Opernwelt

Valentin Schwarz

„Theater sind Übungsräume der Demokratie“

Nastasia Sophie Tietze

15. Jan 2021

Seit dem Gewinn des Ring-Awards vor drei Jahren geht es in der Karriere des Regisseurs Valentin Schwarz steil bergauf. Im vergangenen Sommer hätte er bei den Bayreuther Festspielen die Neuinszenierung von Wagners »Ring des Nibelungen« besorgen sollen. Dann kam Corona. Mit OPERN∙NEWS sprach der intellektuelle Nachwuchsstar während des Lockdowns 2.0 über das, was ihm in dieser ungewöhnlichen Zeit am Theater besonders wichtig ist.


Diesen Sommer hätte Ihre Inszenierung von Wagners »Ring« bei den Bayreuther Festspielen Premiere gehabt. Wie lange haben Sie gebraucht, um zu realisieren, dass er nicht auf die Bühne kommt?

Ich stecke immer noch drin im Schock. Auch wenn ich wohlgemut bin, dass der »Ring« 2022 aufgeführt wird, ist ungewiss, wie die gesundheitspolitischen Auflagen in den kommenden Sommern sein werden. Diese Überlegungen betreffen nicht nur die Beteiligten auf und hinter der Bühne, sondern auch das Publikum, das in Bayreuth traditionell sehr international ist. Die Inszenierung war zu hundert Prozent vorbereitet, die Bühnenbilder sind gebaut, die Kostüme anprobiert, das Konzept steht. Die künstlerische Vollbremsung erfolgte, als wir bereits aufs Spielfeld hinausgelaufen waren. Das raubte uns den Atem. 


Wie gehen Sie mit der Coronakrise generell um?

Mir persönlich hilft der Umstand, dass ich diese Erfahrung nicht alleine mache. Vor allem wir als darstellende Künstler befinden uns weltweit in derselben Situation. Es ist ein Zustand, der von kaum jemandem in unserem Metier ignoriert werden kann und alle betrifft – die einen gravierender als die anderen. 


Worauf sollten die Kunstschaffenden in dieser Situation achten?

Das wichtigste ist, dass wir eine Haltung dazu besitzen, eine kollektive Handlungsfähigkeit bewahren und nicht ins diskursive Abseits geraten. Neben allen persönlichen Eitelkeiten, keine Kunst produzieren zu können: Es ist tragisch, dass ausgerechnet die Theater- und Opernhäuser, die in der Regel inmitten des Stadtzentrums gebaut wurden und als zentrale Orte der Begegnung fungieren, auf einmal verwaist sind und eine Atmosphäre von Geisterhäusern bekommen haben. Ich meine das nicht nur in künstlerischer, sondern auch in gesellschaftlicher Hinsicht: Es bleibt die Möglichkeit verwehrt, sich darüber auszutauschen. Die Oper ist ein gefährdungsfreier Raum, wo unterschiedliche Positionen aufeinandertreffen, ohne dass man sich die Köpfe einschlagen muss. Die Theater sind, um es hochzuhängen, Übungsräume der Demokratie. Diesen Verzicht finde ich besonders schmerzhaft. Und mir fehlt der Aufschrei, der einen solchen Verlust begleiten muss. Wir dürfen keine Sekunde verlieren, diesen Zustand als Ausnahmezustand zu benennen, eine häufig beschworene Normalität findet im Bezug auf die Opernhäuser nicht statt.


Inwiefern kann die beschränkte Situation, in der sich die Theater momentan befinden, neue Wege eröffnen?

Das anfängliche Ausweichen ins Digitale stellt für mich überhaupt keine dauerhafte Lösung dar. Die Unmittelbarkeit des Theaters, der Bühne, der Darsteller, die Unwiederholbarkeit, aber vor allem auch der Austausch untereinander, die Begegnung des Publikums – diese Merkmale definieren unser Genre. Zwar sind die budgetäre Ausstattung und die Infrastruktur gegeben, und die Künstler haben nach wie vor Lust, doch findet eine Verunmöglichung der Arbeit statt. Dass diese Kombination zu keiner Lösung findet, will ich eigentlich nicht glauben. 


