Festival Janáček Brno

Mit Hirn und Herz

Die 10. Ausgabe der Brünner Janáček-Festspiele sind eine Leistungsschau tschechischer Musikgrößen an originellen und teils exklusiven Veranstaltungsorten

Stephan Burianek • 18. Oktober 2026


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In Brünn wird der Komponist Leoš Janáček derzeit auch kulinarisch ergründet
In Brünn wird der Komponist Leoš Janáček derzeit auch kulinarisch ergründet © Stephan Burianek


Der mährische Komponist Leoš Janáček mochte Hirne, auch auf dem Teller. Das zumindest behauptet man im Kohout in Brünn, dem ein Gourmet-Magazin bescheinigt, derzeit das beste Restaurant in Tschechien zu sein. Als Vorspeise wird gegrilltes Schweinehirn mit Kalbsbries, Truthahn-Mark und mit Äpfeln, Sellerie und Wachteleiern kombiniert. Das klingt alles ein wenig abgehoben, dabei zählte Janáček zur bodenständigen Sorte. Die Zeiten ändern sich, und sie ändert auch manche Essgewohnheit. Wer es einfacher mag, der wird in den Brünner Konditoreien fündig, wo man sich ebenfalls vom Kochbuch der Janáček-Haushälterin Stejskova inspirieren hat lassen und die vermeintlichen Favoriten des Komponisten nachbäckt.

Wenn Tschechiens zweitgrößte Stadt Brünn alle zwei Jahre im Herbst zum Festspielort wird, dann trifft man Janáček außerdem in der ganzen Innenstadt, mit Hund und lebensgroß an Wegweiser-Stangen befestigt. Dass er seine Landsleute Smetana und Dvořák in der Anzahl an weltweiten Opernaufführungen mittlerweile überholt hat, ist nicht zuletzt der beharrlichen Arbeit der Janáček-Stiftung zuzuschreiben, die seit Jahrzehnten die Musikwissenschaft und die Praxis zusammenbringt. Die Liste an internationalen Größen, die ihre Liebe zu den Werken Janáčeks entdeckt haben, ist mittlerweile lang, angefangen natürlich beim Dirigenten Charles Mackerras, später sorgten nicht zuletzt Simon Rattle und der Regisseur David Pountney für eine internationale Rezeption.

Der wohl bedeutendste Janáček-Regisseur unserer Zeit heißt aber Robert Carsen, von dem gleich drei Regiearbeiten beim diesjährigen Festival zu erleben sind bzw. waren: Seine poetische Sicht auf «Kát’a Kabanová», bei der sich die Solisten über mobile Stege auf einer vollständig gefluteten Bühne bewegen (eine Idee, die in den 1970er-Jahren auf ähnliche Weise bereits Joachim Herz realisiert hatte) ist in den vergangenen zwanzig Jahren ungewöhnlich gut gealtert. Für «Osud» (Schicksal) wiederum ließ Carsen ein realistisches Bühnenbild bauen, das einen Konzertsaal in Janáčeks Lieblings-Kurort Bad Luhačovice zeigt, wo die Oper zudem spielt und in dem Carsen die autobiografischen Parallelen dieses Werks meisterhaft einbindet.


Derniére am Festivalbeginn

Im ersten Teil träumt sich Brouček (Nicky Spence, rechts) auf den Mond
Im ersten Teil träumt sich Brouček (Nicky Spence, rechts) auf den Mond © Marek Olbrzymek

Es ist eine besondere Auszeichnung, wenn sich die Brünner von der Interpretation einer Janáček-Oper nur schweren Herzens verabschieden. Das war augenscheinlich der Fall bei Carsens Blick auf «Die Ausflüge des Herrn Brouček» (Výlety páně Broučkovy), die wohl am schwierigsten zu inszenierende Janáček-Oper überhaupt. Nach der Premiere in der Berliner Lindenoper wurde die Inszenierung zwei Jahre lang im Repertoire des Brünner Nationaltheaters gehalten, nun übersiedelt sie nach Madrid.

Der «Brouček» ist vielleicht nicht ganz so spaßbefreit wie Wagners «Meistersinger», aber ebenfalls keine schenkelklopferische Komödie. Der tschechisch-nationale Gehalt dieser Oper, die vor allem durch einen seltsamen Auftritt des Dichters und Brouček-Erfinders Svatopluk Čech zutage tritt, gilt einem internationalen Publikum gemeinhin als befremdlich. Insofern kann die Verlegung der Handlung in die Jahre 1968 und 1969 als Geniestreich gesehen werden. Die schöngeistigen, vegetarischen Mondbewohner, zu denen sich der kleingeistige Hausbesitzer Brouček in seinem Bierrausch im ersten Teil hindenkt und die lieber schnüffeln als essen, finden ihre Entsprechung als bunte, haschende Hippies, die sich bei „Moonstock“ treffen. Das ist so bunt und witzig inszeniert, dass einem das Herz aufgeht.

