Deutsche Oper Berlin
Fastfood-History über deutsche Schuld und Palästina-Konflikt
Milo Raus Beiträge zur politischen Basisbildung: Wie man Oper sündteuer an die Wand fährt und Wagner-Propaganda in Israel fördert
Roland H. Dippel • 25. Oktober 2026

Wagner und Israel ist das eine Thema von Milo Raus erster Arbeit an der Deutschen Oper Berlin. Das andere ist die Holocaust-Aufarbeitung und die gewaltsame Geschichte des Staates Israel und Palästinas von der Gründung bis heute. Die Deutsche Oper Berlin bietet zu diesem essenziellen Zeitthema allerdings nur „Fast-History“ mit Fastfood-Effizienz, entlang an Richard Wagners ein Rebellenschicksal in seine Erlösungsvision zwingenden «Fliegenden Holländer» aus dem Jahr 1843. Nach dem zwiespältig aufgenommenen «Mittwoch aus Licht» von Karlheinz Stockhausen jetzt die erste Berliner Musiktheater-Arbeit des vom neuen Intendanten Aviel Cahn an seiner vorherigen Wirkungsstätte Genf gern beschäftigten Milo Rau. Dessen Sicht auf Mozarts «La clemenza di Tito» folgte dort die Uraufführung von Hèctor Parras Dokumentaroper «Justice» über den Schwefelsäure-Unfall im Kongo 2019. Die Investigativ-Oper ging auch den Verstrickungen des Schweizer Konzerns Glencore nach. Sie war in ihrer Form aus Video, Text, Moderation und Musik auf eine visuell-technische Performativität hin entwickelt.
Anders als Wagners Musikdrama-Vorstufe «Der fliegende Holländer», zu der diese heutigen Informations- und Kunstmittel nur bedingt passen. Der Applaus im fast vollen Haus donnerte über deutliche Buhs hinweg – so brachial, dass man den stummen Widerstand des halben Publikums kaum bemerkte. Das war keine Verstörung durch Raus Konzept, wohl aber durch dessen Umsetzung. Wohlgemerkt richtet sich dieser Einwand nur gegen die halbgare Inszenierung. Denn das Konzeptthema ist wichtig – zur aktuellen politischen Situation und des erstarkenden Antisemitismus mehr denn je! Aber Raus Schrumpfung wird weder dieser politischen Dimension gerecht noch der zum Informationsmittel zweckentfremdeten Kunstform Oper.

