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Oper Leipzig

Deckel drauf und gut gesungen

Ulf Schirmer und David Pountney realisieren Wagners «Meistersinger von Nürnberg»

Roberto Becker

26. Okt 2021

Jede Neuinszenierung einer Wagneroper in seiner Geburtsstadt Leipzig ist derzeit auch ein Schritt auf ein gigantisches Unternehmen hin: „Wagner 22“. Der scheidende Intendant der Leipziger Oper Ulf Schirmer gönnt sich und der globalen Wagnergemeinde die Aufführung aller Wagneropern an seinem Haus. Vom 20. Juni bis 14. Juli 2022 wird es in „drei Wochen Unendlichkeit das gesamte Bühnenwerk Richard Wagners in einem Festival“ geben. So jedenfalls wirbt die Oper weithin. Dem „schnupfenden Gnom aus Sachsen mit dem Bombentalent und dem schäbigen Charakter“ (so Thomas Mann) würde das vielleicht sogar gefallen, obwohl er ja den drei Opern vor dem «Fliegenden Holländer», also «Feen», «Liebesverbot» und «Rienzi», den Zutritt zu seinem Festspielhaus in Bayreuth auf ewig verwehrt hat. Der Punkt auf dem I der Riege von Schirmes Wagner-Regisseuren, der kommt zum Schluss; den soll nämlich des Komponisten Urenkelin und Festspielchefin Katharina Wagner mit ihrer zweiten «Lohengrin»-Inszenierung setzen. Sie hatte den Schwanenritter schon einmal 2004 in Budapest hochpolitisch an Land gehen lassen. Die für den kommenden März geplante Inszenierung ist eine Koproduktion mit Barcelona und wird nun – coronabedingt – zuerst in Leipzig zu erleben sein. 

Die «Meistersinger», die Jochen Biganzoli zum 50. Jahrestag der Wiedereröffnung der Leipziger Oper 2010 inszeniert hatte, waren dem scheidenden Hausherrn wohl zu sehr vom Geist durchdrungen, den Peter Konwitschny für einige Jahre am Haus etabliert hatte. Er lud also David Pountney nach Leipzig ein, um dieses besondere Wagnerschmuckstück neu auf die Bühne zu bringen. 

Am Pult des Gewandhausorchesters stand natürlich Schirmer selbst. Beim Schlussapplaus wirkte er so entspannt, als hätte er den Abend von der Loge aus verfolgt und nicht einen Hauptteil der Kunstarbeit geleistet. Wagner ist für ihn offenbar mehr Vergnügen als Anstrengung. Obwohl einem beim Vorspiel (ganz alte Schule bei geschlossenem Vorhang) die Musik regelrecht um die Ohren flog und man schon Sorge hatte, wie die Sängercrew dem wohl standhalten werde, gelang Schirmer vom ersten gesungenen Ton an ein Musterbeispiel von Balance mit den Protagonisten. Die revanchierten sich mit referenzverdächtiger Wortverständlichkeit. Der Sängerwettstreit auf der Festwiese war in diesem Falle eingebettet in ein großes Sängerfest drumherum.

Was man hier geboten bekommt, wird das erste Mal so richtig klar, wenn man plötzlich den endlosen Erklärungen der vielen Arten, Töne zu produzieren, mit denen David Walther (und das Publikum) traktiert, gebannt zuhört. Bei dem hinreißend souveränen Matthias Stier kommt man gar nicht auf die Idee, sich das Ende der Litanei herbeizuwünschen. Auch die (von Wagner etwas stiefmütterlich bedachten) Frauenrollen sind mit Elisabet Strid als Eva und Kathrin Göring als Magdalene exzellent besetzt. Kein Wunder, dass Sachs in der Schusterstube seinen Verzicht auf diese Eva nochmal in Zweifel zieht und dass Magdalene von Stolzing nicht als die „Alte“, sondern als die „Andere“ bezeichnet wird. Die Originalvokabel wäre ungerecht, die verwendete erfasst, was man sieht. Und in beiden Fällen durchwegs aufs Wort versteht. 