Im zweiten Teil wird es dann so politisch wie sonst selten bei Carsen: Statt in das Prag des Mittelalters während der Hussitenaufstände im 15. Jahrhundert geht es bei Carsen um die Invasion der Sowjetunion – Brouček träumt sich demnach in seine Gegenwart und soll nicht gegen die katholischen Kreuzzügler Sigismunds, sondern gegen die „Antichristen“ des Warschauer Pakts kämpfen. Für diesen Einfall ist im Libretto offenbar sogar ein Wort geändert worden: Kommt den Einwohnern im mittelalterlichen Prag Broučeks moderne Sprechweise „bosniakisch“ vor, so vermeinen die Widerständler nun, bei ihm einen „russischen“ Zungenschlag zu erkennen. Aus Svatopluk Čech macht Carsen die Leitfigur des Prager Frühlings, Alexander Dubček. Auf dem Bildschirm eines „Fernsehers“, der als Gaze das gesamte Bühnenportal ausfüllt und im Laufe des Abends immer wieder in die Handlung einführt, wird überdies dem Studenten Jan Palach ein Denkmal gesetzt, der sich im Jahr 1969 aus Protest selbst angezündet hat. Das tschechoslowakischen Eishockey-Team wird nach seinem Sieg über die Sowjetunion bei der Weltmeisterschaft 1969 in Stockholm gefeiert wie eine siegreiche Armee. Bei so vielen tschechischen Flaggen und Waffen auf der Bühne wird der Bezug zur Gegenwart klar: Hier möchte niemand von Russland regiert werden. Der Panslawist Janáček hegte übrigens noch große Hoffnungen in die Russen, aber die würde er mit dem Wissen von heute wohl ebenfalls verworfen haben.

Im zweiten Teil geht es Brouček (Nicky Spence) im Prager Frühling an den Kragen
Im zweiten Teil geht es Brouček (Nicky Spence) im Prager Frühling an den Kragen © Marek Olbrzymek

Weltklasse war das, was aus dem Orchestergraben kam. Unter der Leitung von Marko Ivanocić setzte das Orchester des Brünner Nationaltheaters einen Standard, wie man ihn bei Janáček international nur selten hört. Janáčeks farbenreiche, harmonisch unkonventionelle und rhythmisch prägnante Musik begleitete den vorrangigen Sprechgesang geradezu selbstverständlich organisch; nur gelegentlich, in kurzen eruptiven Momenten, ergoss sich die Instrumentation über die Solisten auf der Bühne. Der Schotte Nicky Spence sang die Titelpartie mit der Diktion eines Muttersprachlers und füllte die selbstgefällige Hauptfigur auch optisch idealtypisch aus. Den stärksten Eindruck, mir klarer, kräftiger Stimme, hinterließ indes das Prager Ensemblemitglied Daniel Matoušek in der Figur des jungen Künstlers Mazal, aus dem Carsen einen Kellner in Broučeks Stammkneipe macht. Ebenfalls am Prager Nationaltheater engagiert ist Jana Sibera, die als Málinka bei Carsen ebenfalls in der Gasthofbrauerei arbeitet – und ihre Eifersucht einsetzt, um sich selbst Mazals Liebe zu versichern. Ihr liegt der Janáček’sche Sprechgesang weniger, ihre Stärken spielt sie in den lyrischen Passagen aus.

Carsens «Brouček»-Inszenierung hat nur einen einzigen Schönheitsfehler, der wiegt allerdings schwer: In der Tschechoslowakei des Jahres 1968 bzw. 1969 gab es keine Hausbesitzer. Für die Titelfigur hätte daher eine Entsprechung gefunden werden müssen – Brouček könnte ein nichtsnutziger Parteigänger, beispielsweise eine Art Blockwart – oder „Hausvertrauensperson“, wie sie in der Tschechoslowakei hießen – sein. Aber diese Ungereimtheit schien selbst die Tschechen nicht zu stören. Nach der Vorstellung wurde der sichtlich gerührte Robert Carsen mit der Ehrenmedaille der Janaček-Stiftung ausgezeichnet. Neben Händel sei Janáček sein Lieblingskomponist, bekannte er, seitdem er in London als etwa Zwanzigjähriger von einer Frau eine Eintrittskarte für eine «Jenufa»-Vorstellung geschenkt bekommen hatte. Das muss im Mai 1974 gewesen sein, als Charles Mackerras diese Oper dort dirigierte – womit sich in Brünn einmal mehr ein Kreis schloss.


