Staatstheater Meiningen

Ganz nah dran

Seit 2003 wird auf der Wartburg bei Eisenach der «Tannhäuser» gespielt. In dieser Kulisse und unter dem Dirigat von GMD Killian Farrell entstehen ganz besondere Opern-Erlebnisse

Daniela Klotz • 27. Mai 2026

Das Meininger Ensemble spielt mit den Gegebenheiten des Originalschauplatzes © Michael Reichel

Weithin sichtbar thront sie über dem Thüringer Wald und dem Städtchen Eisenach, die Wartburg, UNESCO-Welterbe und vielfältig mit der deutschen Geschichte und Mythologie verbunden. Frau Venus soll im nahen Hörselberg Wohnung bezogen haben. Elisabeth von Thüringen tat hier den Armen Gutes, Martin Luther übersetzte in der berühmten Lutherstube, getarnt als Junker Jörg, die Bibel und soll dem Teufel sein Tintenfass nachgeworfen haben, Goethe weilte hier. An diesem geschichtsträchtigen Ort den «Tannhäuser» erleben zu dürfen, ist etwas Besonderes. Der Palas ist gewissermaßen der Originalschauplatz. Errichtet im 12. Jahrhundert und im Wesentlichen erhalten, war der große Saalbau eine architektonische Bedeutsamkeit. Wenngleich heute im Glanz des Historismus erstrahlend, kann man sich gut vorstellen, wie Hermann I. die Berühmtheiten seiner Zeit im prächtigen Saal versammelte. Selbst den Sängerkrieg kann man sich gut denken, obwohl der so niemals stattgefunden hat, sondern eher so etwas wie die Begründungslegende einer bedeutenden Sammlung mittelhochdeutscher Sangspruchgedichte ist. Dass der Streit sich am Thema Liebe oder besser Minne entzündete, gehört ebenfalls ins Reich der Fiktion, es ging um Fürstenlob, und in Wahrheit spielt letztlich nicht einmal Elisabeth eine Rolle. 

Das interessiert die dreihundert Menschen, die zu jeder Vorstellung den steilen Pfad zur Burg hinauf pilgern, um den «Tannhäuser» hier zu erleben, nicht wirklich. Manche haben jahrelang auf Karten gewartet – fast wie früher in Bayreuth, viele kommen von weither. Schon der Weg zur Burg mache etwas mit einem, berichten die Musikerinnen und Musiker, die gemeinsam mit dem Publikum vor Beginn der Vorstellung im Hof stehen oder in der Pause ganz entspannt nach getaner Arbeit nochmal den weiten Blick ins Land genießen, ehe sie den steilen Weg hinunter nach Hause nehmen. Dem Publikum seht da das Museum offen. Wer mag, kann die seltenen auf der Burg verwahrten Exponate, die Cranach-Portraits und Kuriosa bestaunen oder das Luther-Zimmer mit dem Walwirbel, der Luther als Fußschemel diente, in Augenschein nehmen. Der Tintenfleck wird schon lang nicht mehr nachgemalt, erfährt man. Der Besonderheit dieses Gesamterlebnisses tut das keinen Abbruch.

Die Freude, die Ehrfurcht, die Andacht der Menschen, die Karten für dieses spezielle Ereignis an diesem speziellen Ort ergattert haben, übertrage sich. Das Staatstheater Meiningen zieht zu den Vorstellungen auf der Wartburg mit seinem vollen «Tannhäuser»-Apparat in den großen Saal ein. 150 Musikerinnen und Musiker, für 300 Gäste. Hier sei alles anders, verrät Orchesterdirektor Alexander John vorab. Das Orchester spiele hinter der angedeuteten Szene, die Sängerinnen und Sänger agierten somit hinter dem Rücken des Dirigenten. Für die Chorauftritte werden Treppenhaus, Empore, sogar Zuspieler genutzt. Der ohnehin intime Charakter der Abende wird durch die Auftritte durch den Mittelgang noch intensiviert. Die Musikerinnen und Musiker gingen bei diesen Vorstellungen nicht einfach zur Arbeit, sondern „auf den Berg“, berichtet John weiter, die Kolleginnen und Kollegen nicken beifällig. 

Killian Farrell entfaltet einen «Tannhäuser», wie man ihn selten gehört hat © Michael Reichel

Dann endlich ist es so weit: Die Tür zum großen Saal öffnet sich, und mit auf die prachtvolle Ausstattung gehefteten Blicken halten die Gäste Einzug. Einen guten Teil des Raums nimmt das Orchester ein. Die Bühne ist eine eher schmale Konstruktion aus Stufen und Schrägen. Wer nahe der Bühne sitzt, bekommt Oper gleich nicht nur hautnah, sondern mit ungebremster Lautstärke mit. Und weder die Sängerinnen und Sänger noch der Meininger GMD Killian Farrell halten sich zurück. Die Akustik des Raums ist bemerkenswert gut. Killian Farrell entfaltet darin einen «Tannhäuser», wie man ihn selten gehört hat. Schon im Vorspiel wechseln Stimmungen und Farben mit einer Plötzlichkeit, die gut illustriert, wieso Wagner der Welt am Ende den «Tannhäuser» schuldig blieb. Er ist ein früher Geniestreich, noch zwischen alt und neu steckend und noch lang nicht das durchkomponierte Gesamtkunstwerk – aber so, wie auf Wartburg zu erleben, in dieser Perfektion der Unvollkommenheit ein reiner Genuss. 