In dieser Beziehung haben es die Männer sowieso immer etwas leichter. Aber auch hier herrscht eitel Wagnerstimmensonnenschein: Magnus Vigilius ist ein vokal passgenauer Stolzing mit strahlenden Tönen, samt einer verführerischen Ausstrahlung und darstellerischen Lockerheit. James Rutherford ist der in sich ruhende, wohltönende und intelligent artikulierende Hans Sachs ohne jede Altherrenattitüde. Nicht der raffinierte Spitzbube, wie Beckmesser meint, eher ein lebenskluger Mann, der seinem Gefühl folgt. Obendrein mit unangestrengter Kondition bis zum Schluss. Die hätte sicher auch der Beckmesser Mathias Hausmann. Der durfte aber zur Premiere infektbedingt nur spielen. Was er mit einer solchen Playbackperfektion machte, so dass man den von der Seite singenden, kurzfristig eingesprungenen Ralf Lukas irgendwann gar nicht mehr wahrnahm. Die Meisterriege führte der sonore Sebastian Pilgrim als Veit Pognar an, Tobias Schnabel nutzte die Chance, sich als Fritz Kotner zu profilieren. Sämtliche Meister und nicht zuletzt Sejong Chang als Nachtwächter und der von Thomas Eitler-de Lint einstudierte Chor gereichten diesem Bühnen-Nürnberg zur Ehre.      

David Pountney schaute gleichsam mit einer Prise britischer Ironie von oben auf diese ja doch irgendwie besonders deutsche Oper. Er unterschlug dabei auch nicht – eher pflichtschuldig als mit Emphase – Verweise auf die historische Dimension der Rezeptionsgeschichte.

Das liebevoll als Holzmodell nachgebaute Nürnberg, das im ersten Aufzug von einem Arena-Halbrund (Bühne: Leslie Travers) umgeben ist, als wäre man in Verona, geht während der Prügelfuge natürlich zu Bruch und wird am Ende von der Projektion einer Ruinenlandschaft überblendet. Davor gehen als rot und als schwarz stilisierte Gruppen (Kostüme: Marie Jeanne Lecca) aufeinander los und machen zwischen die Fronten geratenen Bürgern in Unterwäsche Angst. Dazu passt, dass der Nachtwächter ein Kriegsversehrter ist. Im Kleinformat findet sich die Ruinen-Silhouette als Miniatursägearbeit auf dem Dach der Schusterstube wieder. Eine Das-gab-es-auch-Verzierung auf der Bauernstubenidylle, für die es zur Festwiese heißt: ab in die Versenkung und Deckel drauf. Jetzt wird ein Modell des Reichstags aufgebaut und als Podest für den Gesang benutzt. Beim Aufmarsch der Zünfte fallen nur die Meister in ihrer historischen Kostümpracht auf. Einzig Beckmesser (der ja als Stadtschreiber auch zu den Meistern gehört) kommt in dem Klischee-Schwarz des ewigen Außenseiters, der nach seinem Scheitern auf der Festwiese einfach das Weite sucht und auch verschwunden bleibt. Der siegreiche Walther von Stolzing in strahlendes Weiß gekleidet und strahlend singend, lässt sich schnell davon abbringen, ohne Meisterehre mit Eva glücklich zu sein. Pountney billigt der Ansprache von Hans Sachs am Ende zu, dass er damit Walther von Stolzing überzeugt. Was diese berühmt-berüchtigte Ansprache um die Kriegszeit herum bedeuten sollte oder heute, in einem anderen historischen Kontext, auch bedeuten könnte, das bleibt offen. Vielleicht finden Eva und die Frauen, die sich von diesem Getöse abwenden, eine Antwort. Pountney umschiffte sie – aber der Auftrag zum Selberdenken ist ja auch etwas.


«Die Meistersinger von Nürnberg» - Richard Wagner
Oper Leipzig ∙ Opernhaus

Kritik der Premiere am 23. Oktober 2021
Termine: 21./28. November 2021, 2. Januar, 3. Juli 2022

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