Salzburger Festspiele

Laute Colts, leichte Capricen, prunkender Canto fiorito

Cecilia Bartoli, die Capitana der Pfingstfestspiele, feiert mit Rossinis «Il viaggio a Reims», und sie lässt sich feiern: Mit Kosky-Amalgam und sehr lustig

Roland H. Dippel • 23. Mai 2026

Visionen von Europa: Peter Kellner (Don Alvaro), Florian Sempey (Don Profondo) © Monika Rittershaus

Nein: Es geht nicht um die Krönung des darauf nur fünf Jahre regierenden Charles X. von Frankreich wie in Paris 1825 zur Uraufführung von Rossinis in Überlänge gnadenlos absurder Huldigungskantate «Il viaggio a Reims». Mit gutem Recht könnte der Titel jetzt „Il viaggio a Salisburgo“ statt wie 1854 «Il viaggio a Vienna» zur Krönung von Kaiserin Elisabeth und Kaiser Franz Joseph I. heißen. Denn man will weniger zu echten Hoheiten als zur Belcanto-Monarchin „La Ceci“. „Ciao bella, ciao“ jauchzt es vom Transparent neben des Balkons der Salzburger Festspielhäuser. Und das Programmheft wirbt zur „Bonne fête“ für Santa Cecilia von Salzburg am 8. August.

Ja, es stimmt: Sie wird wirklich erst 60. Cecilia Bartoli hat den Geburtsjahrzeiger nie von etwas früher nach vorn gedreht, und man erinnert sich noch immer mit hoher Lust an ihr erstes Rossini-Album. Seither hat La Bartoli zahlreiche Karriere-Abenteuer bestanden, immer mit Koloraturen statt Colts gefeuert, nie die Goldkehle riskiert und trotzdem immer ganz viel gewonnen. «Il viaggio a Reims» ist nicht die erste Oper, in der sie – wie zum Beispiel auch in «Così fan tutte» – mehrere Partien zur Auswahl hat. Hier entschied sich Bartoli nicht wie die reife Montserrat Caballé zur Wiederentdeckung dieses Ritts über den vokalen Bodensee für Madame Cortese, die Wirtin der Nobelabsteige „Zum Goldenen Schwan“. Oder für die polnische Marquise Melibea, deren sadistische Neigungen die großartige Marina Viotti vokal und süffisant am russischen Grafen von Libenskof ausagiert (der von Dmitry Korchak gesungen wird – eine diesbezügliche Statement-Anfrage nach Recherchen von Opern.News im Februar dieses Jahres haben die Festspiele leider ignoriert, Anm.d.Red.). Die Patriotismus mit Modegeilheit bestens vereinende Gräfin von Folleville überließ Bartoli ihrer oft nach Salzburg geholten Kollegin Mélissa Petit und wollte lieber die heimliche Hauptpartie von besonders wertvollem Kulturadel. Die Improvisationsängerin Corinna hat ein hochliterarisches und ein historisches Prachtvorbild, nicht nur deshalb eine gute und hintergründig verschmitzte Wahl. Erst macht Bartoli in diesem Handlungsnichts über die wegen Pferdemangels ausgebremste Reise des Promi- und Diplomatenkollektivs die Star-Rhapsodin Corinna zur minimal schrulligen Kabinettsfigur. Sie springt, nachdem man ihr in der letzten Arie nach Rossinis europäischem Song-Contest einige Töne abgeschnitten hat, aus der Riesentorte und feiert mit dem ganzen Ensemble ab: Sie ist die Primadonna, Prinzipalin und Principessa im Rudel von 14 belcanto- und koloraturgewandten Fachsolisten, Chor und einem hyperelastischen Tanzensemble als Hotel-Crew.

Zärtliche Gefühle: Cecilia Bartoli (Corinna), Edgardo Rocha (Cavalier Belfiore) © Monika Rittershaus

Barrie Kosky lässt es nach «Hotel Metamorphosis» bei den Pfingstfestspielen 2025 wieder mit Böllerwucht flunkern, krachen, schrillen: Permanent und deshalb etwas monoton, obwohl viele Einzelpointen zünden. Kosky macht «Il viaggio a Reims» in seiner Liebe für den französischen Schwank-Primas Feydeau zu einer kleinen «Fledermaus». Die Räume von Rufus Didwiszus verengen sich klug. Erst die Lobby mit Schwingtür-Slapsticks auf der ganzen Stimmungsskala von geil bis zum Gähnen. Dann eine Zimmerflucht, wo prompt vor Zimmer Nummer 6 zwischen Corinna und dem Womanizer-Kavalier Belfiore viel weniger passiert, als der eigentlich vorhat. Edgardo Rocha gibt den Filou Belfiore mit dem Charme eines virilen und deshalb gefährlichen Cherubino, dessen Charisma auch aus frivol zirzensischen Tönen springt. Von Bartolis Pluderdessous bis zu den flotten Kellnern schwadronieren Victoria Behrs Kostüme von biedermeierlich oder gründerzeitlich.