Raus Nachrichtenformat funktioniert nur mit den über Wagners Konstrukt gestülpten Erzähler:innen Sarah von Schwarze, die durch den Umzug ihrer Eltern aus Deutschland nach Israel und deren Konvertierung zur hebräischen Religion eine gebrochene Biografie hat, und Shlomi Moto Wagner, dem prophetischen Influencer zur Verankerung von Richard Wagners dort missliebigen Schaffen in Israel. Moto Wagner setzt eine äußerst gewagte These über den Komponisten und Antisemiten Wagner, der wichtige Bausteine für die Vernichtungsideologie und Ästhetik des Nationalsozialismus lieferte: „Wagner sollte eigentlich nicht in Israel verboten sein, sondern überall sonst. Man sollte Wagner nur in Israel spielen.“ – Das heißt: Nur die Katharsis in Israel rettet den Wagner-Kosmos für den Rest der Welt. Zu Moto Wagners Konzert-Initiative „Wagner in the Holy Land“ an öffentlichen Orten (alles abendfüllend zu sehen in Video-Aufbereitung durch Moritz von Dungern) kommen bis zu 200 Zuschauer. Die stumme Video-Präsenz dieser Konzerte in Jaffa und Jerusalem, denen die physisch anwesende Besetzung auf der Bühne quasi ihre echten Stimmen leiht, wirkt nicht überzeugend: In den Gesichtern des israelischen Publikums der Videos liest man Distanz und mühsam gebändigten Ekel. – Frage also an die DOB-Leitung: Warum die sündteure Neuproduktion einer Oper, die erst politisch gereinigt werden muss und nach Meinung der Regie bis dahin nicht (mehr) auf den Spielplan gehört…?
Rau postete es schon vor der Premiere euphorisch: Er heftete den sechs Figuren der „romantischen Oper“ Etiketten an, die auf ideale Weise mit Herkunft und sozialer Prägung der Premierenbesetzung zusammenpassen. Omar Mancini schlägt sich als gleichgültiger Steuermann wie die unauffällige Mary von Kai Rüütel-Pajula auf die Seite der den Holocaust negierenden Rechtspopulisten. Attilio Glaser, der als einziger auf dem an der Deutschen Oper Berlin erwartbaren Niveau singt, wird vom norwegischen Jäger Erik zum Palästinenser und erschossen. Der Ägypter Tareq Nazmi wandelt sich vom seine Tochter Senta verschachernden Handelsmann Daland in einen Zionisten auf der Suche nach Heimat. Für die beiden Hauptpartien hätte Raus Konzept bei Tiefenschärfung sogar einige Plausibilität. Aber es hakte auch vokal. Aušrine Stundytė forcierte als zwischen Israel und Palästina zerriebene Senta gegen Ende selbstquälerisch. Der alle sieben Jahre auf einem Landgang Erlösung suchende Holländer wird zum „Repräsentanten deutscher Schuld“ am Holocaust und dem neuen Erstarken rechtsradikaler Kräfte. Dass es Tomasz Konieczny schon beim Auftrittsmonolog in der Kehle kratzte und er als einer der wichtigsten Sänger für diese Partie auf Beistand des von der Seite singenden Derek Walton angewiesen war, muss man geradezu als Freud'sche Fehlleistung deuten: Vor drei Jahren hatte Konieczny mit dem von ihm selbst verkörperten «fliegenden Holländer» die Waldoper Sopot für ein alljährliches Sommerfestival wiederbelebt. Nach der Invasion in Polen wurde die als mythischer Ort verstandene Waldoper bei Danzig für Wagner-Aufführungen zu Propagandazwecken genutzt, was Konieczny aufarbeiten will. Raus Konzept wird dem polnischen Wagner-Star an die Dimension dieser Vergangenheit gemahnt haben. Das ist nur ein aussagekräftiges Beispiel für ideologische Unverträglichkeiten, die Musiktheater-Schaffende und Künstler*innen heute ausfechten.

Der «Holländer»-Chorpart ist einer der wirkungsvollsten des gesamten Repertoires. In Berlin werden die Mannschaft des Gespensterschiffs zu Blauhemden und die Arbeiterinnen zu israelischen Militäreinheiten. Das könnte wirkungsvoll sein, war aber – Chordirektor Marco Medved trifft keine Schuld – erkauft mit herausknallenden Phrasen unter suboptimalen Raumbedingungen. Anton Lukas (Bühne) und Silvie Naunheim (Kostüme) lieferten NTV-Design.
Giedrė Šlekytė (und die assistierende Kapellmeisterin Anna Handler) lieferten mit dem die Partitur souverän kennenden Orchester der Deutschen Oper Berlin eine Wagner-Totale, die man nur als „strange“ bezeichnen kann: Šlekytė macht sich mit allen Mitteln zu Wagners Vollstreckerin von Raus Gnaden. Sie wollte einfach zu viel: den symphonischen Vollsound, die ersten Anzeichen einer dissonanten Moderne in einigen von Wagners Münchner Retuschen und den drastisch aufgerauten Realismus. Damit erreicht sie wenig bis nichts – außer üppige Lautstärke, ein extremes Forcieren der Stimmen und einen teilweise fetten Wagner-Sound der unangenehmen Art. Wenig nachhaltig überdies. Denn schon in der nächsten Spielzeit ist Raus «Holländer» überholt und muss bei jeder neuen Besetzung im Video aktualisiert werden. Wagner-Musik für Politinformationen gab es in Deutschland bereits vor 90 Jahren. Auch mit dieser Parallele ist der halb gedachte Ansatz verbrannte Opernerde.
«Der fliegende Holländer» – Richard Wagner
Deutsche Oper Berlin · Großes Haus
Kritik der Premiere am 24. Oktober 2026
Termine: 24./28./31. Oktober; 5./8./15. November 2026; 13./20. Februar 2027