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Menuhin Festival Gstaad

Intime Genussmomente

Die Akustik einer Kirche führte zum Menuhin Festival Gstaad. Es gibt freilich weitere gute Gründe für einen Besuch im Schweizer Saanenland. Ein Reisebericht

Stephan Burianek

12. Aug 2021

Auf dem Weg nach Gstaad schlängelt sich die einspurige Schmalspurbahn von Zweisimmen im Simmental die Berghänge empor und hält an einigen Stationen ausschließlich „auf Anfrage“. Almen säumen das Panorama auf der gegenüberliegenden Hangseite, oder besser: Alpen, wie man in der Schweiz sagt. Gelegentlich „tutet“ der Zug, romantisch. Die erste vollelektrifizierte Zugverbindung der Schweiz legte ab dem Jahr 1904 die Basis für eine touristische Erfolgsgeschichte, die bis heute anhält. Die ersten Gäste kamen allerdings von der französischsprachigen Seite, aus dem schon damals mondänen Montreux. Weil ein Holzfabrikant darauf bestand, wurde in der Wegführung zur Endstation Saanen eine Schleife zum Dorf Gstaad gezogen, das damals wie heute einen Ortsteil der Gemeinde Saanen bildet. Bald entstanden in Gstaad die ersten Hotels für jene, die sich das Reisen leisten konnten: Das Alpina-Hotel, etwa, das vor einigen Jahren komplett abgetragen und neu gebaut wurde, oder, auf einer benachbarten Hügelkuppe, das majestätische Grand Hotel mit dem passenden Titel „Palace“.

Unter den Saaner Einwohnern kursieren zahlreiche Anekdoten über ihre Zugereisten, denn die Liste der prominenten Gäste und Wahlsaaner:innen ist lang. In der Öffentlichkeit hält man sich allerdings bedeckt. Eher, so sagt man, führen die Saaner einen Paparazzo in die Irre, als ihm den gewünschten Tipp zu geben. Das schätzten in der Vergangenheit große Namen wie Roger Moore, Liz Taylor oder Peter Sellers. Bernie Ecclestone, Roman Polanski, Julie Andrews oder Madonna kommen kommen bis heute bzw. haben hier sogar einen Wohnsitz.

Heile Welt

Auf ihre Chalets – Wohnhäuser im alpenländischen Bauernhaus-Look – sind die Saaner übrigens ausgesprochen stolz, denn eine andere Bauweise ist nicht erlaubt, seit in den 1960er-Jahren ein Immobilienhai zwei Hochhäuser neben die Kirche in Saanen setzen wollte. Man handelte rasch und erließ ein Gesetz, seither hat eine Reise nach Saanen und in die umliegenden Täler – ins sogenannte „Saanenland“ – etwas von einem Zeitsprung. Dabei führt die maximal zulässige Bauhöhe mitunter in die Irre, denn in der Tiefe kennen die Bauvorschriften kaum Grenzen – und so befinden sich unter einigen Chalets private Kunstgalerien, Kinos und wer weiß was noch alles. Vor allem der Saaner Ortsteil Gstaad gilt seit gut hundert Jahren als Treffpunkt des Geldadels. Man sollte sich von diesem Luxus aber nicht abschrecken lassen, denn neben sechs Fünf-Sterne-Hotels gibt es jede Menge leistbare Unterkünfte – bis hin zu einfachen Bauernstuben: Auf der Alp Beust des Ehepaars Bach, beispielsweise, zahlt man für ein spartanisches Zimmer pro Person etwa 40 Schweizer Franken (ca. 37 Euro), Vollpension inklusive.

Im Gegensatz zu anderen Schweizer Promi-Orten wie St. Moritz oder Zermatt liegt das Saanenland  inmitten einer eher bukolischen als schroffen Gebirgslandschaft. Das Hochgebirge ist zwar nah und Teil der alpenländischen Panoramalandschaft, das Saanenland liegt aber gut 800 Meter tiefer als St. Moritz bzw. 600 Meter tiefer als Zermatt, und ist eine fruchtbare Region mit mehr als 80 landwirtschaftlich geführten Alpen. Bekannt ist die Gegend für ihre weiße und zumeist hornlose Saanenziege, eine weltweit verbreitete Züchtung, ebenso wie für die blonde Kuh aus dem benachbarten Simmental. Die hohe Dichte an prämierten Restaurants spiegelt diesen Reichtum wider, selbst in internationalen Gerichten finden sich vielfach regionale Produkte – ein Indiz dafür sind beispielsweise die Bergkäse-Ravioli oder mit lokalen Mangalitza-Schweinen gefüllten Gyoza (japanische Teigtaschen) im Restaurant Müli des Hotels Gstaaderhof. 

Wie kaum eine andere Gemeinde hat es Saanen in all den Jahren geschafft, den Ball gleichermaßen flach wie hoch zu halten. Das ganze Jahr über werden Veranstaltungen organisiert, die Tourist:innen anlocken, aber selbst wenn Gstaad mit Tennisfans gefüllt ist, die das geschichtsträchtige ATP-Turnier besuchen, wird der Aufenthalt für massenaverse Menschen nicht unangenehm. 

Er kam, hörte und gründete

Der in wirtschaftlicher Hinsicht wichtigste Event ist alljährlich im Sommer das Menuhin Festival. Es war im Jahr 1957, als der weltbekannte Geiger Yehudi Menuhin auf Initiative des damaligen Kurdirektors erstmals – gemeinsam mit dem Komponisten Benjamin Britten und dem Sänger Peter Pears – Konzerte in der Saaner Mauritius-Kirche spielte. Menuhin war von der Akustik des historischen Baus derart begeistert, dass er gleich im Jahr darauf das Gstaad Menuhin Festival ins Leben rief. 

