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Staatstheater Nürnberg

Der Eitle und der Lahme

Vivaldis Pasticcio «Bajazet» («Il Tamerlano») – historisch informiert, im Heute spielend und gelungen

Klaus Kalchschmid

25. Okt 2021

Nach der Pause geht die Post ab bei der Nürnberger Erstaufführung von Antonio Vivaldis großartigem Pasticcio «Bajazet» («Il Tamerlano»), uraufgeführt im Karneval des Jahres 1735 in Verona: Da platzen im Quartett am Ende des 2. Akts die eifersüchtige Irene und der schwer gehbehinderte Bajazet ins Schlafzimmer des berüchtigten Tartaren-Herrschers Tamerlan, der seinen türkischen Widersacher gefangen hält. Sex-Pistolen-Spielchen zelebriert Asteria, Bajazets Tochter, da grade auf einem großen Pracht-Bett mit dem zukünftigen Gatten. Später gesteht sie, dass sie Tamerlan tatsächlich umbringen wollte. Aber dazu kam es nicht, und auch ihr erneuter Versuch mit vergiftetem Wein, als sie den Tyrannen auf Knien bedienen soll, scheitert, denn die ursprünglich als Gattin des Tyrannen vorgesehene Irene, die als ihre eigene Bedienstete verkleidet im Hintergrund agiert, deckt den Mordversuch auf. Und wird dafür wieder die Favoritin des Herrschers. Bajazet nimmt sich das daraufhin hinter der Bühne das Leben, die verzweifelte Asteria wird ebenso wie ihr Geliebter Andronico begnadigt.

In Nürnberg dirigierte Wolfgang Katschner in der bereits für den 7. November 2020 geplanten Produktion nach der wissenschaftlich-kritischen Ausgabe von Marco Beghelli ein historisch informiertes Orchester mit Gästen an je zwei Theorben, Cembali und Naturhörner. Die Streicher des Nürnberger Staatstheaters spielten mit Barockbögen; und das Ergebnis ist genauso aufregend wie vor einer Woche das Musizieren des Orchesters im Münchner Gärtnerplatztheater im Barock-Pasticcio «Amors Fest». Dabei waren hier wie dort die Aufgaben heikel, in der Bayerischen Landeshauptstadt sind es vier verschiedene Barock-Komponisten in den vier Teilen, in der Franken-Metropole gilt es nicht nur Vivaldi stilecht und -gerecht zu musizieren, sondern auch den Duktus eines Johann Adolph Hasse, Nicola Porpora, Riccardo Broschi und Geminiano Giacomelli perfekt zu trefen. Denn Vivaldi hat nicht nur seine eigene Musik aus «L’olimpiade», «Farnace», «Giustino», «Atenaide» oder «Semiramide» recycelt, sondern exakt die Hälfte der 22 Nummern von eben diesen vier Komponisten entlehnt. Ein solches Pasticcio (italienisch: Pastete) war seinerzeit beliebt, in diesem Falle aber auch ein geschickter Schachzug des Komponisten: Seinerzeit galt die Venezianische Oper und damit auch Vivaldi schon ein wenig veraltet. Was und wie in Neapel komponiert wurde, war dagegen der letzte Schrei. Also geht Vivaldi den Königsweg einer raffinierten Mischung. Und versteckt auch gleich noch einen Seitenhieb in der Partitur. Denn seine Musik gehört den positiven Charakteren wie Asteria und Bajazet; die schwachen oder herrschsüchtigen Charaktere singen dagegen die „fremde“ Musik. Freilich hat Vivaldi sie raffiniert ausgewählt, nur das Beste seiner Konkurrenten genommen und geschickt adaptiert, nicht zuletzt mit Überleitungen, die er manchmal spannend als „recitativo accompagnato“ komponierte, also als vom Orchester begleitete Rezitative. Vor allem im dritten Akt wird daraus ein Brillant-Feuerwerk eines „Best of Baroque“, wie man es sich nicht schöner wünschen könnte.

