Kalchschmids Albenpanorama
05/2026
Vier unbekannte Jahreszeiten, jede Menge Königinnen und viel Weh bereichern mit überwältigend schöner, gleichermaßen trunkener wie teils karger Musik die Welt der Klassikalben
Klaus Kalchschmid • 17. Mai 2026
«Les Quatre Saisons» von Joseph Bodin de Boismortier (1689-1755) sind vier Kantaten, die den Jahreszeiten gewidmet sind. In verschiedenen Arien, etwa mit obligater Flöte, gesungen von der Sopranistin Sarah Charles wird die Ankunft des Frühlings gefeiert bis mit einer Air tendre, einer zärtlichen Arie, die Frühlingsgöttin gepriesen wird. Die Hitze des Sommers und den Segen der Sonne besingt der Haut contre Enguerrand de Hys. Der Herbst beginnt heiter launig mit einem ausgelassenen Fest, das der Bariton Marc Mauillon ebenfalls mit obligater Flöte besingt: „Chansons, dansons,et qu‘on nouse verse à boire“ (Lasst uns singen, tanzen und trinken). Das Lob von Bacchus, der Trunkenheit, „der Nektar der Götter“, strahlt auch auf die übrigen Airs aus, etwa zur Air mit Sologeige „Vergeblich kommt die stolzeste Schönheit, um mir ihren Charme zu schenken.“ Die vierte, dem Winter gewidmete Kantate ist doppelt so lang wie die anderen drei und mit zwei Geigen kompositorisch reicher, einen dramatischen Wintersturm gibt es da und die Sehnsucht nach dem Frühling. Eine feine, umfangreiche Klagearie mit Altblockflöte, gesungen von Lili Aymonino, bittet um Gnade vom „Herrscher des Donners“ bis Bacchus wiederkehrt: „Was für ein freundliches Fest“ beginnt der ausgelassene Tanz. Das Orchestre der Opéra Royal unter Leitung von Chloé de Guillebon spielt genauso stilsicher wie die vier Sängerinnen und Sänger letztlich den Lobpreis des Wandels der Jahreszeiten singen. Neben dem Originaltext enthält das Booklet eine deutsche Übersetzung der Texte. (Château de Versailles Spectacles)
„Reines“ (Königinnen) nennt sich das neue Album von Véronique Gens, das französische Königinnen in der Oper der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts gewidmet ist, oder auch solchen Frauen, die sich für dergleichen hielten; beginnend und endend mit Jean-Philippe Rameau, so seinem „Quelle plainte en ces lieu m‘appelle“ aus «Hippolyte et Arcicie» und dem kämpferischen „Amour, cruel amour“ aus «Zoroastre». Aber auch die große, differenzierte Szene von François-Joseph Salomon aus «Médéé et Jason» mit Chor hinterlässt mächtigen Eindruck. Antoine Dauvergne ist vertreten mit einer Arie aus «Hercule Mourant»; aus seinem «Canente» stammt das zurückhaltende „Sombre désse du silence“ als Gebet der Circe an die Göttin der Nacht, übergehend in einen Chor des Schlafes oder eine Marche funèbre und das „Dieu, grand dieu, sois sensible“, die sanfte Klage „Ah! Ne puis–je savoir“ der Armide aus Henry Desmarests «Renaud» und andere Auszüge, darunter ein Tanz der Dämonen, hinter dem kriegerisches Gewitter aufzieht. Pancrace Royers «Zaïdes, Reine ed Grenade» ist ebenfalls eine Arie entnommen.
Wie gesagt, ist Rameau prominent vertreten, auch mit einer Air tendre aus «Dardanus» einer „Air très vif“ und einem Menuet aus «Acanthe et Céphise», wie überhaupt immer wieder sind prägnante Instrumentalstücke, darunter Michel Pignolet de Montéclairs „Rigaudons“, „François Francoeurs Ouvertüre zu «Scanderberg» und „Canarie“ aus «Jephté», die das Album abrunden, dazwischengeschoben. Vielfach gehen die einzelnen Stücke und nicht nur Rezitativ und Arie ineinander über und bespiegeln sich welchselseitig. Das Ensemble Les surprises unter Louis-Noël Bestion de Cambulas spielt wahrhaft königlich. Neben den Originaltexten gibt es englische Übersetzungen. (Alpha)
„Oh weh!“ nennt sich die Einspielung mit Liedern von Gustav Mahler und zitiert damit das dritte der «Lieder eines fahrenden Gesellen»: „Ich hab ein glühend Messer in meiner Brust, o weh“. Stéphane Degout singt sie mit gehaltvollem Bariton und viel Einfühlungsvermögen in die hochromantische Sprache dieser Lieder und ihr Liebesleid, das noch der schönsten Naturempfindung entspringt. Und den zwei blauen Augen der Geliebten hinterherblicken muss. Die fünf «Kindertotenlieder» singt dagegen die Mezosopranistin Aude Extrémo und fasst die Tränen einer Mutter in teils karge Musik, teils überwältigend schöne, wie das „Oft denk‘, sie sind nur ausgegangen“ oder das dramatische „In diesem Wetter, in diesem Braus, nie hätt ich gesendet die Kinder hinaus“. Besonderen Reiz besitzt dieser Livemitschnitt dank der Kammerfassungen des Orchesters (Quatour Hanson und Ensemble Ouranos unter Pierre Dumoussaud) – einmal durch Arnold Schönberg, einmal durch Eberhard Kloke, die das Geschehen wunderbar durchsichtig und scharf geschliffen zeigen. Raffiniert auch dazwischen Max Regers „Romantische Suite“ in der Kammerfassung durch Arnold Schönberg und Rudolf Kolisch, quasi Lieder ohne Worte nach drei Gedichten von Eichendorff: „Nachtzauber“ (Notturno), „Elfe“ (Scherzo) und „Adler“ (Finale). Ungemein filigrane Musik ist das, die im Finale schon mal in große Steigerungswellen verfällt. (B Records)