Accademia Musicale Chigiana

Biographische Gleichungen – aber welche?

Das Chigiana Festival in Siena setzt seinen hochkarätigen Fokus Hans Werner Henze 100 fort. Passend dazu ein neues Opus von Philipp Maintz nach einem Gedicht von Ingeborg Bachmann

Roland H. Dippel • 15. Juli 2026


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Philipp Maintz / Ingeborg Bachmann: «jag die hunde zurück!» – Sechs Schlagwerk-Positionen in der Kirche Sanctissima Annunziata © Accademia Musicale Chigiana © Accademia Musicale Chigiana

Wie relevant sind Hans Werner Henzes Gedankenkreise über das „Unreine“ und das „Pasolinihafte“ zum Verständnis seiner Kompositionen? Mit der Frage nach der „Musica Impura“, seiner befleckten Musik, hatte die Musikwissenschaftlerin Susanna Pasticci die Lounge zum Fokus Hans Werner Henze 100 im Palazzo Chigi Saracini beendet. Auffallend ist in den 42 Henze Konzertetappen beim diesjährigen Chigiana Festival, dass dieser Aspekt eine wesenhafte, aber kaum erläuterte Rolle spielt. Bei einer Vorführung des Dokumentarfilms „Hans Werner Henze: La Musica, l'Amicizia, il Gioco“ (Die Musik, die Freundschaft, der Humor) in Anwesenheit der Filmautorin Nina di Majo und des kurz vor Henzes Tod entstandenem Filmdialogs „Hans Werner Henze tra Italia, Germania e Inghilterra“ (Henze zwischen Italien, Deutschland und Großbritannien) von Gastón Fournier-Facio ergibt sich allerdings eine andere wichtige Henze-Gleichung: „Antifaschismus + Kommunismus = Deutsche Italien-Sehnsucht“.

Natürlich bestehen diese beiden Summanden bei Hans Werner Henze 100 aus weiteren Subsummanden, zum Beispiel „Ingeborg Bachmann + Hans Werner Henze = Lebensfreundschaft“ oder „Poesie + Pasolinihaftes = Kompositorische Kreativität“. Diese bereits zu Henzes Lebzeiten erörterten Basisaspekte über den Komponisten stimmen gewiss. Und sie zeigen dennoch große Lücken, weil die komplexe Person Henze sich nur zum Teil mit diesen Feuilleton-Etiketten verstehen lässt – so zu erleben in der ersten Woche des Chigiana Festivals bei nahezu idealer Übereinkunft zwischen Publikum und Inhalt.

Bei der Accademia Chigiana gehört Exzellenz-Niveau zum Standard und bildet eine Kette nicht abreißender Höhepunkte. Innerhalb von nur zwei Tagen kann man dort im Palazzo Chigi Saracini Orgel-Improvisationen mit dem Postgraduierten-Kurs von Thierry Escaich, dem Organisten der Cathédrale Notre-Dame Paris, hören. Oder der weltweit geschätzte Coro della Cattedrale di Siena „Guido Chigi Saracini“ gestaltet mit seinem Leiter Lorenzo Donati ohne Ankündigung eine musikalische Einlage. Oder es erklingen wie im Konzert des Dirigierkurses von Daniele Gatti und Luciano Acocella mit dem Orchestra Fondazione Luciano Pavarotti Richard Wagners «Wesendonck-Lieder» in einer Instrumentation von Henze, der den respektvoll abgelehnten Wagner einmal als „abstoßend heterosexuell“ tituliert hatte.

Philipp Maintz / Ingeborg Bachmann: «jag die hunde zurück!» – Dirigent und Chorleiter Lorenzo Donati in der Kirche Sanctissima Annunziata © Accademia Musicale Chigiana

Das Erstaunliche dabei: Das Publikum würdigt Schönes, Sprödes und Bipolares mit ebenbürtig kenntnisreicher Aufgeschlossenheit und langem Applaus. Dabei steckt in der Programmgestaltung des künstlerischen Direktors Nicola Sani die ehrliche und dabei „unreine“ Mixtur von Schönheit, intelligenter Wachheit und subversiver Aussage, wie sie dem überhaupt nicht glattem Werkkosmos Henzes gebührt. Unter dem Modul „Opera e Teatro musicale“ gelangten am 9. Juli in Koproduktion mit dem von Henze gegründeten Cantiere Internazionale d'Arte di Montepulciano zwei sich überraschend ergänzende Werke zur Aufführung: Henzes «Cantata della fiaba estrema» auf ein Gedicht von Elsa Morante und das Konzerttheater „Le miracle de la rose“ nach dem Roman von Jean Genet über dessen rohen und rüden Grenzerfahrungen als Homosexueller im Strafvollzug. Die «Cantata» ist ein später Höhepunkt aus Henzes italienischen Werkgruppen. Die apart weiche Instrumentation mit Gitarre und melodischem Schlagwerk malt ein „Italien 2.0“ mit Spurenelementen der klassisch-romantischen Italien-Sehnsucht Deutschlands.