Werden Sie sich nach dieser einschneidenden, gesamtgesellschaftlichen Erfahrung der Pandemie noch mit Ihrem »Ring«-Konzept identifizieren können?

Der »Ring« gärt in uns weiter. Die Reifung künstlerischer Ideen ist ein Prozess, der in der „Werkstatt Bayreuth“ ohnehin immanent ist: Jedes Jahr werden Inszenierungen überarbeitet oder aufgefrischt. Außerdem sehe ich einen Vorteil im Werk selbst. Es bietet ein unglaubliches Reservoir an Themen und Motiven. Um dem gerecht zu werden, muss ein Konzept ohnehin eine weitläufige Perspektive eröffnen. In diesem großen Entwurf sind wir, zumindest gefühlt, unabhängig vom tagespolitischen Geschehen. 


Über das Konzept dürfen Sie aus vertraglichen Gründen nicht sprechen. Aber worin sehen Sie generell die Herausforderungen beim »Ring«?

Der »Ring« ist halt lang (lacht). Aber ich sehe ihn als Chance, einem Rezipienten gegenüberzutreten, der sich bemüßigt, vier Abende mit uns zu verbringen – und das innerhalb einer Woche! Das ist eine Anstrengung, die aber auch ein Vertrauensverhältnis entstehen lässt, eine unglaublich immersive Erfahrung, ähnlich dem Binge Watching bei Serien: An den verschiedenen Abenden tauchen Charaktere immer wieder auf und halten das Werk zusammen, trotz aller Divergenzen und Brüche, die nicht auszuklammern sind. Wie jedes große Werk ist der »Ring« als Monolith kein Diamant, der von allen Seiten gleich zurechtgeschliffen wurde. Er besitzt keine Makellosigkeit, sondern hat hier und da einen Bruch, eine Fehlstelle oder Leerstelle, teilweise auch dramaturgische Rätsel, die uns begegnen. Diese Divergenz trotzdem zu einem Gesamterlebnis zu formen, dem Zuschauer eine Gesamterfahrung zu bieten, die sich nicht in einzelnen Motiven verheddert, das ist für mich der wesentliche Auftrag. 


Wie nähern Sie sich einer Oper, wie entsteht Ihr Inszenierungskonzept?

Eine generelle Lösung gibt es nicht, denn jede Oper birgt unterschiedliche Anforderungen. Was ist das für ein Gebilde, das uns über die Zeiten überliefert wurde? Nicht nur Libretto und Musik, sondern auch die Inszenierungs-, Rezeptions- und Forschungsgeschichte sind Teil des Werkes selbst. Dieses Konglomerat, das bei manchen Repertoirestücken ganze Regalmeter füllen kann, nenne ich Werkmaterial. Es zu erkunden und daraus die für mich und unser Team richtigen Schlüsse zu ziehen, ist eine subjektive und individuelle Aufgabe. Mir ist bei diesem Prozess wichtig, dass die klassische Rollenverteilung zwischen Regie, Bühnen- und Kostümbild aufgebrochen wird. Jeder trägt die gleiche Verantwortung, das Werk für sich zu erarbeiten. Oper ist eine Kunst des Teamworks: Die verschiedenen Gehirne, Biografien und Prägungen ermöglichen letztendlich einen viel reichhaltigeren Zugang. Meine Hauptaufgabe als Regisseur ist nicht, eine globale, befriedigende Antwort auf ein Werk zu finden, die überzeitlich gültig und unübertreffbar ist. Im Gegenteil: Das Ziel muss sein, ein Ereignis zu schaffen, das am jeweiligen Abend etwas Eigenständiges, Starkes und vielleicht auch Großes in jedem von uns bewirkt. 


