Römerland Carnuntum

Wein, Römer und Haydn

Seit zehn Jahren bringt die Haydnregion Niederösterreich hochklassige Konzerte in eine rurale Gegend zwischen Wien und der Grenze zur Slowakei. Die Bevölkerung nimmt das Angebot dankbar an

Stephan Burianek • 16. Juni 2026

Mozarts «Requiem» in der Pfarrkirche Schwechat © Tobias Müller

Wer ein paar Kilos zu viel hat, der beschließt in diesem Moment vielleicht einen neuen Diätplan. Fünf Personen teilen sich eine Holzbank in der Schwechater Pfarrkirche, das ist durchaus kuschelig, zumal das Gotteshaus an jenem Abend bis auf den letzten Platz gefüllt ist. Die Kleinstadt südlich von Wien, die den Hauptstädtern in der Regel nur wegen des Flughafens Wien-Schwechat ein Begriff ist, bietet im Sommer zwar Nestroy-Stücke unter freiem Himmel, für klassische Musik müssen die Schwechater normalerweise in die Wiener Innenstadt pilgern. Außer an jenem Abend, an dem die Haydnregion Niederösterreich namhafte Gesangssolistinnen und die Beethoven Philharmonie mit ihrem Gründer und Leiter Thomas Rösner für ein gleichermaßen berührendes wie kurzweiliges Konzertprogramm gewonnen hat. Für eine charmante Atmosphäre sorgt zudem die Jungschar der Pfarre, die dem Publikum in einem Nebengebäude gegen freie Spenden Labung verschafft.

Es wäre eine mutige, aber spannende Entscheidung gewesen, Mozarts «Requiem» unmittelbar zu Beginn zu spielen, so wie es das Jahresprogramm der hochklassigen Veranstaltungsreihe angekündigt hatte. Angesichts der täglichen zivilen Kriegsopfer, die seit Jahren in Europa zu beweinen sind, hätte Prokofjews erste Symphonie, seine „Symphonie classique“, anschließend als hoffenden Ausblick auf neues Leben, das auf den traditionellen, humanistischen Werten fußt, interpretiert werden können. Indes startete man, auch nachvollziehbar, mit einem feierlichen «Te Deum», das Joseph Haydn für Kaiserin Maria Theresia geschrieben hatte, und ließ dann die Prokofjew-Symphonie sowie nach der Pause das Mozart-Requiem folgen. 

Auch wenn Prokofiews erste Symphonie gleichsam eine Reverenz an die Mozartära bildet: So wienerisch-klassisch wie bei der Beethoven Philharmonie hört man sie selten, da stört es gar nicht, wenn die Gavotte mit etwas zu großer Strenge gespielt wird. Das Orchester punktet von Beginn an mit einer hohen Transparenz und begeistert insbesondere im schwungvollen Finale – dessen Schnelligkeit, Leichtigkeit und Witz an ein klassisches Haydn-Finale erinnern, hätte Prokofiew es nicht mit mit einer modernen motorischen Energie aufgeladen – mit einer geradezu blühenden Schönheit. Ähnlich hochkarätig klang anschließend Mozarts «Requiem», zumal mit den Solistinnen Rafael Fingerlos, Annely Peebo und Mira Alkhovik bewährte Publikumslieblinge aufgeboten wurden, denen sich Ilker Arcayürek achtbar anschloss.


Vom Dornröschen zur Identifikationsfigur

Die Haydnregion Niederösterreich ist das „Baby“ von Michael Linsbauer © Tobias Müller

Die Konzertreihe Haydnregion Niederösterreich geht in erster Linie auf einen Beamten in der Kulturabteilung des Landes Niederösterreich zurück, der bis heute als ihr Intendant fungiert: „Begonnen hat es an meinem ersten Arbeitstag, im Mai 2010 in St. Pölten, als man mir eröffnet hat, dass ich neben dem Bereich der Musikförderung auch für ein Museum zuständig sei“, erinnert sich Michael Linsbauer. Dieses Museum war das Haydn-Geburtshaus in Rohrau, in der niederösterreichischen Region Carnuntum nahe Hainburg, an der Grenze zur Slowakei und zum Burgenland. Das Geburtshaus war damals ein „komplett verschlafenes Dornröschen“, so Linsbauer, mit einer Dauerausstellung aus den 1950er-Jahren, die kaum besucht und von der Bevölkerung eher als Fremdkörper angesehen wurde. Linsbauer organisierte im Rahmen der damals bereits in ganz Niederösterreich existierenden Serenadenkonzerte erste Veranstaltungen, einmal im schmucken Innenhof, einmal im Inneren, und renovierte das Gebäude, initiierte eine zeitgemäße Dauerausstellung und setzte den Zubau eines kleinen Konzertsaals durch. In der heutigen Form erstrahlt das Haydn-Geburtshaus seit nunmehr zehn Jahren, und die sporadischen Konzerte wurden zu einer veritablen Konzertreihe in Rohrau und Umgebung – der Haydnregion Niederösterreich – ausgeweitet. 

