Accademia Musicale Chigiana

Dunkles Wühlen und menschliche Konfrontation

Mit 42 Werken ist „Hans Werner Henze 100“ ein starker Akzent beim Festival Chigiana und lockt Henze-Anhänger aus Europa nach Siena

Roland H. Dippel • 10. Juli 2026


OPERN∙NEWS stellt diesen Beitrag kostenlos zur Verfügung.
Unterstützen Sie unsere journalistische Arbeit mit einem Förderabo!


 

Hans Werner Henze: Requiem in Sant'Agostino: Michael Kerstan (Hans Werner Henze-Stiftung), Nicola Sani (Künstlerische Leitung) © Accademia Musicale Chigiana

„Hier kann ich endlich atmen.“ schrieb Hans Werner Henze in einem Brief an die eine Woche vor ihm geborene Ingeborg Bachmann. Beider Centenar-Geburtstage folgten am 25. Juni bzw. am 1. Juli aufeinander. Am zweiten Abend des International Festival & Summer Academy Chigiana 2026 erinnerte man sich daran. Im Innenhof des Palazzo Chigi Saracini rezitierten Guido Barbieri und Astra Lanz aus dem Briefwechsel des Deutschland-Flüchtigen Henze und seiner „Lebensfreundin“. Beide – die Dichterin aus Kärnten und den Komponist aus Westfalen – verband mehr als eine innig plakative Liebe zu Italien und den dort empfundenen, in ihren Heimaten so vermissten Freiheitsschub. Die Gitarristinnen Silvia Tosi und Veronica Barsotti sekundierten mit «Minette. Canti e rimpianti amorosi per due chitarre» (Minette. Lieder und Liebesklagen). Jürgen Rucks Arrangement greift Motive von Henzes Oper «Die englische Katze» auf. Die Katze Minette wird da von ihren Artgenossen ertränkt – ihr Verehrer Tom, ein Flamboyant auf den Dächern Londons, überlebt.

Aufschlussreich war dieser Abend unter dem diesjährigen Chigiana-Motto „Isole“ (Inseln) und dem Henze-Parcours unbedingt. In dem vom künstlerischen Leiter, dem Komponisten Nicola Sani, mit einer Vielzahl von kommunalen, übergeordneten und privaten Geldgebern stabilisierten Academia Musicale Chigiana zeigt sich die Universalität des im Oktober 2012 verstorbene Jahrhundert-Zeitzeugen Henze. Das Gitarren-Duo machte aus der Opern-Suite im Hof des Akademie-Zentralstandortes fast zur Serenade – aus deutscher „Klischee-Perspektive“ betrachtet mit „mediterraner Schwerelosigkeit“. In italienischer Übersetzung wirkte der Dialog wie das niveauvolle Libretto zu einer Commedia lirica mit Italien-Fantasien aus der Nierentisch-Zeit der Nordalpen. In den heiter-ironischen Dialogen Henzes und der Dichterin seiner Kleist-Oper «Der Prinz von Homburg» und Bürger-Satire «Der junge Lord» ging es neben Kultur und Liebe auch um einen Selbstmordversuch Bachmanns und Henzes stetige Frustration durch die Stigmatisierung als Homosexueller. Das verlor sich in der von den nicht-italienischen Anwesenden als fast burleske Leichtfertigkeit verstandenen Rezitation.

Hans Werner Henze: Requiem in Sant'Agostino: Kai Röhrig (Dirigent), Emanuele Arciuli (Klavier), Jeroen Berwaerts (Trompete) © Accademia Musicale Chigiana

Diese war nur ein Beitrag von insgesamt 42 Kompositionen Henzes in über 100 Akademie-Veranstaltungen mit 800 Mitwirkenden an 48 Orten in Siena und der Toskana. Chigiana ist in erster Linie ein Festival für Kammermusik und kleinere Musikformen, während in Deutschland das Henze-Jubiläum vor allem von größeren Orchestern und Konzerthäusern – leider von den Musiktheatern zu wenig – gefeiert wird. Hier zeigt man die Vielschichtigkeit einer Persönlichkeit, deren Facetten sich leichter aufzählen als durchdringen lassen. Sani brennt für dieses Projekt. Er, der mit Henze zum dessen 70. Geburtstag 1996 für die kommunistische Tageszeitung „L'Unità“ ein Interview führte, verfasste die meisten Programmheft-Beträge zum Schwerpunkt „Hans Werner Henze 100“ und den mit Rahmenprogrammen reichlich erweiterten Parcours durch das fast unübersichtlich umfangreiche Gesamtwerk. Der Bogen reicht von der Instrumentation der Wesendonck-Lieder des Wagner-Verächters Henze bis zur Genet-Adaption «Le Miracle de la rose». Insbesondere der „Instrumental-Dramatiker“ Henze mit seinen Beiträgen zu einem wort- und textlosen Konzerttheater wird zum Schwerpunkt. Zum Eröffnungskonzert in der Kirche Sant'Agostino kamen viele Besucher von auswärts, auch viele künstlerische Wegbegleitenden Henzes wie Michael Kerstan, Leiter der Hans Werner Henze-Stiftung und letzter Lebensgefährte des „Maestro“. Deutlich spürbar sitzt Henze hier nicht im Avantgarde-Glashaus, der Beifall wirkte bei allen Henze-Beiträgen mehr herzlich als respektvoll.

