Oper Frankfurt
Kollektive Ängste mit Lynchjustiz
Beklemmend banal: Manuel Schmitt setzt eine Studie über Aggression und blanke Gewalt. Bianca Tognocchi, Cláudia Ribas und Theo Lebow gestalten Rossinis Durchbruchoper «Tancredi» hochklassig
Roland H. Dippel • 08. Juni 2026
Ein widersprüchlicher Abend. Erste Publikumsreaktion war bewunderndes Raunen, als sich ein Statist das T-Shirt vom Oberkörper streift und mit seinem Kompagnon exakt zum Rhythmus der Ouvertüre einen ansehnlichen Boxkampf liefert, bis zum Knockdown präzise auf Schlussakkord. Überraschend war der nur tröpfelnde Szenenapplaus für die exzellenten Gesangsleistungen, dafür wurde das Ensemble nach der Vorstellung fulminant gefeiert, das szenische Team indes weniger. Offensichtlich brachte das Frankfurter Premierenpublikum Rossinis «Tancredi», mit dem der Komponist mit der Uraufführung 1813 ganz neue Maßstäbe für das ernste Musiktheater entwickelte, nicht auf einen Reim zur Bühne. Allzu krass drifteten Bernhard Siegls Dekoration zum Landleben mit archaischem Faustrecht und die originale Setzung aus Voltaires Tragödie im Libretto von Gaetano Rossi auseinander.
Schauplatz ist nicht Syrakus im 11. Jahrhundert, sondern ein Vereinsheim aus Linol und billiger Bausubstanz im Überall und Nirgendwo. So etwas gibt es auch in Südtirol, was die Vereinstafel mit den Worten „Fede ed onore“ (Kameradschaft und Ehre) nahelegt. Mutmaßungen über den historischen Hintergrund laufen ins Leere. Nein, es handelt sich nicht um die Ängste der Tiroler vor der Ansiedlung süditalienischer Zuströme im Alte Adige. Aber man wittert unsichtbare Feinde und fiebert bei Boxkämpfen in kurzer Gemeinschaftsseligkeit, welche die soziale Spaltung vergessen macht. In Stroh vermummte Perchtenfiguren springen herum. Das alles ist vom Regisseur Manuel Schmitt symbolisch gemeint, aber mit Realismus gestaltet: Angegilbte Plastikfenster und hängenden Lichtplanken drinnen, draußen stinken die Gülle aus den Metalltanks und die Böller von den Schießständen. Der Ländler dem Ländler ein Wolf.
Schmitts Regie, Siegls dreckiges Ambiente und Raphaela Roses aussagekräftige Kostüme stürzen sich mit vehementer Inszenierungshäme auf diese abgewrackte Region. Rossinis Chorsätze brauchen „nur“ Männer, was für die Darstellung des toxischen Ungeistes Vorteile bietet. Insgesamt vier Frauen gibt es auf der Bühne – inklusive des mit Mezzosopran besetzten Tancredi, der nach langer Abwesenheit in seine Heimatscholle mit Jauche, Bier und Arbeitsschweiß zurückkehrt. Die Katastrophe kommt in Gang, weil ein Brief Amenaides an den geliebten Tancredi in falsche Hände gerät und falsch verstanden wird. Tancredi erledigt zwar den um des Gemeinschaftsfriedens willen für Amenaide aufgestellten Zweckbräutigam Orbazzano, doch das Missverständnis zwischen ihm und ihr bleibt – bis Tancredis Tod, den Rossini in der zweiten Fassung mit einem revolutionären Ende versah: Als klammes Arioso über samtigen Streichern bringt er den damals noch ungewöhnlichen Bühnentod einer Figur vor die Augen des Publikum. Nach dem Belcanto-Feuerwerk der vorausgehenden 160 Minuten ist dieses Ende desto berührender.
