beteuerung, der Liebesakt sei ohne ihre Zustimmung erfolgt, wirklich Glauben schenken kann? Darüber, wie es in der Herzensangelegenheit zwischen den beiden steht, gibt die Inszenierung keinen Aufschluss. Zum für Amish vermutlich stilechten Duell mit Hackmessern wird er von Stankar freilich dennoch aufgefordert. Linas Vater interpretiert Franco Vassallo mit warmem, schön präsentem Bariton, er wird insbesondere nach seiner mit Inbrunst intonierten Arie „Ei fugge!“ (Er flieht) vom Publikum bejubelt.
Während dieser Arie im 3. Akt zimmert Stankar einen Sarg. Ob der für Raffaele bestimmt ist? Vielleicht, vielleicht aber auch nicht. Denn als Stankar von dessen Rückkehr erfährt, ist die Liegkiste bereits nahezu fertig. Die Arie endet indes mit „Addio, Stiffelio“, lebe wohl, Stiffelio. Plant Stankar gar den Tod seines Schwiegersohns? Kurz vor dem Showdown nimmt er Stiffelio seinen kleinen Reisekoffer ab, den dieser unter dem Bett verwahrt, und schickt den als Prediger Jorg erstklassigen Alessio Cacciamani damit irgendwo hin. Der Inhalt des Koffers: Stiffelios Trompete, die dieser im Laufe des Abends immer wieder heimlich im Badezimmer ausgepackt und tonlos geblasen hat. Auch Stiffelio hat eine Leidenschaft, die er auf seinen Reisen in die „zivilisierte“ Welt wohl verbotenerweise auslebt. Dient die Trompete womöglich als Erkennungszeichen für die ihn immer noch suchenden Rächer? In jenem Moment, als Stiffelio während eines Gottesdienstes die Gnade erkennt, wird er von ihnen jedenfalls – nicht ganz Verdi-konform – aufgespürt und gemeuchelt. Dem Verführer hat der vermeintliche Schutzraum nur begrenzt geholfen. Ihn ereilt die Strafe, seine Gnade wird tragischer Weise nicht belohnt.
Die Stärke der Barkhatov’schen Inszenierung liegt in der Natürlichkeit, mit der die Geschichte erzählt wird. An keiner einzigen Stelle scheint das Regiekonzept gegen den Text oder die Musik zu laufen. Und doch drückt die Regie dieser Produktion einen eindrücklichen Stempel auf. An die Intendant:innen dieser Welt: Sichern Sie sich diese Arbeit!
«Stiffelio» – Giuseppe Verdi
Musiktheater an der Wien · Theater an der Wien
Kritik der Premiere am 13. Mai
Termine: 15./17./19./21. Mai
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Podcast-Folge „Stiffelio“ – Probenzimmer mit Christian Schröder und Kai Weßler, 06.05.2026
OPE[R]NTHEK / OPER FRANKFURT
An der Schwelle zum Meisterwerk. – Von: Konrad Kuhn, in: Magazin, Saison 2015/16, Januar-Februar, Oper Frankfurt