„Wir haben auch ein Abo im Wiener Musikverein, aber für uns sind die Konzerte der Haydnregion besonders bequem, weil wir in der Region wohnen“, sagt der Sitznachbar auf der kuscheligen Schwechater Kirchenbank. Tatsächlich sind die Konzerte zumeist ausverkauft. Auch ein Winzer der Region, Manfred Edelmann, sitzt bei fast jedem Konzert im Publikum, er ist einer von rund drei Dutzend Förderern der Haydnregion: „Ich halte das für wichtig, Haydn gehört zu unserer DNA.“ Neben den alten Römern rund um die archäologische Ausgrabungsstätte Carnuntum und neben dem Wein der Region bilden Joseph und Michael Haydn mittlerweile eine dritte Identitätssäule.

 

Der kunsthistorisch bedeutende Festsaal im Schloss Petronell-Carnuntum war in den vergangenen Jahren ein Aushängeschild der Haydnregion Niederösterreich © Tobias Müller

Kulturhistorisches Juwel

Ein Aushängeschild der Haydnregion Niederösterreich ist neben dem alljährlichen Haydn-Gesangswettbewerb in Rohrau ein Festkonzert im zweifellos schönsten Saal der Region: Das imposante Schloss Petronell-Carnuntum bräuchte dringend eine umfassende Fassadenrenovierung, der vollständig mit illusionistischen Fresken beladene Festsaal ist indes gut erhalten. Es ist ein Jammer, dass solch ein kulturhistorisch bedeutendes Juwel der Öffentlichkeit ansonsten verschlossen bleibt. Es scheint außerdem nicht sicher, dass die Festkonzerte weiterhin dort stattfinden werden können, da es dem Vernehmen nach keine feste Vereinbarung zwischen den Schlossbesitzern und dem Veranstalter, dem Regionalentwicklungsverein Römerland Carnuntum, gibt.

Das diesjährige Festkonzert im Mai war jedenfalls ein großer Erfolg. Auch da eröffnete man mit einem «Te Deum» von Joseph Haydn, allerdings mit einem für seinen Fürsten Nikolaus Esterhazy. Am Pult des Originalklangensembles Barucco stand dessen Gründer Heinz Ferlesch. Gemeinsam mit Solistinnen wie Maria Ladurner und Johannes Bamberger erweckte man Händels «Alexanderfest» aufs Schönste zu Leben, das den Einfluss der Musik auf mächtige Entscheidungsträger zum Thema hat.

Wenn sich eine Türe schließt, dann geht mitunter eine andere auf: Das Konzert in der Schwechater Pfarrkirche hätte ursprünglich in der Kirche von Bruck an der Leitha stattfinden sollen. Doch ein Brand, verursacht im Februar durch einen Obdachlosen, der sich an entzundenen Gebetsbüchern zu wärmen versuchte, machte eine Verlegung notwendig. Auf der Fassade es ehemaligen Schulgebäudes auf dem Areal der Schwechater Pfarrkirche hängt eine Gendenktafel für den Komponisten Joseph von Eybler, einem Zeitgenossen Mozarts und Haydns, der in jenem Haus geboren wurde – und der mit Mozarts «Requiem» in einer wenig bekannten Verbindung steht: Eigentlich hätte er auf anfänglichen Wunsch Constanze Mozarts das «Requiem» fertig komponieren sollen, bevor dieser Auftrag letztlich von Franz Xaver Süßmayr ausgefüllt wurde. Das schreit eigentlich nach einem Auftrag für die Haydnregion Niederösterreich, und tatsächlich überlegt Michael Linsbauer nun, von Eyblers Werke künftig in das eine oder andere Programm einzubauen. Auch für die Wiener gibt es in der Provinz weiterhin Neues zu entdecken.

 

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