Nina Russi und ihr Bühnenbildner Mathis Neidhardt, der ein raffiniertes Labyrinth aus sich stetig wechselnden Räumen konstruiert hat, verorten das Geschehen im Heute. Bajazet kritzelt, während er im Gefängnis sitzt, Sätze an die Wand, die er den berühmten „Gefängnisheften“ des italienischen Kommunisten Antonio Gramsci (1891-1937) entnimmt. Er war von 1926 bis 1934 unter Mussolini inhaftiert, erkrankte in der Haft mehrfach schwer, wurde aber nicht behandelt. 

Ganz im Gegensatz dazu steht der teure Schick, mit dem sich Tamerlan oder Irene kleiden (Kostüme: Annemarie Bulla). Und auch die Kontroversen, die auf der Bühne verhandelt werden, zeugen von ganz unterschiedlichen Welten: Hier Bajazet (ein grimmig ausdrucksvoller Bariton: Florian Götz), der im Rollstuhl sitzt. Dort Tamerlan in Gestalt des koreanischen Countertenors David DQ Lee. Er läuft im Lauf des Abends zu immer brillanterer Hochform auf, verziert schon mal das Dacapo einer Arie nicht nur virtuos  und reizt die Tessitura vom Bass-Register bis zum gleißenden Spitzenton aus, sondern hört auch nicht auf, eitel zu tänzeln. Mit Irene hat er die Falsche in die Wüste geschickt, denn Julia Grüter – gerade hat sie einen der drei dritten Preise beim ARD-Musikwettbewerb gewonnen – lässt sich nicht einschüchtern und zieht darstellerisch und vokal alle Register mit einem herrlich gehaltvollen, schön und farbig timbrierten Sopran, der technisch wie musikalisch bereits ausgereift ist. Nicht zuletzt die Bitch, die sie auf der Bühne mit viel Witz sein darf, sichert ihr den meisten Applaus des Nürnberger Premierenpublikums, deren Liebling sie offensichtlich in den letzten Jahren geworden ist.

Dagegen hat es die in den verschiedenen Lagen etwas unausgeglichene junge Mezzosopranistin Almerija Delic als Asteria nicht leicht. Aber auch sie ist eine tolle Darstellerin, die ihre kleinen vokalen Schwächen geschickt für die Charakterzeichnung einer Frau nutzt, die eigentlich ein Punk mit neongrün gefärbten Haaren, einer Faust auf dem schwarzen T-Shirt in Stiefel mit Minirock ist und vielleicht lieber ein Mann wäre. Wunderbar, wie sie sich breitbeinig im Glitzerkleid auf dem Sofa hinflätzt und dabei einmal mehr stramme Schenkel und Waden sichtbar macht. Ein feiner, sanfter, warmer Mezzo in der Hosenrolle des Andronico ist dagegen Nian Wang. Das erinnert an die 28-jährige Elīna Garanča, die in der Einspielung unter Fabio Biondi diese Partie sang. Wang vermag den zögerlichen jungen Mann wunderbar zu singen und zu spielen, weshalb sich die Sitznachbarin ganz erstaunt zeigt über das Geschlecht der Darstellerin. 

Wolfgang Katschner ist ein Spezialist für historisch informiertes Musizieren, hat in Nürnberg 2018 schon Händels letzte Oper «Xerxes» wunderbar dirigiert und ist nicht nur der musikalische Leiter der renommierten Lautten Compagney, sondern reisender Missionar in Sachen authentischem Barock an mittleren und kleinen Häusern, weshalb man ihn schon 2010 in Passau mit Monteverdis «Poppea» oder zuletzt in Augsburg mit «Orfeo ed Euridice» erleben konnte. Nun klingt auch «Bajazet», seit langem bis zur Generalprobe fertiggeprobt, aber pandemiebedingt nicht öffentlich aufgeführt, wie ein Juwel. Leider ist die vom Bayerischen Rundfunk übertragene Premiere nicht mehr auf der Website des Senders nachzuhören.

«Bajazet» («Il Tamerlano») – Antonio Vivaldi
Staatstheater Nürnberg ∙ Opernhaus

Kritik der Premiere am 23. Oktober 2021
Termine: 28./30. Oktober, 01./07. November 2021

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