Oper Klosterneuburg
Eine haarige Angelegenheit
Im Kaiserhof des Stifts Klosterneuburg entfaltet sich Saint-Saëns' «Samson und Dalila» erst allmählich. Erstmals sing Margarita Gritskova die Dalila, Kristian Benedikt gestaltet den biblischen Helden kraftvoll
Stephan Burianek • 12. Juli 2026
Mit einem Augenzwinkern signalisiert der Propst des Stiftes Klosterneuburg, Anton Höslinger, in seinen launigen Begrüßungsworten die Zustimmung des Konvents zur diesjährigen Aufführungsserie von Camille Saint-Saëns' «Samson und Dalila» im Kaiserhof. Dabei verweist er auf eine bemerkenswerte Verbindung zwischen dem Stift und dem biblischen Stoff der Oper: Auf einer Szene des berühmten Verduner Altars in der Leopoldskapelle des Stiftskirche ist die Beschneidung Samsons dargestellt. Umso größer sei die Freude über die Opernauswahl von Intendant Peter Edelmann gewesen. Eine durchaus mutige Entscheidung, denn der zeitlose Konflikt zwischen einem unterdrückten Volk und seinen gnadenlosen Besatzern besitzt nach wie vor gesellschaftspolitische Brisanz und reicht weit über das übliche Sommertheater-Angebot hinaus. Zudem ist diese französische Oper alles andere als eine Aneinanderreihung eingängiger Gassenhauer.
Auf dem steil ansteigenden Bühnenaufbau türmen sich Marmorquader, die von den leidgeprüften Hebräern geschleppt, gezerrt und gestemmt werden. Samson, mit übermenschlichen Kräften ausgestattet, versucht seinem Volk Mut zu machen. Dem charismatischen Anführer könnte der Aufstand gegen die Philister gelingen, stünde ihm die Liebe nicht im Weg. Genau diese Schwäche machen sich seine Gegner zunutze und stiften die schöne Dalila zum Verrat an. Tatsächlich entlockt sie Samson das Geheimnis seiner Stärke: Mit dem Verlust seines Haares schwindet auch seine Kraft. Dalila gelingt es, ihm die Haare abzuschneiden. Geblendet und gedemütigt muss Samson den Triumph der Philister miterleben. Ein letztes Mal fleht er um göttlichen Beistand und bringt schließlich die Säulen des Tempels zum Einsturz. Die Trümmer begraben nicht nur die Sieger unter sich, sondern auch Dalila und Samson.
Ein packendes Thema – doch die Oper kommt zunächst nur schwer in Schwung. Camille Saint-Saëns schuf mit «Samson und Dalila» eine Komposition, die als einzige seiner 13 Opern dauerhaft den Weg auf die internationalen Bühnen gefunden hat. Das Werk verbindet Elemente des Oratoriums mit der französischen Grand opéra. Ähnlich wie bei Richard Wagner sind den Hauptfiguren Leitmotive zugeordnet: Die Hebräer beklagen ihr Leid in feierlichen Chorszenen, Dalilas Auftritte sind von weichen, sinnlichen Melodien geprägt und gipfeln in der berühmten Arie „Mon cœur s'ouvre à ta voix“, während Samson mit heroischen Klangfarben gezeichnet wird.
Das Ensemble Neue Streicher (ENS), neuerdings das Orchester der Oper Klosterneuburg, setzt unter der Leitung von Thomas Rösner die anspruchsvolle Partitur mit großer Sorgfalt, aber auch größter Langsamkeit um, lässt sie förmlich durch den sommerlich warmen Kaiserhof schweben. Saint-Saëns' Musik zieht sich aber über weite Strecken etwas in die Länge. Erst im zweiten Teil gewinnt die Aufführung spürbar an Dynamik. Videos und Farbprojektionen lockern die insgesamt recht statische, schnörkellose und unpolitische Inszenierung von Mario Pavle del Monaco auf, und auch die für die französische Oper typische Tanzeinlage der Masterclass der Dancefactory Klosterneuburg bringt zusätzliche Bewegung auf die Bühne. Eindrucksvoll stürzen schließlich die mühsam aufgetürmten Steinquader unter Samsons wiedergewonnener Kraft in sich zusammen.
Mezzosopranistin Margarita Gritskova ist auf der Sommerbühne in Klosterneuburg ein gern gesehener Gast. Nicht nur ihr spektakuläres Kostüm von Anna-Sophie Lienbacher zieht die Blicke auf sich, mit ihrem satt-dunklen Timbre verleiht sie Dalila – es ist ihr Rollendebüt – eine faszinierende Mischung aus Sinnlichkeit und Berechnung. Mühelos gelingen ihr sowohl die tiefen Lagen als auch die Spitzentöne. Kristian Benedikt setzt als Samson überzeugende Glanzpunkte. Seine Erfahrung mit dieser Partie ist ihm anzumerken, hat der Litauer diese Rolle doch bereits an zahlreichen Bühnen gesungen. Er gestaltet den biblischen Helden mit viel Kraft, was seinem Heldentenor entgegenkommt. Die stärksten Szenen haben die beiden Hauptdarsteller im Duett. Bei Benedikt verschwindet mit den lyrischen Stellen der metallische Klang, der sich gelegentlich bemerkbar macht, und Gritskova steckt dann alle Dramatik zurück und verleiht ihrer Stimme spürbare Wärme. Auch die übrigen Partien sind solide besetzt, während Chor und Chorakademie Klosterneuburg mit großem Engagement überzeugen. Das Publikum bedankt sich mit herzlichem und anhaltendem Applaus.
«Samson et Dalila» (Samson und Dalila) – Camille Saint-Saëns
Oper Klosterneuburg · Stift Klosterneuburg / Kaiserhof
Kritik der Premiere am 9. Juli
Termine: 14./17./19./21./23./25./28. Juli; 1. August