Koskys Effekte sitzen von kauzig bis klamottig. Nur eines kann man ihm diesmal nicht verzeihen: Wäre Cecilia Bartoli nicht so unbefangen und nicht so liebenswert bei ihren Selbstohrfeigen zu Corinnas Triller-Tick, hätte das selbst titulierte „schwule Känguru“ seine Pfingstfestspielchefin und Auftraggeberin ganz schön denunziert. Corinna ist im Vorbild-Roman ein Selbstbild der emanzipierten Madame de Stael, die in „Corinne, ou L’Italie“ eine poetische Überhöhung schuf. Der Elegikerin Corinna, die mit orpheischen Tönen Duelle einfriert, beim scharfen Belfiore eine „keusche Göttin“ kapriziert und die Vision eines friedlichen Europa beschwört, lässt Kosky jedoch keinen ernsten Zug. Er macht auf sanfte Witzfigur im Wachsfigurenkabinett, während Rocksäume und Hosenbeine aller Randfiguren immer fliegen. Erwartungsgemäß ist Corinnas Harfenist am bedeutungsschwer herumgetragenen Instruments mit dem pompösen Margeriten-Ornament eine ganz besonders hübsche Person.

Beim anfangs etwas zurückhaltendem Premierenpublikum siegt doch die laute Erheiterung. Während sich der Regisseur über zu wenige Tiefenmomente im italienischem Libretto von Luigi Balochi mokiert, gibt es in den Übertiteln und musikalisch so manche deutsche Worteinlagen: Beethovens 9. Sinfonie, Königin-der-Nacht-Koloraturen, ein pathetisches Chor-Maestoso und von Misha Kiria als Baron di Trombonok Goethe. Logo.

Colts, Capricen, Champagner: Marina Viotti (Marchesa Melibea), Ensemble © Monika Rittershaus

Nicht ganz so überzeugend ist leider Ildebrando D'Arcangelo als schwärmerischer Lord Sydney. Dafür setzt Florian Sempey einen tollen Don Profondo mit wirklich langem Atem für die bramarbasierenden Europa-Strophen. Tara Erraught bringt mit den Schluckauf-Koloraturen der Madame Cortese sofort Schwung und Stimmung in den Abend.

An dessen Beginn bewegte durchaus die Frage nach der Festspiel-Zukunft ohne Markus Hinterhäuser einige Gemüter. Im «Viaggio»-Libretto ist auffallend viel von Wetter und aufklarenden Stimmungen die Rede. Der Chœur de l’Opéra de Monte-Carlo macht belustigend mit (Einstudierung: Stefano Visconti)
Was den Abend viel mehr belebt als die Bühne, sind allerdings Les Musiciens du Prince  Monaco. Dazu gibt Gianluca Capuano ein Rossini-Dirigat mit Sherry, Champagner und Cassis. Geschult an Alter Musik ist er das wirkliche Sensationspolster der Produktion. Mit jedem Takt hört man Rossinis Abschied vom Spätbarock. Capuano agiert frei und mit Stil. Der Mittelteil von Marina Viottis Duett mit Libenskoff ist langsam wie noch nie, und sie erreicht hier die hohen Maßstäbe der zu früh gestorbenen Lucia Valentini-Terrani. Neues Hauptinstrument sind bei Capuano Kastagnetten. Das Hammerklavier spielt häufig mit, wie das 1825 vielerorts noch nicht aus der Mode gekommen war. Generell paart Capuano Raffinesse mit Klugheit, manchmal mit Gewicht und immer voll Empfindsamkeit für das Sängerensemble. Unter diesem Aspekt war die Salzburger Premiere ein kleines Pfingstwunder. Ovationen.

 

«Il viaggio a Reims» – Gioachino Rossini
Salzburger Pfingstfestspiele · Haus für Mozart

Kritik der Premiere am 22. Mai 
Termine: 25. Mai; 5./8./11./13./16. August