Staatstheater Nürnberg

Trauma-Bewältigung in zauberhaftem Malkasten

Barbora Horáková Joly löst ihr «Tannhäuser»-Regiekonzept szenisch nur bedingt ein, dafür sorgt Roland Böers Dirigat für atmosphärische Dichte

Jens Voskamp • 11. Oktober 2026

Venus mit Babybauch im Paradies: Dorothea Spilger gelingt ein Spagat zwischen umgarnendem Gegurre und wütendem Furor
Venus mit Babybauch im Paradies: Dorothea Spilger gelingt ein Spagat zwischen umgarnendem Gegurre und wütendem Furor © Ludwig Olah

Im Thüringer Wald ist ganz schön was los. Der Große Hörselberg beherbergt einerseits das Paradies, anderseits den göttlichen Dienst- und Wohnsitz von Frau Venus, was am Ende aber wohl auf dasselbe hinausläuft. In seiner Nähe zieht die mittelalterliche Pilgerautobahn nach Rom vorbei, versucht ein Hirt seine Herde zusammenzuhalten und vergnügt sich eine Testosteron-starke Jagdgesellschaft beim Wildsau-Treiben durch die Flur. Ja, dieser «Tannhäuser» bewegt sich idealtypisch auf den Pfaden der Nach-Aufklärung: Die Rückbesinnung auf ein nicht der Rationalität verfallenes Hochmittelalter, wo der (christliche) Glaube angeblich Allgemeingut war, bildete ein großes Thema der Romantik, die dennoch vor den säkularen Umwälzungen der ersten Industrialisierungswelle die Augen nicht verschließen konnte. Und der Wald als Rückzugsort zudem nur bedingt taugte.

Und mittendrin dieser Heinrich von Ofterdingen, genannt Tannhäuser, dessen innere Zerrissenheit sein Lebensthema ist. Er fühlt sich einerseits wohl in der Ordnung einer kleinen Familie mit Gattin Elisabeth und kleinem Töchterchen wie auch in den Regeln einer mittelalterlichen Ständegesellschaft. Andererseits ist ihm das irgendwann völlig über. Er verlangt nach individuelleren Antworten, will Freiheit(en), wohl auch seinen Priapismus ausleben können.

Die tschechisch-schweizerische Regisseurin Barbora Horáková Joly versteht den Plot, den Wagner aus allerlei Sagen zusammenköchelte, als Traumata-Bewältigung, wie ihrem Programmheft-Beitrag zu entnehmen ist. Sie schickt den Titelhelden quasi durch einen Zeittunnel der eigenen Lebensgeschichte, wo Höhe- und Tiefpunkte im Zeitraffer am just Verstorbenen vorbeiziehen und sich mit unwirklichen Bildern mischen (etwa wenn sich die Wartburg-Gäste in Schweine verwandeln). Das ist als Konzept ungeheuer einleuchtend und könnte diesen Tannhäuser tatsächlich als Stereotype für den zeitgenössischen Menschen zeigen, der selten stringent nach innen und außen handelt oder denkt. Aber in der Szene bleibt diese Superidee zu selten eingelöst. Da erzählt die ehemalige Hausregisseurin von Hannover die Handlung denn doch zu linear und arrangiert nur situative Tableaus, aus denen sich weder ein Lebenstraum noch das Leben als Traum irgendwie atmosphärisch destillieren lassen.

Tannhäuser (Bryan Register) ist ein zersauselter Alt-Hippie, an dem wenig Sexappeal hängengeblieben ist
Tannhäuser (Bryan Register) ist ein zersauselter Alt-Hippie, an dem wenig Sexappeal hängengeblieben ist © Ludwig Olah

Der Titelheld ist in dieser Version ein zersauselter Alt-Hippie, an dem nach all den Verausgabungen in der 68er-WG wenig Sexappeal hängengeblieben ist. Deshalb mag sich der verstorbene Untote auch so gerne in Dreck und Blut wälzen. Es kommt eh nicht mehr darauf an, wenn man tot ist. Ja, liebe Regie: Wir haben alle Dreck am Stecken und unsere Hände – vielleicht auch symbolisch – mit Blut besudelt. Musste man im 1. Akt noch bangen, ob Bryan Register stimmlich noch bis zur „Rom-Erzählung“ durchhalten würde, weil sich der Amerikaner immer wieder in Sprechgesang flüchtete, legte sich das im Verlauf des Abends, und es kamen tatsächlich heldentenorale Qualitäten zum Vorschein. Dennoch blieb dieser abgerissene Ex-Revoluzzer ein Pendel zwischen Rowdytum und Geborgenheitssehnsucht. Wenig vorteilhaft waren auch die beiden Hauptdamen von Kostümbildnerin Annemarie Bulla ausstaffiert worden: Die Liebesgöttin räkelte sich mit Babybauch im Gold-durchwirkten Mantelkleid wie einst Mary Wigman selig, während Elisabeth gerne ihre Leibchen und Unterwäsche präsentierte.