Sie arbeiten seit langem mit dem Bühnenbildner Andrea Cozzi zusammen. Auch den Bayreuther »Ring« haben Sie zusammen entwickelt. Was verbindet Sie miteinander?

Wir haben uns während des Studiums in Wien kennengelernt. Andrea kam aus Mailand, um sich in Bildender Kunst zu profilieren, um Maler zu werden. Zufällig sind wir beide als Assistenten in derselben Produktion gelandet: Er im Bühnenbild, ich in der Regie. Der Reichtum dieser speziellen Beziehung besteht im nahezu gleichen Referenzrahmen. Aufgrund unserer gemeinsamen Erfahrungen entfällt, was sonst zu Beginn von sinnvoller künstlerischer Zusammenarbeit geklärt werden muss, nämlich die Frage: Was ist Kunst für dich? Zugleich ist Andrea auch mein erster Kritiker. Offenes Nachfragen und Selbstkorrektur prägen unsere Zusammenarbeit.


Inwiefern sehen Sie in Ihrer Tätigkeit eine politische Verantwortung?

Darüber ich denke ich viel nach. Es gibt, banal gesagt, keine unpolitische Kunst. Eine Message ist immer da, was häufig auch allzu leichtfüßig beschworen wird – gerade wenn man die Verwerfungen ansieht, die Me Too zum Vorschein gebracht hat, nämlich dass hinter vielen heilen Theaterwelten eine negative und gefährliche Backstage besteht, die die Ideale der Bühnenwelt konterkariert. Als Verantwortlicher einer Produktion lege ich Wert darauf, im gefährdungsfreien Raum der Probebühne die Möglichkeit des Miteinanders zu schaffen, und ich lehne jede von oben mit Macht herbeigeführte Entscheidung oder machtmissbräuchliche Verwendung total ab. Zudem braucht jede große Kulturinstitution einen Leiter oder eine Leiterin, der oder die sich klar zur Gegenwart positioniert, denn wir sind im Zentrum einer Stadt, im Zentrum einer Gesellschaft. Diese Haltung muss sich zeigen und kann sich auch auf die Interpretation eines Werkes übertragen. Diese Verantwortung muss sich nicht immer in einer künstlerischen Art und Weise zeigen, da sind wir bereits etwas weiter als in vergangenen Zeiten. Politisches Theater ist für mich nicht nur Theater, das politische Botschaften enthält, sondern Theater, das eine Haltung transportiert, unabhängig von der künstlerischen Position dahinter. 


Wie sollen diese Haltungen transportiert werden?

Ich verstehe mich nicht so sehr als Antwortgeber, denn wie andere Menschen bin ich ein Fragensteller, der sich bestimmte Problematiken, die uns alle betreffen, anschaut und die daraus hervorgehenden Fragezeichen artikuliert. Wir sollten uns nicht davon beeinflussen lassen, wer den lautesten Schnabel hat und wer mit der sonorsten Stimme spricht, sondern wer am besten Fragen stellt. Wesentlich ist mir in diesem Kontext das Prinzip der Selbstkorrektur – wenn jemand mit einer Meinung reingegangen ist und durch das Geschehen auf der Bühne oder um ihn herum den Mut hat, auch anders über eine bestimmte Sache zu denken. Das ist eine Fähigkeit, die gerade heute extrem wichtig geworden ist. 


Wahn und Wahnsinn, Unbegreifliches, aber auch Pathologisches – all das sind Motive, die sich durch Ihre Inszenierungen wie ein roter Faden ziehen.