Vor allem die von Manuel Pujol sicher einstudierten Chorherren verdichten ein deutliches Bild der ländlichen Dumpfbacken. Erkauft ist dieses mit allerlei Flachheiten. Nur zwei Beispiele: Tancredi hat im Gymnasiastenalter Leine gezogen und kommt als mit Magenta-Hoodie stigmatisierter Außenseiter zurück. Das Beziehungsgeflecht zwischen ihm und dem Kollektiv bleibt unklar. Schwerer dagegen wiegt: Amenaide stemmt Gläser und verrichtet schwerste Arbeit. Sie wird unterstützt von der sie anhimmelnden Isaura (nächster Rossini-Mezzo ante portas: Ruby Dibble) und der Schankmaid Loredana (unauffällig exzellent: Clara Kim). Dass diese starke Frau mit dünner Kette an ein Heizungsrohr gefesselt wird und sich nicht losreißt, perpetuiert schmiegsame Frauenbilder ins 21. Jahrhundert. Schmitts zwischen realistischem Set und archetypischen Vorurteilen pendelnde Inszenierung gerät zur brüchigen, dabei an vielen Stellen zugegebenermaßen spannend aufgeladenen Dünnbrettbohrerei. „Tannöd“ prallt auf „Jagdszenen aus Niederbayern“, Mitterer und Kroetz erleben ein Revival für die GenZ.
Dazu agiert ein intelligenter Maestro mit Frischzellenkur für Vollblut-Belcanto, Giuliano Carella bestätigt seine Rossini-Kompetenz und -Intelligenz. Er zeigt an «Tancredi» den Anfängergeniestreich, nicht die brillante Vollendung. Mit dem Frankfurter Opern- und Museumsorchester macht er hörbar, was für ein Kreativ-Steinbruch «Tancredi» für Rossini bis «Otello», «La gazza ladra» und «La cenerentola» wurde. Die meisten dieser Titel waren in den letzten Jahren an der Oper Frankfurt zu hören – inklusive «Bianca e Falliero», wo Rossini das «Tancredi»-Beziehungsgeflecht mit glücklichem Ende wiederholte. Bei Gianella ist eine Coda wirklich ein Nachspiel und kein die Arien überrauschender Moment. Er zeigt eher, was Rossini hier in Ansätzen erprobt und später ausbauen wird. Das klingt mehr filigran als virtuos, hat Rundungen und manchmal auch leere Stellen, klingt also souverän, ehrlich und plausibel. Dieser Abend ist extraordinär, weil perfekt gesungen wird und tatsächlich alle Töne kommen. Auch vom Basso cantante Kihwan Sim, der einen klobigen Orbazzano spielt und lieber Gazelle wäre. Theo Lebow ist als Amenaides Vater Argirio bewundernswert konsequent in den weichen Linien seiner langen Koloraturen. Wie sich dieser Mann vom harten Durchgreifen zu leidvollen Vatergefühlen durchwindet, ist die psychologisch stärkste Leistung.
Superb und auf edelstem Niveau die beiden Hauptpartien: Es beeindruckt, wie Bianca Tognocchi jeder von ihr verkörperten Belcanto-Extrempartie individuelles Profil gibt. In dieser ländlichen „roughness“ ist ihr Sopran authentisch und mit hohem Wahrheitsgehalt aristokratisch. Wie meistens bei Rossini sind ihre Vokalläufe zu den Spitzentönen wichtiger als diese selbst. Tognocchis bewegende Gesangsleistung versöhnt mit der unplausiblen Figurenführung. Dieses Problem hatte der seine Emotionen vor allem auf einer Holzbank im Gebüsche hinter einer Neonsäule artikulierende Tancredi nicht. Samt mit einer exquisiten Prise Virilität gehört zu dieser Partie, und Cláudia Ribas bleibt den hohen Erwartungen nichts schuldig. Dass die Regie das Abhängen ländlicher Gebiete und trutzigen Machismo mit unverhohlener Freude geißelt, ergibt spannende Brüche zu Rossinis nobler Musik. Holzwege des konzeptionellen Denkens entwickeln beträchtlichen Unterhaltungswert, welcher der Musik keinen Abbruch tut. Die Oper Frankfurt zeigt drastisch bis deftig, wie urbane Kulturmilieus Stereotypen abschieben, welche sich durchaus ebenso in deren eigenen Aktionsräumen aufstöbern lassen.
«Tancredi» – Gioachino Rossini
Oper Frankfurt · Opernhaus
Kritik der Premiere am 7. Juni 2026
Termine: 11./17./20./22./24./26./28. Juni; 16./23./25./31. Oktober; 5. November