So alt und doch so neu #4-6
Wem gehört das Werk?
Zur vierten bis sechsten Folge der Gesprächsreihe „So alt und doch so neu – Inspiration und Quellen klassischer Musik im 21. Jahrhundert – Maximilian Haberstock im Gespräch mit Willi Patzelt“
Willi Patzelt • 03. September 2026
Die Folge 5 erscheint am 17. September, die Folge 6 am 1. Oktober
Es gibt kaum einen Begriff in der klassischen Musik, der so selbstverständlich verwendet wird wie jener der „Werktreue“. Musiker berufen sich auf sie, Kritiker fordern sie ein, Musikwissenschaftler versuchen sie zu definieren. Gleichzeitig herrscht erstaunlich wenig Einigkeit darüber, was damit eigentlich gemeint wäre. Wann ist eine Aufführung einem Werk treu? Wenn sie genau das wiedergibt, was in den Noten steht? Wenn sie den Absichten des Komponisten möglichst nahekommt? Oder wenn sie etwas von jener Idee vermittelt, die überhaupt erst hinter den Noten steht?
Die Frage ist älter, als man zunächst glauben könnte. Sie berührt einen Grundwiderspruch der Musik. Ein Gemälde hängt an der Wand. Ein Roman steht im Regal. Musik hingegen existiert zunächst nur als Möglichkeit. Zwischen Partitur und Klang steht immer ein Interpret. Ohne Sänger, Instrumentalisten oder Dirigenten bleibt selbst das größte Meisterwerk stumm. Jede Aufführung ist deshalb zugleich Bewahrung und Neuschöpfung.
Gerade die klassische Musik bewegt sich hier in einem eigentümlichen Spannungsfeld. Einerseits verehrt sie ihre Meisterwerke wie kaum eine andere Kunstform. Andererseits lebt sie davon, dass dieselben Werke immer wieder neu gespielt werden. Niemand käme auf die Idee, Goethes „Faust“ alle zehn Jahre umzuschreiben. Bei Beethoven, Bach oder Bruckner hingegen erwartet man geradezu, dass jede Generation neue Antworten auf dieselben Noten findet. Die Geschichte der Interpretation ist deshalb immer auch eine Geschichte wechselnder Ideale.
Besonders deutlich wird das am Beispiel Johann Sebastian Bachs. Kaum ein Komponist hat im vergangenen Jahrhundert so unterschiedliche Deutungen erfahren. Die romantische Bach-Pflege eines Karl Richter unterscheidet sich fundamental von dem, was heute unter historisch informierter Aufführungspraxis verstanden wird. Beide Seiten berufen sich dabei auf denselben Komponisten. Beide reklamieren für sich, dem Werk besonders nahe zu kommen. Und beide erzählen letztlich ebenso viel über ihre eigene Zeit wie über Bach selbst.
Ähnlich verhält es sich mit Anton Bruckner. Seine Symphonien existieren in unterschiedlichen Fassungen, wurden von Schülern bearbeitet, von Dirigenten verändert und von Generationen von Musikern unterschiedlich verstanden. Dahinter steht eine Frage, die weit über Bruckner hinausweist: Ist eine Partitur ein abgeschlossenes Kunstwerk oder eher eine Art Bauplan, der erst im Augenblick der Aufführung seine endgültige Gestalt erhält?
Das sind keine rein musikwissenschaftlichen Spezialfragen. Sie berühren ein grundsätzliches Problem unseres Umgangs mit Tradition. Wie geht man mit dem Erbe der Vergangenheit um? Bewahrt man es möglichst unverändert? Oder hält man es gerade dadurch lebendig, dass man es immer wieder neu befragt? Zwischen diesen beiden Polen bewegt sich nicht nur die Musik, sondern jede Kultur.
Die vierte bis sechste Folge von „So alt und doch so neu“ widmen sich deshalb den Fragen von Werktreue, Interpretation und musikalischer Tradition. Es geht um Bruckner und Bach, um Fassungen und Aufführungspraxis, vor allem aber um ein Problem, das weit über einzelne Komponisten hinausreicht. Denn wer fragt, wie Musik gespielt werden soll, stellt am Ende immer auch die Frage, was ein Kunstwerk überhaupt ist – ein Denkmal der Vergangenheit oder etwas, das in jeder Generation neu entsteht.
Der Dirigent Maximilian Haberstock kann mit 21 Jahren bereits auf eine steil ansteigende internationale Karriere im symphonischen wie im Opernrepertoire verweisen. Er ist Gründer und Chefdirigent des Münchner Festspielorchesters (ehemals Junges Philharmonisches Orchester München), eines internationalen Ensembles von 97 herausragenden jungen Musikern aus 32 Nationen, mit dem er seit 2023 in renommierten Konzerthäusern wie dem Mozarteum Salzburg, der Alten Oper Frankfurt, dem Smetana-Saal Prag und dem Herkulessaal München konzertierte. Bevor sich Haberstock ganz dem Dirigieren widmete, wurde er als Pianist vielfach ausgezeichnet und gewann zahlreiche erste Preise im Fach Klavier. Er trat unter anderem in der Carnegie Hall sowie gemeinsam mit Lang Lang im Schloss Bellevue auf Einladung des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier auf. Seitdem war er Junior Conducting Fellow des Verbier Festivals, Dirigierassistent von James Gaffigan und bislang jüngster Teilnehmer der Gstaad Conducting Academy.
Geboren 2000 in Dresden, arbeitet Willi Patzelt als Musikkritiker in München. Seine musikalischen Schwerpunkte liegen in Oper, Symphonik, Kammermusik und Lied, besonders der deutschen Romantik, daneben in geistlicher Chormusik und Operette. Nach Stationen in England und Istanbul lebt und arbeitet er in München. Dort studiert er Rechtswissenschaften und beschäftigt sich besonders mit Rechtsphilosophie und Rechtstheorie. Zudem ist er im Bereich Gesellschaftsrecht und Mergers & Acquisitions für eine internationale Wirtschaftskanzlei tätig.
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