Emily Newton konnte zwar nicht das Jugendlich-Dramatische ihrer Partie als Nichte des Landgrafen umsetzen, aber mit all ihrer Erfahrung kreierte sie ein ansprechendes Rollenprofil. Elisabeth darf nicht verschämt in der Kemenate auf Huldigungen hoffen, sondern küsst auf offener Bühne und vor versammelter Gesellschaftselite. Dorothea Spilger gelingt als Venus der Spagat zwischen umgarnendem Gegurre und wütendem Furor sehr überzeugend.

Emily Newton ist eine selbstbewusste Elisabeth, Samuel Hasselhorn ein Wolfram, unter dessen richterlicher Etikette es gehörig brodelt
Emily Newton ist eine selbstbewusste Elisabeth, Samuel Hasselhorn ein Wolfram, unter dessen richterlicher Etikette es gehörig brodelt © Ludwig Olah

Doch die stärksten Darsteller-Impulse gingen an diesem Abend von zwei Herren aus: Samuel Hasselhorn konturierte mit seinem tenoral-hell gefärbten, balsamisch wie deklamatorisch einnehmendem Bariton einen Wolfram, unter dessen ritterlichen Etikette eben doch die vulkanisch ausbrechenden Emotionen eines verschmähten Liebhabers brodeln. Und der Koreaner Seokjun Kim zeigte als Landgraf eine eindrucksvoll voluminöse Bassgewalt, die er aber klug wie differenziert und gar nicht protzend einsetzt. Beide wurden vom Publikum besonders gefeiert, wie auch der verstärkte Chor des Staatstheaters. Tarmo Vaask hat sein Kollektiv so nuancenreich instruiert, dass es eine Freude ist. Der Este setzt auf ein grundierendes, elegisch schönes Piano, aus dem sich dann die wahlweise majestätischen oder hymnischen Ausbrüche entwickeln. So kann ein mittelgroßes Haus wie Nürnberg tatsächlich Bayreuth-Qualitäten entwickeln. Auch wenn die Regie hinsichtlich des Chors wohl das Stück verwechselt hat: So oft wie die Sängerinnen und Sänger hinter der Kulisse singen mussten, fühlte man sich mehr an «Parsifal» erinnert. Beim ersten Pilgerchor ergab dieses szenische Wegbeamen überhaupt keinen Sinn.

Auch das zweite, bewusst völlig unsichtbare Kollektiv wirkte Wunder. Unter dem scheidenden GMD Roland Böer präsentierte sich die Staatsphilharmonie noch einmal als Zauberklang-Malkasten: Da stimmte jedes Tempo, jede Bläserattacke, da ergab sich aus dem Tuttiklang die allmähliche Reduktion auf ein einzelnes Instrument so organisch, da evozierten die Streicher so ein verführerisches Fluidum, dass man wünschte, die Regie hätte diese atmosphärische Dichte und Seelenmusik auch ein wenig auf ihr eigenes Tun abstrahlen lassen. Bedauerlich, dass man einen solchen Könner wie Böer nicht verlängert hat. Ohnehin steht Ungewissheit über der Opernsparte. Am Ende der mit Wagner eröffneten Saison wird das Ensemble die Jugendstil-Oper verlassen. Viele befürchten für immer, weil die hoffnungslos überschuldete Stadt nicht einen Cent für eine notwendige Überholung hat. Andererseits kann sich die «Meistersinger»-Stadt eine Bauruine am Rande des Altstadt-Zentrums eigentlich nicht wirklich leisten.


«Tannhäuser und der Sängerkrieg auf Wartburg» – Richard Wagner
Staatstheater Nürnberg ∙ Opernhaus

Kritik der Premiere am 10. Oktober
Termine: 18./25./29. Oktober; 4./8./10./14./21. November

 

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Die Gefangenschaft des Verlassenen. – von: Barbora Horáková Joly, in: Tannhäuser und der Sängerkrieg auf Wartburg, Saison 2025/26, Staatstheater Nürnberg [Programmheft]