Mittelsächsisches Theater Freiberg-Döbeln
Gemischtes Doppel
Eine erfindungsreiche Verknüpfung von Puccinis «Gianni Schicchi» mit Leoncavallos «I Pagliacci» mündet in einem glänzend unterhaltsamen Opernabend
Werner Kopfmüller
Ein florentinischer Erbschleicher im Jahre des Herrn 1299 trifft auf den Prinzipal einer fahrenden Theatertruppe im Kalabrien des 19. Jahrhunderts. Wie das zusammenpasst? Auf der Bühne des Mittelsächsischen Theaters Freiberg sehr gut: Gianni Schicchi trifft hier auf den Bajazzo, das Schlussstück aus Puccinis 1918 uraufgeführtem Operndrilling «Il Trittico» wird mit dem veristischen One-Hit-Wonder von Ruggero Leoncavallo kombiniert – aber nicht zu einem bloßen Doppelabend. Denn der kroatische Gastregisseur Ivan Leo Lemo und Hausregisseurin Judica Semler haben, gemeinsam mit Chefdramaturg André Meyer, die beiden Kurzopern so erfindungsreich verknüpft, dass daraus ein Stück im Stück, Theater im Theater entsteht. Zum Vorspiel des Bajazzos kündigt eine Komödiantentruppe dem Publikum zwei Vorstellungen an: Nachmittags wird das Stück aus Dantes „Göttlicher Komödie" gegeben, abends folgt die Colombina-Komödie. Damit erhält der Abend einen neuen, präzise sitzenden Rahmen, der Puccinis Gaunerkomödie und Leoncavallos Eifersuchtstragödie zu zwei Stunden bester Opernunterhaltung zusammenhält.
Das Bühnenbild von Marie-Luise Strandt unterstützt dieses Regie-Konzept so unaufdringlich wie wirkungsvoll: Einen podestartigen Bau hat sie dazu in die Bühnenmitte gestellt, einen Kubus, der durch einige zusätzliche Requisiten (Bett, Vorhang, Leiter) mal das Schlafzimmer des verblichenen, steinreichen Erblassers Buoso Donati darstellt, mal die Kulisse für eine Hochzeit abgibt, oder ganz einfach als Bühne auf der Bühne fungiert. Das Personal des «Bajazzo» spielt und singt zugleich dasjenige des Schicchi, ohne dass die Figurenzeichnung dadurch an Konturen verlieren würde.
Lemo, für den Gianni Schicchi verantwortlich, choreografiert seine Protagonisten dabei so lustvoll, als handelte es sich um Tanztheater. Die erbschleichende Verwandtschaft springt und stolpert von einer Slapstick-Szene zur nächsten und formiert sich beim Hit „O mio babbino caro“ zur Playback-Combo. Semler hingegen erzählt sehr stringent das Drama, das – vermeintlich – in die menschliche Katastrophe steuert: Ihr Canio ist kein tragischer Held, sondern ein Despot, dem die Frau zu Recht entflieht. Dass sie überdies einen gemeinsamen Sohn hinzuerfindet (Moritz Winkler, der bei Puccini den Gherardino gibt) und die finale Eifersuchtsszene in ein Happy End umbiegt – Frank Unger als Beppo hatte das Unheil vorausgeahnt und das Messer gegen einen Theaterdolch mit versenkbarer Klinge ausgetauscht – erweist sich als keineswegs unmotivierter, sondern zu den berühmten Schlussworten „La commedia è finita” sehr stimmig umgesetzter Regie-Kniff.
Gesungen wird auf einem Niveau, das man an einem Haus wie dem Mittelsächsischen Theater nicht erwarten würde – zumal fast sämtliche Ensemblemitglieder in ihrem Rollendebüt zu erleben sind: Beomseok Choi gibt den Gianni Schicchi und den Tonio: ein Bariton von beachtlichem Volumen und kernigem Timbre, der das kleine Freiberger Theater mühelos bis in den hintersten Winkel ausfüllt. Als Schicchi treibt er die gierigen Erben mit sichtlicher Spiellust in die Verzweiflung. Sein koreanischer Landsmann Inkyu Park vereint die Rollen des Rinuccio und Canio. Im Schicchi legt er viel lyrischen Schmelz in seinen klangschönen Tenor, als Canio punktet er mit viriler Strahlkraft und fesselnder Bühnenpräsenz.
Die eigentliche Entdeckung des Abends aber ist Fernanda Allande als Nedda: ein noch sehr junger und dennoch außergewöhnlich wandelbarer, in den Höhen leuchtender und souverän geführter Sopran. Auch darstellerisch beglaubigt Allande die Zerrissenheit ihrer Figur zwischen abgrundtiefer Verzweiflung und bangem Hoffen auf ein neues Leben fernab vom tyrannischen Gatten. Ihr zur Seite berührt Leonhard Geiger als ihr Liebhaber Silvio mit samtenem Bariton, in der kleinen Rolle der Zita überzeugt Paola Alcocer mit farbsattem Mezzo. Der berühmteste Moment des Abends gehört Julia Domke. Ausladend schön singt ihre Lauretta das unverwüstliche „O mio babbino caro“.
Der Graben des Freiberger Theaters bietet kaum Platz für größer besetzte Orchester. Aber das macht der junge mexikanische GMD José Luis Gutiérrez wett, indem er die Mittelsächsische Philharmonie unentwegt zu Tempo und Drive befeuert. Puccinis leicht karikierender Tonfall im Schicchi kommt dadurch ebenso zum Tragen wie sich im Bajazzo Leoncavallos komprimierte Hochdruckdramatik entfaltet. Das Mittelsächsische Theater Freiberg-Döbeln liefert eine unkonventionelle, erfrischend andersartige Neukombination zweier Kurzopern-Klassiker. Und zeigt damit einmal mehr, wie an kleinen Bühnen große, packende, anrührende, Musiktheaterunterhaltung entstehen kann.
«Gianni Schicchi» – Giacomo Puccini
«I Pagliacci» – Ruggero Leoncavallo
Mittelsächsisches Theater · Theater Freiberg
Kritik der Vorstellung am 16. Mai
Termine: 23./29. Mai; Wiederaufnahme in der kommenden Spielzeit sowie ab 7. November 2026 in Döbeln