Janáceks Geist ist überall

Janáček ist freilich mehr als Oper, und das Festival ist mehr als Janáček. Seit jeher kombiniert das Festival den Genius Loci mit Wegbereitern, Zeitgenossen und Nachfolgern. Und seit jeher ist das Festival eine Leistungsschau der gegenwärtigen Musikszene, wie zum Beispiel für das Brno Contemporary Orchestra, das Werke für lediglich eine einzige Aufführung einstudiert. Im Theater Husa na provázku (Die Gans an der Leine), einer Blackbox im Herzen der Innenstadt, grub es unter der Leitung seines Gründers Pavel Šnajdr diesmal u.a. das Stück «Vojna» (Der Wehrdienst) aus, für das das Universaltalent Emil František Burian in den 1930er-Jahren Volkslieder und -tänze zusammentrug und zu einem rhythmischen, ursprünglich auch für Tanz vorgesehenem und in Bann ziehendem Antikriegsstück vermengte.

Einen faszinierenden Abend bereitete zudem der Pianist und Komponist Kryštof Mařatka nur wenige Meter weiter im heutigen Mozart-Saal der alten Redoute mit originalem Janáček, eigenen Arragements von Janáčeks Werken sowie eigenen Kompositionen. Mařatka sammelt archaische Musikinstrumente, von denen er mehrere Blasinstrumente – von Piccoloflötengröße bis Alpenhornlänge – aus Knochen und Holz in seine „archaische Nachtmusik“ mit dem Titel „Altotem“ einbaut – und damit zeigt, wie unterschiedlich sich Instrumente anhören können, die zwar nach demselben Prinzip funktionieren, aber ansonsten keiner sichtlichen Norm folgen. Mitreißend gestaltete er zudem die melodramatische Erzählung der Kurzgeschichte „Das Mysterium des Herrn Rybka“ von Karel Čapek am Klavier – zumindest für jene, die Tschechisch verstanden oder die im Programmheft auf Englisch mitlasen. Zum Drüberstreuen gab es dann Janáčeks Liederzyklus «Tagebuch eines Verschollenen», kraftvoll-opernhaft gesungen von Aleš Briscein und Michaela Zajmi. Auch Mařatka wurde für seine Verdienste nach dem Konzert die Janáček-Ehrenmedaille verliehen.

Das Bennewitz-Quartett spielte in der Villa Tugendhat
Das Bennewitz-Quartett spielte in der Villa Tugendhat © Marek Olbrzymek

In diesem Jahr wird an 15 Aufführungsorten gespielt, darunter die drei bekanntesten Villen der Stadt. Dass Janáčeks Werke heute im einstigen Wohnhaus eines deutschsprachigen Brünner Textilunternehmers erklingen, entbehrt nicht einer gewissen Ironie, schließlich war dem schrulligen Komponisten alles Deutsche derart verhasst, dass er sich sogar geweigert haben soll, die der deutschsprachigen Sphäre zuzurechnenden öffentlichen Verkehrsmittel zu nutzen (obwohl er selbst mit einer Deutschsprachigen verheiratet war). Die intime Atmosphäre in der Villa Tugendhat, mit raumhohem Fensterblick auf den Garten und die ferne Spielberg-Festung ist freilich einzigartig, und wenn das Bennewitz-Quartett die „Intimen Briefe“ mit unfassbarer Leidenschaft und Präzision interpretiert und dabei in wenigen Takten kontrastreich von Heavy Metal zu Liebesschnulze und zurück springt, dann brennt sich dieses Konzert nachhaltig ins Bewusstsein ein.

Zum Erkenntnisgewinn zählte an jenem Vormittag auch, dass Dvořáks Lieder an Farbe und Schönheit gewinnen können, wenn sie von Tomáš Ille für ein Streichquartett arrangiert werden – und von der Mezzosopranistin Markéta Cukrová gesungen werden. Wer das nicht glaubt, der kann sich das Album besorgen, das erst Anfang dieses Monats im tschechischen Label Supraphon erschienen ist. „Ich denke, das ist das beste Konzert, das ich bislang erlebt habe“, sagte der Besucher aus Montreal auf dem Nebensitz. Er ist bestimmt nicht der einzige Besucher, der wiederkehren wird.


Der Bericht basiert auf Vorstellungen im Zeitraum vom 14. bis 17. Oktober. Das Festival Janáček Brno läuft noch bis zum 17. November. Bis dahin zu erleben sind u.a. die inszenierten Janáček-Opern «Das schlaue Füchslein» (24./25. Oktober) sowie «Šarka» (28. Oktober), «Kát’a Kabanová» (30. Oktober in der Carsen-Inszenierung, 13. November in der Münchner Warlikowski-Inszenierung), «Anfang eines Romans» (3./12. November) und «Jenufa» (5./7. November) // https://janacek-brno.cz/de/program/

 

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