Maria Eleonora Caminada legt in die sanften Höhentorpedos sogar wissende Weichheit und braucht sich neben den legendären Ur-Interpretinnen Ingeborg Hallstein und Edda Moser nicht zu verstecken. Morantes Verse lassen offen, wer da mit welcher Präferenz liebt. Wie zu Henzes «Requiem» ist die Akustik der Chiesa di Sant'Agostino ideal für die schillernd polyamoröse und dabei platonisch reine «Cantata» mit den Widmung „Solo qui ama conosce“ (Nur wer liebt, versteht) an Maja und Paul Sacher. In „Le miracle“ durchsetzte der Klarinettist Alessandro Carbonare den Raum mit samten aggressiven und kraftvoll penetrierenden Furchen. Der Dirigent Andrea Molino begab sich mit dem Ensemble degli Intrigati, Chigiana Chamber Ensemble, dem Coro della Cattedrale di Siena „Guido Chigi Saracini" und dem Schlagzeuger Salvatore Mario Marino in die abgründige Instrumentation, mit der Henze eine erklärtermaßen voyeuristische Position komponierte und diese dem Publikum aufdrückt. Reinheit und Befleckung, psychische Harmonie und physischer Druck also ineinander verschweißt. Auch da folgten Ovationen.

Der Künstlerische Direktor Nicola Sani und der Komponist Philipp Maintz in der Kirche Sanctissima Annunziata © Accademia Musicale Chigiana

Sani denkt auch an Kolleg:innen, welche wie er selbst zur Kinder- und Enkelgeneration Henzes gehören. Anstelle der naheliegenden «Nachtstücke und Arien» nach Ingeborg Bachmann, bei denen es in Donaueschingen zum Skandal kam, gab es am 12. Juli in der Chiesa Santissima Annunziata zu Henzes «Minotaurus Blues» und seinen von Bachmann inspirierten «Canzoni da un’isola» eine faszinierende Alternative: Das in Köln am 20. Januar 2025 uraufgeführte und von Wien Modern am 29. November 2025 übernommene Opus «jag die hunde zurück!» nach Bachmanns „Die gestundete Zeit“ aus ihrem ersten Gedichtband (1953). Philipp Maintz schuf ein 30-Minuten-Inferno mit sechs Sopranen in gleißender Expression aus dem Coro della Cattedrala „Guido Chigi Saracini” und sechs Schlagzeuger:innen des Chigiana Percussion Ensemble. Rasante Klanggewitter und verführerische Blitzketten ballen sich. Lorenzo Donati kennt die Akustik des Ortes und das Konditionspotenzial der Stimmen genau. Das mit mediterranen Assoziationen durchwirkte Gedicht Bachmanns besteht für Donati aus weitaus mehr als Attacken und zweifelnder Aggression. Die Soprane schlagen mit ihren Stimmen, die Schlaginstrumente singen.

Dem aus Aachen stammenden Maintz holte seine Sehnsucht nach dieser Bachmann-Vertonung über zwanzig Jahre nach der ersten Idee ein. In Bachmanns Versen geht es auch um Liebeskrieg und die den Versen eingebrannte Angst vor Sicherheitsverlust. Es fällt nicht schwer, in Maintz' Komposition die Widerparts eines männlichen und fraulichen Prinzips zu erkennen. Am Ende reißt der Schlagwerk-Tsunami die Sopran-Spitzentöne nieder und begräbt sie. Maintz' Tonsprache ist in diesem Opus durch die Besetzung eher normativ als Henzes fluoreszierende Polarität zwischen «Cantata» und «Le miracle». Aber das bemerkt man nur in einem durchdachten Festival wie diesem.

Hier wird der Henze'sche Pluralismus deutlich, weil für seine Hybridwerke zwischen den Gattungen alle Besetzungen und Mittel möglich sind. Die imposante Retrospektive Hans Werner Henze 100 beinhaltet am 26. August auch den in der ARD Mediathek abrufbaren Film „Komponist, Kommunist, Dandy“ von Philipp Quiring und Holger Preuße. Das Sommerfestival 2027 der Accademia Chigiana widmet Nicola Sani dem 80. Geburtstag des Komponisten Salvatore Sciarrino.             


«Cantata della fiaba estrema» & „Le miracle de la rose“  Hans Werner Henze
Chigiana Festival (Accademia Musicale Chigiana) · Chiesa di Sant'Agostino, Siena

«jag die hunde zurück!»  Philipp Maintz
Chigiana Festival (Accademia Musicale Chigiana) · Chiesa della Santissima Annunziata | Santa Maria della Scala, Siena

Kritik der Aufführungen vom 9. und 12. Juli 2026

International Festival & Summer Academy 2026 bis 1. September 2026 
https://www.chigiana.org/isole/

 

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