Dazu nutzt Regisseur Ansgar Haag immer wieder die Räume, die sich ergeben, um die eigentlich halbszenische Aufführung mit Spannung zu aufzuladen. Es schaudert einem schon ein bisschen, wenn plötzlich Frau Venus fast neben einem erscheint oder Elisabeth ihren Gang in die Transzendenz mitten durchs Publikum nimmt oder der mächtige von Roman David Rothenaicher einstudierte Chor von der Empore tönt. Ganz besonders ist die Feinheit der Darstellung. Da der Bühnenraum ja nun mal recht begrenzt und die Nähe zum Publikum ziemlich nah ist, setzt Haag auf Gesten und Blicke, auf Intimität eben. Der Venusberg muss ohne getanztes Bacchanal auskommen. Emma McNairy und Marco Jentzsch brauchen auch keine derartige Untermalung, um zum Ausdruck zu bringen, dass der Mensch von der Göttin vollkommen überfordert ist. Tannhäuser ist es allen Ernsts satt, einem Gott gleich zu sein. Entlässt ihn die stimmgewaltig liebreizende Göttin, kommt er ausgerechnet dann wieder auf den Boden der Tatsachen zurück, als der junge Hirt, Monika Reinhard ganz glockenhell von der Empore herab, den Pilgern seine Seele anempfiehlt. Und: er kommt wieder mitten hinein in die Welt der mittelalterlichen Wartburg, die ihm dereinst zu eng und zu keusch war. Landgraf Hermann von Thüringen, dem Selcuk Hakan Tiraşoğlu seinen satten Bass verleiht, hofft und wünscht, dass Elisabeth sich selbst als Preis dem Sänger, dem schon lang ihr Herz gehört, überreichen möge. 

Jedoch, auch das ist ja so ein Wagner-Ding: Was soll mir Minne, wenn ich Liebe bekommen kann. Als Wagners Alter Ego hält auch der Tannhäuser wenig von physiologischer Theorie. Da können Biterolf Tomasz Wija, Heinrich der Schreiber Tobias Glagau, Reinmar von Zweter Mark Hightower sich lange mühen, kann Garrett Evers als Walther von der Vogelweide noch so gut plädieren, Shin Taniguchi als Wolfram noch so fein parieren. 

Wolfram (Shin Taniguchi) steht mit einer unglaublichen Stimmlichkeit zwischen Minne und Liebe © Michael Reichel

Insgeheim geht es Dara Hobbs‘ Elisabeth nicht anders. Haag lässt sie aufgeregt applaudieren, als Tannhäuser seine Sicht auf die Liebe schildert. Er muss die Lippen an den Bronnen legen. Was scheren ihn Tugend und der ganze überstilisierte Kram. Doch letztlich ist es bekanntermaßen die Tugend, die ihn vor dem Femegericht schützt, dazu bringt, nach Rom zu wallen und um Vergebung für solch böse Lust, wie er sie erfahren, zu bitten. Die Rom-Erzählung wird ein Ausbruch mit Gänsehautmomenten. 

Aber vorher, wenn vor den Fenstern die Sonne orangerot versinkt und den Saal partiell in ein zauberisches Licht taucht, tatsächlich ein heller Himmelskörper mitten im nächt’gen Dämmer aufgeht und das Publikum auf den Stuhlkanten hockt, singt Shin Taniguchi ein Lied an den Abendstern, wie es selten einem Wolfram von Eschenbach gelungen sein dürfte. Nach der Vorstellung wird Taniguchi leichten Fußes den Weg von der Wartburg zum Parkplatz nehmen und mit einer Sprechstimme, die der Singstimme gleich, ins Mark trifft, auf beiläufige Fragen antworten. Wo gibt es sowas? Was für ein Abend! 

Ist man ehrlich, sind die Stimmen durchweg einen Zacken zu groß für den großen Saal, tun gerade Jentzsch und Hobbs sich bei aller „Durchschlagskraft“ mit dem Austarieren der Feinheiten etwas schwer. Aber etwas anderes als ein großes Lob an die Qualität des Meininger Ensembles ist dieses „Manko“ letztlich nicht. Man kann es für kitschig halten, den Sängerkrieg auf Wartburg auf der Wartburg erleben zu wollen – versuchen, an Karten zu kommen, sollte man unbedingt. Den Sängerkrieg auf Wartburg dort oben erleben zu dürfen, ist einfach einmalig.



«Tannhäuser und der Sängerkrieg auf Wartburg» – Richard Wagner
Staatstheater Meiningen · Wartburg / Großer Saal 

Kritik der Vorstellung am 16. Mai
Termine: 23./26./30. September; 11. Oktober