Diese Themen berühren die Urgründe des Menschseins. Wir sind eine begrenzte Zeit auf dieser Erde und es gibt unterschiedliche Strategien, mit dem Verlöschen, dem Nichts umzugehen – es zu bekämpfen oder zu ignorieren. In der Kunst finde ich eine Vergegenwärtigung dieser Frage bedeutsam. Der Ehrgeiz und die Energie von Menschen, die sich einem Projekt mit Haut und Haaren verschreiben – das hat in seiner Lächerlichkeit etwas Imponierendes für mich, denn es ist ja letztendlich nur die Anstrengung von ein bisschen Sternenstaub. Im Gegensatz zu allen anderen Geschöpfen zeichnet Menschen aus, dass wir uns nicht von der Umwelt tragen lassen, sondern die Gegenwart aktiv gestalten können. Die ethischen Konsequenzen daraus sind allerdings extrem unterschiedlich. Und trotzdem: Ohne diese Energie, ohne Manie und Obsession wären nur ganz wenig große Werke entstanden.


Ihre Inszenierungen sind nicht frei von Interventionen oder Brüchen, die das Erzählgeschehen aufsprengen, worauf Teile des Publikums mitunter irritiert reagieren, wie zuletzt an der Staatsoperette Dresden, wo Sie Offenbachs »Banditen« in Szene gesetzt haben. Was bezwecken Sie damit?

Gerade in der Oper finden wir eine völlige Schizophrenie vor: Wir begeben uns in eine Handlung hinein, erleben unglaubliche Augenblicke und magische Momente der Unmittelbarkeit, wenn Musik und Szene ineinander greifen. Trotzdem erfordert das Eintauchen in einen solchen Moment, dass wir uns einer gemeinsamen banalen Illusion hingeben, nämlich dass hier jemand singt und nicht spricht. Eine geschlossene Erzählung ist also eine Fiktion, die wir uns selbst aufbauen. Und umgekehrt: Ist es nicht ein Wunder, dass die Brüche nicht in unserem Hauptaugenmerk stehen, sondern jeder für sich eine Gesamterfahrung destillieren kann? Die Momente, in denen ich in manchen meiner Inszenierungen einen Bruch in ein nicht zu ignorierendes Faktum bringe, sind nicht destruktiv gedacht, sondern akzentuieren letztendlich eine Brüchigkeit, die den Werken innewohnt. 


Ihre Arbeiten offenbaren einen großen Fantasiereichtum. Was inspiriert Sie, wo finden Sie geistigen Widerhall?

Als Regisseur bin ich in einer gesegneten Lage, für die ich jeden Tag danken möchte. Ich kann in einer Art und Weise meine Umwelt aufnehmen und gleichzeitig reflektieren, wie in kaum einer anderen Berufsausübung. Die Welten und Möglichkeiten, die wir erschaffen und erfinden, die nicht selber leben zu müssen, sondern zeigen zu können, dafür empfinde ich große Dankbarkeit. Hinsichtlich der Inspiration kann man heute auf einen Reichtum zurückblicken, sich bilden und inspirieren wie es in wenigen Epochen möglich war. Ob der berühmte Einfall beim Zähneputzen oder am Schreibtisch passiert, wie sich Inspiration aufbaut, ist ein großes Rätsel. Jede Erfahrung und jeder Eindruck resoniert irgendwo in mir und findet einen Ausdruck. Einen Ausdruck dann auch artikulieren zu dürfen, das ist der Schatz, den ich mit meinem Beruf habe.


Das Interview fand während des Lockdowns Anfang November via Internet-Video-Call in Stuttgart, wo Valentin Schwarz lebt, und Berlin statt.


Valentin Schwarz studierte in Wien Musiktheaterregie und war anschließend als Regieassistent in Weimar, Mannheim und Stuttgart tätig. 2017 gewann Schwarz gemeinsam mit seinem Ausstatter Andrea Cozzi den ersten Preis und zahlreiche Sonderpreise beim Ring Award Graz, dem wichtigsten Wettbewerb für Musiktheaterregie. Seither waren seine Inszenierungen u.a. in Karlsruhe, Montpellier, Darmstadt und Dresden zu sehen.