Erzgebirgische Theater

Die toten Tenöre

Daniel Behles Operette «Schmetterling» erfreut von Anfang bis Ende. Es gibt mehrere Bezüge zu Richard Wagner

Albert Gier • 14. Oktober 2026

Franz (Angus Simmons) möchte die unerträglich lange Oper seines Großvaters zur Aufführung bringen, der Gärtner (Ivaylo Guberov, rechts) verscharrt die überforderten Tenöre
Franz (Angus Simmons) möchte die unerträglich lange Oper seines Großvaters zur Aufführung bringen, der Gärtner (Ivaylo Guberov, rechts) verscharrt die überforderten Tenöre © Dirk Rückschloß

Der Tenor Daniel Behle, regelmäßiger Gast bei den Bayreuther Festspielen, hat auch Komposition studiert, und der Komponist Behle hat eine Vorliebe für die Operette. Im Pressegespräch sagte er, die Operette mache sich „nicht doof lustig“ – für seine Stücke gilt das uneingeschränkt. Vor drei Jahren wurde im kleinen Theater in Annaberg-Buchholz, das dem „heiteren Musiktheater“, wie man das seinerzeit in der DDR nannte, besondere Aufmerksamkeit widmet, sein Erstlingswerk «Hopfen und Malz» mit großem Erfolg uraufgeführt. Jetzt folgte am gleichen Ort, vor einem wiederum begeisterten Publikum, «Schmetterling». Das Libretto schrieb der Komponist erneut in Zusammenarbeit mit dem Schweizer Schriftsteller Alain Claude Sulzer.

Es gibt eher diskrete Anspielungen auf Bayreuth: Der erste Akt (betitelt „Die Raupe – Vergangenheit“) spielt im Büro des Intendanten Franz (Angus Simmons mit hohem Bariton). Er ist der Enkel des Komponisten, dessen letztes, nachgelassenes Werk (eben „Der Schmetterling“) er zur Aufführung bringen will. Die Oper ist, so heißt es, „unerträglich lang und fies“, außerdem ist die Tenorpartie ist so ungemein schwierig, dass alle Sänger, die sich daran versuchen, vor der Première das Zeitliche segnen und, um kein Aufsehen zu erregen, im nahen Wald verscharrt werden. Das ist Sache des Gärtners Richard (Ivaylo Guberov), dem Helga (Malina Höfflin) assistiert.  Wir erinnern uns: Wagners erster Tristan, Ludwig Schnorr von Carolsfeld, starb völlig überraschend 1865 kurz nach der Münchner Uraufführung, mit neunundzwanzig Jahren; sein früher Tod wurde oft mit dieser „mörderischen“ Rolle in Verbindung gebracht. – Dem letzten der Tenöre wird ein gesungener Nachruf gewidmet. Ein Kritiker fühlte sich durch den ersten Akt an „wilhelminische Komödien“ wie den «Raub der Sabinerinnen» mit dem unsterblichen Striese, erinnert.

Die Musik erfreut von Anfang bis Ende. Sie ist ungemein gutgelaunt, beschwingt, sehr gestisch, oft tänzerisch – es wird auch viel getanzt – und sehr eingängig. Die Bläser karikieren hier und da ein bisschen. Es gibt viele schöne melodische Einfälle und viele Farben im Orchester, das Publikum hat erkennbar seine Freude daran.

Zeitlich wäre dieser erste Akt wohl in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen zu verorten. Der zweite Akt heißt „Der Kokon – Gegenwart“. Die „Schmetterling“-Partitur ist in einer Standuhr rechts vorn versteckt, die „Uhrmacherin“ (Beatrice Löffelholz mit Allongeperücke, Zylinder und langem Mantel) wacht scheinbar über sie. Der Intendant Franz ist inzwischen zum Vampir mutiert (im dritten Akt singt er „Ich bin Trans-Transsylvanier“), über die Gesellschaft herrscht der „Lord“ „mit Strenge und mit wenig Wort“.

Der Tenor Peter (Theo Rohde) bandelt mit der Sopranistin Petra (Zsófia Szabó) an
Der Tenor Peter (Theo Rohde) bandelt mit der Sopranistin Petra (Zsófia Szabó) an © Dirk Rückschloß

Die Partitur in der Uhr wird wiederentdeckt, und natürlich zieht man erneut eine Uraufführung in Betracht. Man probt inzwischen seit zwanzig Jahren, ohne zu einem zufriedenstellenden Ergebnis gelangt zu sein. Dann aber tritt, so scheint es, der Retter auf in Gestalt des Tenors Peter (Theo Rohde, eine der großen deutschen Tenorhoffnungen). Er ist, so stellt er sich vor, „das Original“: „alle lieben mich“. Aber auch er ist dieser Partie nicht gewachsen.

Erst im dritten und letzten Akt („Der Schmetterling – Zukunft“) deutet sich eine Perspektive an: Nach Satire und Farce in den ersten beiden Akten soll jetzt gezeigt werden, dass das große Kunstwerk die Welt rettet. Im Zeitalter von KI gibt es zwar nur noch Klone, und die Kunst, so wie wir sie verstehen, existiert nicht mehr; aber Peter kehrt zurück, mit Schmetterlingsflügeln. Er bandelt mit der Sopranistin Petra (Zsófia Szabó im Bienenkostüm) an. Zuletzt stirbt er. Er wurde, so heißt es, vom Schmetterling getötet (die Musik hier mit Anklang an Siegfrieds Trauermarsch in der «Götterdämmerung») – anscheinend macht er Seppuku. Der Intendanten-Vampir (er ist inzwischen 175 Jahre alt!) kommentiert: „Der letzte Held dieser Welt / wurde eben abbestellt“. Nachdem also der letzte Tenor „dahingerafft“ wurde, fühlt er sich frei, er kann endlich sterben. Man kann das wohl so verstehen, dass die Phantasie, die wesentlichste Voraussetzung für die Kunst ist, doch noch existiert.

Auch die kleineren Rollen sind exzellent besetzt: Die Stellen der Rheintöchter nehmen drei „Migränen“ (!) ein (Bridgette Brothers, Juliane Prucha, Stephanie Ritter). Unter dem neuen Musikdirektor Bruno Borralhinho spielt das Orchester ohne Fehl und Tadel, die Musiker haben hörbar ihren Spaß dabei. Auch der Chor hat wesentlichen Anteil daran, dass dieser Abend eine runde Sache wird.

Die Regisseurin Jasmin Solfaghari bringt viel Wagner-Erfahrung mit und betreute bereits die Uraufführung von «Hopfen und Malz». Sie hat den Anspruch, diese Uraufführung „so authentisch wie möglich“ zu gestalten, und das ist ihr auch voll und ganz gelungen. Auch der Bühnenbildner Walter Schütze war schon bei «Hopfen und Malz» dabei; die Dekorationen bieten den Darstellern dankbare Spielräume, im Hintergrund sieht man „die Häuserreihe einer kleinen fränkischen Residenz- oder erzgebirgischen Industriestadt“, wie ein Kritiker schrieb. Alles in allem ein großer Abend für das kleine Theater und seinen Intendanten Moritz Gogg, den man sich, wenn man die Möglichkeit hat, nach Annaberg-Buchholz zu fahren, auf keinen Fall entgehen lassen sollte.


«Schmetterling» – Daniel Behle 
Erzgebirgische Theater (ETO) ∙ Eduard-Winterstein-Theater, Annaberg-Buchholz

Kritik der Uraufführung am 10. Oktober
Termine: 25. Oktober; 14./22./27. November


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