Henzes mit 75 Minuten groß dimensioniertes «Requiem» entstand Anfang der 1990er Jahre zum Gedenken an Michael Vyner, den Leiter von London Sinfonietta. Anstelle der Vokalsoli und des Chors gibt es darin Soloparts für Trompete, Klavier und Schlagzeug-Trio. Die Komposition eines Satzes für ein Vyner gewidmetes Gedenkkonzert mit Uraufführungen weiterer namhafter Komponisten und das erst danach enstandene „dramatische Programm“ legen den Vergleich mit Entstehung und Struktur der «Messa da requiem» von Verdi nahe. Gewiss erkennt ein kundiges italienisches Publikum diese Analogie besser als das anderer Aufführungsorte. Das in seinen Anfangsjahren von Luciano Berio geleitete Orchestra della Toscana setzte unter dem Henze-erfahrenen Kai Röhrig mit den Solisten ein Glanzlicht. Die das instrumentale Strahlen wie klangliche Dichte ermöglichende Akustik von Sant'Agostino wurde zur Voraussetzung für emotionale Überwältigung. Jeroen Berwaerts glänzte in dem intensiven Trompetenpart, Emanuele Arciuli bewegte sich am Flügel zwischen intensiver Verdeckung durch das Orchester und grellen Solo-Schüben. Das 2015 gegründete Chigiana Percussion Ensemble mit Vittoria Di Grazia, Angelo Maggi und Davide Traina setzte eine dunkle und anerkennenswert zurückhaltende Wiedergabe.

Hans Werner Henze: Requiem in Sant'Agostino Siena © Accademia Musicale Chigiana

Henzes zwischen emotionaler Geste und raumgreifenden Trauerwogen pulsierendes Opus nimmt vom ersten bis zum letzten Takt gefangen. Faszinierend gelang es, den Schwingungsreichtum des vielstimmigen Instrumentalsatzes nachzuvollziehen. Man könnte die inspiratorische Dichte als Rauschen wahrnehmen und goutieren. Die Interpretation des Orchestra della Toscana ermöglichte weitaus mehr: Dieses Rauschen weitete sich unter einheitlichem Puls zu einem tausendstimmigen Leben. Dieses bewegt sich trotz Leid und Erschütterung weiter, ohne schmerzhafte Verluste vergessen zu machen – als Trost-Musik ohne Texte und damit ohne dogmatisch-religiösen Überbau. Dafür war die teils unter Gerüst stehende Kirche Sant'Agostino der angemessene Aufführungsort. Auch war zu hören, dass Henze musikalischer Neudenker war und dennoch in Bezug zur Vergangenheit, vor allem zu Mahler, stand. Mit einem pauschalen Versprechen auf Besseres hat dieses Hauptwerk wenig zu tun – dafür mit der Anstrengung, durch welche Trauerarbeit für ein essenzielles Erinnerung ohne Vergessen aufwühlt. Nach diesem Schwergewicht zum Start konnte sich das Festival-Motto „Inseln“ mit wissender Leichtigkeit anderen Aspekten der vielschichtigen Persönlichkeit Henzes öffnen: dem Kommunisten, dem Pädagogen, dem Lehrer und dem Hedonisten mit der Scheu vor dem „Unreinen“.

 

«Requiem» & «Minette. Canti e rimpianti amorosi per due chitarre» · Hans Werner Henze 
Chigiana Festival (Accademia Musicale Chigiana), Siena

Kritik vom 7. und 8. Juli 2026

International Festival & Summer Academy 2026 bis 1. September 2026 
https://www.chigiana.org/isole/