Ketevan Sepashvili
„Wir hatten auf zwei oder drei Bewerbungen gehofft“
Die in Wien lebende Pianistin und Gründerin des Kammermusik-Festivals Manufaktur der Künste möchte dem Publikum die Angst vor neuen Musikwerken nehmen
Stephan Burianek • 24. August 2026
Im vergangenen Jahr hast Du die Manufaktur der Künste gegründet – ein Kammermusikfestival, das sowohl von den Medien als auch vom Publikum gefeiert wurde und das vom 4. bis 10. September zum zweiten Mal über die Bühne gehen wird. Was bleibt bestehen, und was ist in diesem Jahr neu?
Ganz allgemein gesprochen bleibt die grundsätzliche Idee, die Musik mit anderen Künsten wie Architektur und Modedesign zusammenzuführen. Auch in diesem Jahr ist die Designerin Susanne Bisovsky mit an Bord, deren Kreationen im Veranstaltungsraum der historischen Zacherlfabrik in Wien-Döbling ausgestellt sein werden. Was ebenfalls bleibt: Wir bringen alte und neue Musik zusammen, und es wird wieder Uraufführungen geben. Neu ist, dass wir ein neues Werk über einen Wettbewerb gefunden haben.
Wie wurde dieser Wettbewerb ausgeschrieben?
Wir haben einfach einen „Call for Score“ auf unsere Homepage gestellt und auf drei oder vier Bewerbungen gehofft. Wir waren ganz spezifisch auf der Suche nach einem Werk für unser Trio Revolution, das aus Temo Kharshiladze an der Flöte, Sandro Sidamonidze am Cello und mir am Klavier besteht. Das sprach sich offenbar irgendwie herum, denn es gab letztlich 26 Einreichungen, von denen nur eine die grundsätzlichen Anforderungen nicht erfüllte. Die Partituren erreichten uns nicht nur aus mehreren europäischen Ländern, sondern weltweit, sogar aus Australien. Die vier Finalisten kamen aus Deutschland, Portugal, Georgien und Italien. Am Ende hat dann ziemlich klar eine Komposition von Michele Allegro gewonnen, die den Titel „Pulse“ trägt und im Rahmen des Eröffnungskonzerts am 4. September uraufgeführt werden wird.
Wie seid Ihr bei der Auswahl bzw. Beurteilung vorgegangen?
Die Jury bestand aus unserem Trio Revolution, aber wir haben uns strikte Regeln auferlegt. Temo hat die Werke mittels Nummern anonymisiert, und jeder von uns hat die Werke unabhängig voneinander gehört – die Komponisten hatten uns MIDI-Dateien geschickt, die zwar von Computer abgespielt werden, uns bei der Auswahl aber geholfen haben. Weil Sandro in New York lebt, wurde dann im Rahmen eines gemeinsamen Video-Calls bei jedem Werk über ein eigens programmiertes System zeitgleich abgestimmt. Die vier Kompositionen mit den höchsten Punkten kamen ins Finale.
Was zeichnete „Pulse“ von Michele Allegro gegenüber den anderen Einreichungen besonders aus?
Es ist ein maßgeschneidertes Werk für unser Trio, was wir beim Spielen sofort spüren. Später erzählte uns der Komponist, dass er sich sehr genau mit unseren Aufnahmen beschäftigt hat und etwas schreiben wollte, das unserem Spiel entspricht. Das ist ihm ausgezeichnet gelungen: „Pulse“ ist temperamentvoll, energisch, rhythmisch anspruchsvoll und dynamisch. Es besteht ganz klassisch aus drei sehr kurzweiligen Sätzen, dauert etwa 17 Minuten, und es gibt viele Jazz-Elemente.
Die Neue Musik gibt es in vielen Ausprägungen: tonal oder atonal, klassisch oder experimentell, natürlicher Klang oder mit Elektronik. Welche Richtung(en) erwartet das Publikum bei der Manufaktur der Künste?
Zeitgenössische Musik bedeutet bei uns nicht komplett atonal oder elektronisch oder mit schrägen Klängen aus präparierten Instrumenten, sondern unglaublich toll komponierte Werke, die zwar der Gegenwart entspringen, zu denen man aber leicht einen Zugang findet. Wir wollen damit dem Publikum vermitteln, dass nicht alles, was neu komponiert ist, schwer zugänglich ist.
Im vergangenen Jahr gab es die Uraufführung des Trios „Little Prince“ von George Oakley, das er extra für Euer Trio Revolution komponiert hat und das auf Youtube nachgehört werden kann. In diesem Jahr steht wieder eine Oakley-Uraufführung auf dem Programm, nämlich ein Quintett namens „Shining“ – was kann man sich darunter vorstellen?
Für „Shining“ hat sich George vom gleichnamigen Film von Stanley Kubrick und mit Jack Nicholson aus dem Jahr 1980 inspirieren lassen. George ist ein sehr belesener, gebildeter Mensch, und er hat sich vor allem aus einem philosophischen Interesse heraus sehr lange mit dem Film beschäftigt und mehrere Aspekte seiner Analyse in die Musik einfließen lassen. Entstanden ist ein Quintett in einem Satz mit unglaublich spannender Musik mit viel Emotion und einer Fuge am Schluss, zugleich beinhaltet es viele rhythmische Herausforderungen. Für uns ist das natürlich etwas ganz Spezielles, zumal man die Kombination aus Klavier, Flöte, Cello – unser Trio Revolution – plus Violine und Klarinette nicht oft hört.
