Bühne

Liedgesang

Schöne Stimmen zum Auftakt

Das von Tomasz Konieczny initiierte Singfest Wiener Neustadt hat seine Feuerprobe bestanden

Stephan Burianek

31. Aug 2021

Jungen Talenten eine Plattform bieten und länderübergreifende Brücken bauen – so könnte man die Intention des Singfests Wiener Neustadt zusammenfassen, das Ende August erstmals im Kreuzgang des Stifts Neukloster über eine provisorische Bühne gegangen ist. Dabei war anfangs lediglich der Wunsch nach einem geeigneten Aufführungsort für ein spezielles Liedprogramm gestanden: Tomasz Konieczny, polnischer Bassbariton und österreichischer Kammersänger, war im vergangenen Jahr mit „seinem“ Pianisten Lech Napierała auf der Suche nach einem stimmungsvollen Ort für Mussogskis Liederzyklus «Lieder und Tänze des Todes». Ein befreundeter Professor für Lichtdesign führte sie in Wiener Neustadt zunächst in den Dom und dann in jene Stiftskirche, in der Mozarts Requiem erstmals als ebensolches aufgeführt worden ist. Die Herzen der beiden Künstler gewann letztlich der an die Stiftskirche angrenzende Innenhof. Der Kreuzgang des Stifts Neukloster ist in der Tat pittoresk: Von den Arkaden bis zum Dach hält Efeu die Mauern umschlungen, ein schmiedeeiserner Brunnen verzückt das Auge mit üppiger Verzierung ebenso wie die Rosensträucher darum herum. Der Prior des Zisterzienserklosters nahm die Künstler damals freundlich auf, aber obwohl in Wiener Neustadt Bösendorfer-Klaviere produziert werden, scheiterte ein Liederabend ausnahmsweise nicht an Corona, sondern vielmehr an der Herausforderung, kurzfristig einen Flügel aufzutreiben.

Als die polnische Mezzosopranistin Justyna Ołów in der vergangenen Woche in ebendiesem Innenhof mit Ignacy Jan Paderewskis „Gdy ostatnia róża zwiędła“ („Rosentage sind verronnen“) ihr Programm eröffnete, war aus der ursprünglichen Idee eine dreitägige Veranstaltungsreihe erwachsen: Das Singfest Wiener Neustadt soll, wenn es die Stiftsherren und öffentlichen Fördergeber erlauben, künftig jedes Jahr jungen Gesangstalenten eine Präsentationsmöglichkeit bieten. Die diesjährigen, vom künstlerischen Leiter Tomasz Konieczny auserwählten Sänger:innen machten für dieses Vorhaben jedenfalls die bestmögliche Werbung. Justyna Ołów, die ab der kommenden Saison das Ensemble der Dresdner Semperoper bereichern wird, glänzte mit einem warmen, angenehm schlanken und einen schwermütig-tiefgründigen Charakter transportierenden Stimmklang. Mutig meisterte sie Wagners «Wesendonck-Lieder», besser kamen ihre Stärken in den «Vier Herbstliedern» von Paul Aron sowie bei Panderewski zu tragen. Darf man sich bei ihr in stimmtechnischen Nuancen sicherlich auf eine perfektionierende Entwicklung freuen, so wirkte anschließend der österreichische Shootingstar Paul Schweinester, der es im Lockdown als singender Fahrradkurier in die Medien geschafft hatte, als Liedsänger schlichtweg „fertig“. Die Art und Weise, wie der Tenor Ernst Kreneks «Reisebuch aus den österreichischen Alpen» interpretierte, war kaum zu überbieten. Ebenso hinreißend wie sein strahlendes, mit Metall garniertes Timbre war die Wortdeutlichkeit, die der Qualität von gesprochenen Texten um nichts nachstand. Neben Krenek bekam das Publikum von ihm fünf Teile aus Hugo Wolfs «Italienischem Liederbuch» sowie fünf Schubert-Lieder zu hören.

Eine Entdeckung für das österreichische Publikum war am dritten Abend der polnische Bass Paweł Horodyski, mit dem Großartiges heranwächst. Unter allen Stimmlagen erreichen die Bässe ihre stimmliche Hochphase bekanntlich vergleichsweise spät – ungeachtet dessen verfügt der gerade einmal 21-jährige Horodyski bereits jetzt über eine kratzig-sonore Stimme – und hat, wenn man anderthalb Jahre alte Youtube-Videos als Vergleich heranzieht, in kurzer Zeit bereits einen kräftigen Sprung gemacht. Er wurde am dritten und letzten Abend von Mauro Filippo Zappalà, einem Studenten von Lech Napierała, gleichermaßen solide wie zurückhaltend begleitet.

Die ursprüngliche Idee wurde ebenfalls realisiert: Tomasz Konieczny und Lech Napierała sorgten für einen bedrückend berückenden Abend mit Mahlers «Kindertotenlieder» und Mussorgskis «Lieder und Tänze des Todes». Konieczny interpretierte diese Zyklen mit größtmöglichem Kontrast aus Piano und Stimmwucht, was insbesondere bei Mussorgski für packende Momente sorgte.

Am Ende dieser Feuertaufe stand die Erkenntnis, dass unweit der Bundeshauptstadt innerhalb von nur wenigen Wochen ein Mini-Liedfestival aus dem Boden gestampft worden war, das über ein beachtliches Wachstumspotential verfügt. Es bleibt zu hoffen, dass die überbordenden Dankesreden durch den Migrart-Vereinspräsidenten Daniel Wagner zu Beginn der jeweiligen Abende, die der derzeitigen polnischen Botschafterin in Wien, Jolanta Róża Kozłowska, ebenso galten wie den Klosterherren sowie der niederösterreichischen Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner, ihre Wirkung nicht verfehlen. Vielleicht denkt man im kommenden Jahr dann auch an den Verleih von Kuscheldecken – in diesem Jahr war es Ende August bereits ziemlich „huschi“.


Veranstaltungshinweis

In den Kasematten von Wiener Neustadt findet von 16. September 2021 bis 30. Juni 2022 das Bösendorfer Festival unter der künstlerischen Leitung von Florian Krumpöck statt. // kasematten-wn.at