Die Akustik ist bis heute großartig: „Jeder Künstler, der hier schon einmal musiziert hat, möchte diese Kirche am liebsten einpacken und mitnehmen“, ließ der Bariton Thomas Hampson das Publikum wissen, als er im Juli dieses Jahres in der reformierten Dorfkirche auftrat. Sie stammt aus dem 15. Jahrhundert, ebenso wie die großformatigen Wandmalereien, vor denen die Stars im Sommer musizieren – sie wurden erst von einigen Jahren wieder freigelegt. Decke, Kanzel und Empore sind aus Holz.

Das besagte Konzert war das dritte des Geigers und diesjährigen Artist-in-Residence Daniel Hope, der gemeinsam mit befreundeten Musikern hauptsächlich Musik von englischen Komponisten vorstellte, die man in unseren Breiten viel zu selten hört, darunter Miniaturen für Klaviertrio von Frank Bridge (1879-1941) und eine für Menuhin komponierte Violinsonate von William Walton (1902-1983). Berührend interpretierte Thomas Hampson das Lied für Stimme und Klaviertrio „How cold the wind doth blow“, heiter wurde es bei den schottischen und irischen Volksliedern von Ludwig van Beethoven – ein großartiger, an intensiven Momenten reicher Abend!

Ein ebenso spannendes wie abwechslungsreiches Konzertprogramm gab es auch am folgenden Abend, diesmal hieß der Star Anne Sofie von Otter. Mit ihrer technischen Erfahrung und einer einmaligen Bühnenpräsenz glich die bald 70-jährige Mezzosopranistin die Jahre, die sich auf ihren Stimmklang gelegt haben, bei Liedern mit Shakespeare-Bezug meisterhaft aus. Der Höhepunkt des Abends war der von Otter sphärisch vorgetragene, nahezu gehauchte Willow Song („The poor maid sat sighing“ aus «Otello», anonym). Ihr zur Seite stand Roderic Williams, ein spielfreudiger, englischer Bariton mit einer ausdrucksstarken Stimme, der selbst deutsche Lieder perfekt deklamiert. Bei ihren Liedern, die von Thomas Morley („O Mistress Mine“ aus «Twelfth Night») über Robert Schumann („Schlusslied des Narren“ aus «Twelfth Night») zu Cole Porter („Brush up your Shakespeare“ aus «Kiss Me, Kate») führten, wurden sie hervorragend von Julius Drake am Klavier begleitet. 

Die Nähe zu England in den beiden Konzerten war kein Zufall, steht doch das Festival bis Anfang September noch unter dem Motto „London“. Die Besetzungsliste ist reich an Stars von Weltruhm und beinhaltet u.a. Sol Gabetta (Cello), Hélène Grimaud (Klavier), Julia Fischer (Violine), Juan Diego Flórez (Tenor) und das originelle Janoska Ensemble. Sie alle treten im intimen Rahmen der Dorfkirchen oder, im Fall einer symphonischen Begleitung, in einem geräumigen Festivalzelt auf. Im kommenden Jahr wird das Festival-Motto „Beethoven reloaded“ lauten.

Was angenehm aufgefallen ist: Obwohl das Menuhin Festival den Festspielen in Salzburg oder Baden-Baden an Exklusivität nicht nachsteht, kommt das Publikum vergleichsweise leger gekleidet. Man bereitet sich in Gstaad, so scheint es, nicht den halben Tag mental und vor dem Kleiderschrank auf die Vorstellung vor, sondern freut sich einfach auf einen beglückenden Tagesausklang nach dem Besuch einer Käsealp oder nach einer Wanderung. Eine beliebte Tour führt übrigens von der Gondel-Bergstation am Rinderberg zum Horneggli, eine andere ist die Runde um den Lauenensee. Tipp: Bei den lokalen Fleischhauern und Käsereien kann man Picknick- und Fondue-Rucksäcke mit lokalen Leckerlis mieten.


Infobox


Menuhin Festival Gstaad
// gstaadmenuhinfestival.ch

Wer eine Käsealp besuchen oder für eine Wanderung einen Picknick-Rucksack bestellen möchte, der wendet sich am besten an Gstaad Saanenland Tourismus // www.gstaad.ch

Schlafen im Saanenland

*** preiswert ***

Eine einfache Stube auf der Alp Beust bietet Platz für bis vier Personen. Der Preis inkl. Vollpension beträgt 40 Schweizer Franken (ca. 37 Euro) pro Person. Man benötigt aber ein geländegängiges Fahrzeug, um dorthin zu gelangen. Die Familie Bach bietet darüber hinaus auch eine Stube in einer weiter unten gelegenen Alphütte sowie eine Ferienwohnung unten im Tal an. // willibach.ch

*** ideal ***

Der Gstaaderhof liegt perfekt am Rande des Gstaader Ortszentrums, zum Festivalzelt sind es nur wenige Meter. Im Hotelrestaurant Müli kocht man hervorragend. // gstaaderhof.ch

*** high-end ***

Das Wellnesshotel Ermitage in Schönried ist eines von sechs Fünf-Sterne-Hotels im Saanenland und die beste Option für jene, die rundum versorgt werden und gelegentlich ein Solebad nehmen wollen. Zu allen Veranstaltungen des Menuhin Festivals verkehrt ein hoteleigener Shuttledienst. // ermitage.ch