Auch ein Werk von Lowell Liebermann ist in diesem Jahr wieder zu hören.
Mit Lowell pflegen wir eine sehr enge, freundschaftliche Beziehung. Als wir im vergangenen Jahr im Oktober in den USA getourt sind, haben wir ihn auf ein Glas Wein getroffen und über die zeitgenössische Musik gesprochen. Ich meinte, es sei schade, dass er nichts für zwei Klaviere und Schlagzeug geschrieben hat, da ich damals auf der Suche nach einem solchen Werk war. Er hat uns daraufhin mit Nachdruck die Sonate seines ehemaligen Schülers Jorge Tabarés empfohlen. Ich kenne ihn mittlerweile gut genug, um zu wissen, dass er nie etwas empfehlen würde, von dem er künstlerisch nicht voll und ganz überzeugt ist, und tatsächlich überstieg diese großartige Sonate, die wir als österreichische Erstaufführung präsentieren werden, unsere Erwartungen. Jorge Tabarés wird bei dem Konzert persönlich anwesend sein, auch Michele Allegro und George Oakley werden nach Wien reisen.
Alle drei Mitglieder des Trios Revolution stammen aus Georgien, auch weitere Landsleute treten im Rahmen der Manufaktur der Künste auf.
Sowohl die türkisch-georgische Geigerin Veriko Tchumburidze als auch meine Klavierduo-Partnerin Tamara Chitadze sind in diesem Jahr wieder dabei. Außerdem wird es auch in diesem Jahr wieder ein Konzert mit einer Pianistin und einem Pianisten der Sakaria-Paliaschwili-Musikschule in Tiflis geben, aus der große Namen wie Elisabeth Leonskaja, Lisa Batiashvili oder Khatia Buniatishvili hervorgingen. Um die Schülerinnen und Schüler dieser Musikschule zu fördern, habe ich schon in früheren Jahren Konzerte organisiert. Nun gibt es in jeder Ausgabe der Manufaktur der Künste ein Konzert unter dem Titel „Matinée der Zukunft“.
Woher kommt die georgische Tradition in der klassischen Musik?
Nach der berühmten Wiener Klavierschule von Theodor Leschetizky, der später gemeinsam mit Anton Rubinstein das berühmte Musikkonservatorium in St. Petersburg begründet hat, schuf man in mehreren Städten der Sowjetunion Musikschulen für hochbegabte Kinder, darunter eben vor über 90 Jahren die heutige Zentrale Sakaria-Paliaschwili-Musikschule in Tiflis. Mit fünf oder sechs Jahren müssen die Kinder bereits eine Aufnahmeprüfung bestehen und werden je nach Begabung individuell betreut. Als staatliche Schule ist sie für die Talente völlig kostenlos.
Georgien kämpft seit der Erlangung seiner Unabhängigkeit gegen die Dämonen der Vergangenheit. Seit zwei Jahren gibt es massenhaft Proteste gegen die derzeitige Regierung, die das System Putin unterstützt. Inwieweit beeinflussen diese Ereignisse das Musikerleben?
Die georgischen Künstler, die ich kenne, stehen allesamt für Europa und für die Freiheit, und viele von ihnen nehmen an den Protesten teil. Im Oktober 2025 hat man auch in deutschsprachigen Medien gelesen, dass der bekannte georgische Opernsänger Paata Burtschuladse als Anführer der pro-europäischen Oppositionsbewegung festgenommen und zu einer siebenjährigen Haftstrafe verurteilt wurde. Erst kürzlich wurde ein wunderbarer junger Pianist wegen seines Protests kurzzeitig ins Gefängnis gesperrt. Es ist ein ziemliches Durcheinander, was mich beunruhigt und was auch wehtut. Offenbar gibt es viele Menschen, die den Freiheitsgedanken und westliche Werte nicht respektieren können. Aber so traurig der Zustand der Welt aktuell ist: Im Grunde bleibe ich optimistisch und bin stolz auf zahlreiche georgische Künstlerinnen und Künstler, die das Land im Ausland näher an Europa und die restliche Welt bringen.
Das Kammermusik-Festival Manufaktur der Künste wird derzeit zu hundert Prozent privat finanziert und findet von 4. bis 10. September in der Zacherlfabrik in der Nußwaldgasse 14 in Wien-Döbling statt. Ö1-Clubmitglieder erhalten eine Ermäßigung. // manufakturderkuenste.com
Tipp: Ö1 Klassik-Treffpunkt, live aus der Zacherlfabrik und moderiert von Helene Breisach: 5. September 2026, 10:05 bis 11:35 Uhr

Eine ideale Vorbereitung auf die Manufaktur der Künste bildet das Album „Unconventional Journey“ (2024, Ars Produktion) des Trios Revolution, bestehend aus Temo Kharshiladze (Flöte), Sandro Sidamonidze (Cello) und Ketevan Sepashvili (Klavier). Wie auch das Festival bringt es mit Trios von Lowell Liebermann, Joseph Haydn und Nikolai Kapustin Altes und Neues unkonventionell zusammen. Das Album war in der Kategorie Beste Kammermusikaufnahme für den Opus Klassik-Preis und für den Preis der Deutschen Schallplattenkritik nominiert.
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Die Manufaktur der Künste. Die Zacherlfabrik als Schauplatz eines neuen Festivals in Wien. – von: Ursula Magnes, in: Magazin Klassik, Sommer 2026
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George Oakley: „Little Prince“, Trio für Flöte, Cello und Klavier. Uraufführung durch das Trio Revolution am 29.08.2025 in der Wiener Zacherlfabrik