Deutsche Oper Berlin

Heitere Dystopie

Martin G. Berger brauchte an Alberts Lortzing reaktivierter Parade-Spieloper «Zar und Zimmermann» nur ein wenig schärfen. Und schon hat man einen giftig-burlesken Crashkurs in Weltpolitik

Roland H. Dippel • 21. Juni 2026

Politik auf dem Holzweg: Patrick Zielke (Bürgermeister van Bett) © Thomas Aurin

Diese Wiedergutmachung am lange kaum präsenten Albert Lortzing wurde unter Jubel und eisernen Buhs gemeistert: Ob nun die Parade-Spieloper durch diese rundum spannende und im Grunde bitterböse Inszenierung wieder den früheren Spitzenplatz im Repertoire erhalten wird, ist fraglich. Bis in die 1980er Jahre war «Zar und Zimmermann» in Deutschland fast immer unter den zwanzig meist gespielten Opern – dann Sense. Nach dem Leipziger Lortzing Festival im Frühjahr 2026 mit Bernd Mottls packender Inszenierung über die entführte Großindustriellen-Tochter «Regina» könnte die schärfende Dialog-Fassung von Martin G. Berger das Interesse allerdings rasant beflügeln. Im 19. Jahrhundert war Lortzings 1837 in Leipzig uraufgeführte Adaption im eigenen Textbuch nur eine von mehreren Vertonung des Stoffes, etwa Grétry, Adam und Donizetti. Lortzings nachhaltiger Spitzentitel hielt sich bis weit in die Nachkriegszeit in Theatern, Wunschkonzerten und TV-Adaptionen. Bergers Sicht auf das Stück vereint deutsch-deutsche Rezeptionsstränge des von Leipzig nach Wien gezogenen Musiktheater-Allrounders: aus dem Westen die geschliffene Ironie wie in der virtuosestem Hochphase von John Dew, aus dem Osten die Nobilitierung Lortzings zum prä-marxistischen Kritiker vormärzlicher Missstände.

Auf alle Fälle profitiert das früher oft beiläufig einstudierte Werk von mit dem Rossini- und Meyerbeer-Boom der letzten dreißig Jahre erworbenen Fertigkeiten: Unter der musikalischen Leitung von Antonello Manacorda präsentiert das Orchester der Deutschen Oper Berlin ein fast neu klingendes Stück mit differenzierten Tempi, Akkuratesse und im Duett Maries mit Peter Iwanow sogar vollmundigen Belcanto-Gestus. Lortzing also nicht als eklektizistisches Chamäleon und Zweitverwerter, sondern als vollwertiger Zeitgenosse des nur vier Jahre älteren Donizetti. Der spielfreudige Chor zieht mit – als Belegschaft eines mit Steuervorteilen straff kalkulierten Großunternehmens der Sport- und Freizeitindustrie. Die knappen Gehälter werden bald nicht mal mehr zum Burger ohne Pommes reichen. Unter Thomas Richter zeigt der Chor trotz solch bitterer Szenarien Spaß und Freude.

Die großzügigen Striche von früher haben noch immer Gültigkeit. Darüber hinaus fehlen in der Bismarckstraße ganze Musiknummern-Teile. Neu sind dagegen die instrumentalen Zusatzstrophen, über denen es in Bergers Dialogen emotional voll zur Sache geht – vor allem zwischen der politischen Aktivistin Marie und dem geflohenen Deserteur Peter Iwanow. Radikal anders als im Finale Lortzings nimmt Zar Peter I. wehmütig Abschied von seinem Incognito-Aufenthalt auf der Browe Werft. Hier dagegen wird der Despot abgeführt und sein sozialistischer Operettenstaat Tschikiristan durch Aufstände vielleicht doch noch zur Demokratie mit Absatzfilialen führender Shopping-Ketten.

Hochzeitsparty – als Betriebsfeier steuerlich voll absetzbar © Thomas Aurin

Vincent Stefans Video zur Ouvertüre macht gleich reinen Tisch über den Mini-Staat zwischen Lettland und Russland, wo die Utopien von morgen schon die Realität von heute sind. Zar Peter und sein Onkel aus der zaristischen Abhöranlage mit dem berüchtigten roten Knopf herrschen über ein Unterdrückungssystem und Kanusport-Paradies. Propaganda und Realität werden hüben und drüben enttarnt – der in Saardam tagende EU-Friedensgipfel wirkt nicht viel besser. Witwe Browe, die westliche Turbokapitalistin, mischt längst auf dem politischen Parkett mit und setzt markige Sprüche wie „Rechte Menschen sind besser als Menschenrechte.“ Nicole Piccolomini macht das mit demagogischer Eleganz. Am Ende weiß echt keiner mehr, ob das sozialistische Lebensmodel einer utopischen Gegenwart vielleicht nicht doch besser ist als die niederländische Lohndumping-Lösung. Dort trägt man Jogging-Uniformen in den Farben Blau und Pink (!). Berger illustriert Herbert Marcuses Axiom der repressiven Toleranz. Da wird Queerness vom achtköpfigen Trupp aus dem Berliner Opernballett als Wohlfühlfreiheit zelebriert, die aus zufriedenem Menschenmaterial noch glücklicheres Arbeitsvieh macht. Berger, seine Bühnenbildnerin Sarah-Katharina Karl und Esther Bialas in den Kostümen reizen die dystopischen Effekte mit lässiger Brillanz um zwei große Metallgerüste aus. Der berühmte Holzschuhtanz (Choreographie: Marie-Christin Zeisset) kommt als Stepptanz-Nummer. Die bühnenhohe Hochzeitstorte verliert mit jedem Akt eine Ebene und wird zum Fanal schleichender Krisen.

Berger steigert all das, was Lortzing an der Zensur vorbei nur andeuten konnte und – zugegebenermaßen vor allem in Westdeutschland – durch vergröbernde Brachialpointen weiterhin verschüttet ging. Aber Berger gibt seinen Figuren auch eine Brüchigkeit, wie sie bei dem früher oft ins Polterbass-Fach abgedrängten Bürgermeister van Bett lange Zeit nicht üblich waren. Bei Patrick Zielke scheinen in dieser Paradepartie frühere Ideale durch joviales Auftreten aufzuleben und machen Korruption geschmeidig. Coup bei der Premiere: Weil gleich zwei Besetzungen des Zaren krank wurden und eine Blitzeinstudierung aufgrund der herausfordernden Neufassung nicht machbar war, stürzte Berger sich selbst als Zar und Wirtschaftsspion ins Geschehen. Dazu sang Daniel Schmutzhard das Lied vom Spiel „mit Zepter, Krone und Schwert“ aus der slawischen Abhörzentrale. Bei Zielke und vor allem Nadja Mchantaf zeigt sich die brillant aufgehende Besetzungsambition an den früher meist mit jungen Anfängern oder erfahrenen Routiniers besetzten Partien. Mchantaf wertet die dem heute fast ausgestorbenen Fach der Soubrette zugeschlagene Partie mit dunklen, fast dramatischen Tönen auf, spielerisch-tänzerisch sowieso. Die Polit-Aktivistin Marie bohrt Ministerpräsidenten an und setzt neben ihrer strategischen Intelligenz schon mal persönliche Reize ein – nicht erotisch, versteht sich.

Edel-Propagandistin mit migrantischem „Problemfreund“:  Nadja Mchantaf (Marie) © Thomas Aurin

Superrealistisches Musiktheater ist das alles und – minimales Regie-Handicap – entwertet damit leider die Figur Peter Iwanow, einen der gefühlt 500 aus Tschikiristan geflüchteten Peter auf der Browe Werft. Deshalb ist die Besetzung mit Philipp Kapeller die vielleicht einzige Schwäche in Bergers Inszenierung. Kapeller singt engagiert, aber nicht betörend. Damit verliert die Partie viel von Lortzings komponierten Sympathiepotenzial. Produktspionage, Opposition, Kämpfe für eine bessere Welt und die Manipulation der Massen – all das steckt in dieser mit leichter Hand gewirkten Inszenierung. Kieran Carrel gestaltet das Lied des französischen Gesandten Marquis von Chateauneuf erfreulich rund und hat wie die anderen Gesandten ein leicht nerdiges Auftreten. Jared Werlein kommt als Russe Lefort ins Stück wie Pontius Pilatus ins Credo. Padraic Rowan ermöglicht als korrupter Lord Syndham das Hochfackeln des tschikiristanischen Frühlings. Biedermeier-Herzlichkeit also Ade! «Zar und Zimmermann» hat Zündstoffpotenzial für starke Regie-Setzungen. Die Buntheit wird bei der Premiere, welcher nach dem Dank an den nach 20 Jahren scheidenden Operndirektor Christoph Seuferle eine weitere, noch größere Standing ovation entgegenflutete, auch ätzend. Hinter der Cash-Groteske, den Ängsten vor Bot-Armeen, Maries Polit-Partisanentum und Queerness als Plusbilanz geht es um menschliche Reibungspunkte und Leid, selbst wenn Bürgermeister van Bett seine Abführung erstaunlich gelassen nimmt. Das alles kommt noch burlesker, weil Berger mit dem Zarenonkel Raul (Fabian Gerhardt) und einem Geheimdienstmitarbeiter (Katharina Brehl) zwei pointen- und waffensichere Figuren erfand, welche die heitere Dystopie gewitzt aufpolstern. 


«Zar und Zimmermann» – Albert Lortzing
Deutsche Oper Berlin

Kritik der Premiere am 20. Juni 2026
Termine: 25./27. Juni; 2./9./11. Juli